Heft 239 August 2010
Kommentar


KOMMENTAR:

Unbehagen ist angesagt. Nicht nur beim Umziehen im Freibad. Mehr mit Blick auf die Tatsache, dass das gesamte Bad erst seit sechs Jahren in Betrieb ist. »Vernachlässigt« ist eine der häufigsten Beschreibungen für den Zustand seitens der Badegäste. Manche sagen und schreiben auch »heruntergekommen«. Anscheinend wird gerade so viel erneuert und instandgesetzt, wie unbedingt erforderlich. Die Ausstattungen waren von Anfang an bescheiden: Sport- und Freibad haben jeweils sechs Duschen für Frauen und sechs Duschen für Männer. Nicht gerade üppig. Auch nicht, wenn alle Duschköpfe gleichzeitig funktionieren. Angesichts der Finanzierungsprobleme war aber nicht mehr drin. Zur Erinnerung: Ursprünglich wollte die Stadt Mainz das Bad alleine zu einem Wellness-Tempel umbauen. Doch die Kreditinstitute versagten ihre Zustimmung. Deshalb sprang ein privater Investor in die Bresche. Das Finanzierungskonzept, wonach die Stadt insgesamt jährlich maximal 875.000 Euro Schuldendienst und Betriebskostenzuschuss zahlt, ließ sich nicht aufrechterhalten. Auch die ursprüngliche Absicht, über die Verpachtung der Gastronomie durch die Mainzer Wohnbau GmbH, die städtischen Kosten für die Badunterhaltung zu drücken, wurden aufgrund der Wirtschaftlichkeitsberechnungen des Investors adacta gelegt. Seit sechs Jahren kostet die Badunterhaltung die Steuerzahler 1,87 Mio Euro jährlich. Ob die gut angelegt sind, sollte überprüft werden. Sonst sind vielleicht in zehn Jahren nicht nur immer mal wieder Spindschlösser und Duschköpfe kaputt, sondern die Farbe fällt immer mal wieder samt Putz von den Wänden.

SoS
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Titelstory

Taubertsberg-Freibad:

Mehr Kontrolle für dauernden Badespass?


Badespass im Freibad

»Könnt Ihr Euch nicht mal wieder ums Taubertsbergbad kümmern?« Seit dem DER MAINZER in der Juni-Ausgabe 2009 über diverse Mängel im Sportbad berichtet hatte, wurden wir in Zuschriften und Anrufen gebeten, doch auch den Sauna- und Thermenbereich »unter die Lupe« zu nehmen und im Freibad mal nach dem Rechten zu schauen. Sauna und Therme lassen wir weiter außen vor, denn der »Einfluss« der Stadt Mainz beschränkt sich auf Sport- und Freibad. Dieser »Einfluss« bedeutet für die Stadt seit der Inbetriebnahme des Bades vor sechs Jahren jährliche Kosten in Höhe von 870.000 Euro für den Schuldendienst und 1 Million Euro Betriebskostenzuschuss für den privaten Badbetreiber. Da wir, wie die meisten Mainzer im heißen Juli ständig das Bedürfnis hatten baden zu gehen, suchten wir Abkühlung im Taubertsberg-Freibad, schauten uns um und fragten nach.

Ein Wochentag im Juli, um die Mittagszeit. Trotz der Hitze keine Schlange an der Kasse, schön! Rasch zu den Spinden gesprintet, Klamotten rein und - »Kann ich ihren Spindschlüssel haben?« Als ich verneine, geht die junge Frau sofort zum nächsten Badegast, der sich an seinem Spind zu schaffen macht - der mag seinen Spindschlüssel aber auch nicht hergeben. An heißen Tagen ist im Taubertsberg-Freibad das Spind­schlüs­sel-Such-Problem alltäglich meist ab der Mittagszeit zu beobachten. Das Interesse an den abschließbaren Schränken ist verständlich: Portemonnaie, Mobiltelefon und anderes, was von Wert ist und im Rucksack oder den Hosentaschen »versteckt« auf der Wiese zurückgelassen wird, wirken anziehend auf Diebe. Die Badbetreiber übernehmen keine Haftung und die Anzeige bei der Polizei gegen Unbekannt wegen Diebstahl bringt weder Autoschlüssel noch Scheckkarte zurück. Entsprechend groß ist der Run auf die Spinde - immerhin 180 stehen zur Verfügung. Oder auch nicht. 89 Spinde haben gar kein Schloss, sind »außer Dienst«. Von den 91 mit Schloss haben nicht alle ein Bändchen, um sie sicher an Arm oder Bein zu befestigen. »Letztes Jahr waren auch schon viele Spinde ohne Schloss«, erinnert sich eine zufällige Spind-Nachbarin. Offensichtlich findet das Spindschloss-Problem im Sportbad (DER MAINZER, Juni 2009) seine Fortsetzung im Freibad. Und die Aussage an der Kasse, demnächst würden eh alle Spinde abgebaut, weckt wenig Hoffnung, irgendwann doch noch dem »Luxus« wohl verstauter Wertsachen frönen zu können.



Kosten für den Bad-Neubau

Die Finanzierung für den Bad-Neubau (ohne Sauna und Therme) wurde beim Richtfest 2004 wie folgt dargestellt: von den netto 19 Millionen Euro Gesamtkosten haben das Land Rheinland-Pfalz 4 Millionen übernommen, die Stadt Mainz nahm einen Kredit von 11,7 Millionen auf, dessen Schuldendienst von 870.000 Euro unter dem eine Million Euro teuren Betriebskostenzuschuss für das alte Bad liegt. 3,3 Mio steuerte die stadtnahe MAG durch den Ankauf des ehemaligen Schwimmbad-Parkplatzes bei.


Fehlende Spind- schlösser? Na und?

In Vertretung der erkrankten Taubertsbergbad-Betriebsleiterin, antwortet die Prokuristin der Deyle-Gruppe in Stuttgart, Elke Brugger, auf die Frage, warum so viele Spindschlösser fehlen: »Viele Gäste nehmen, oft sicher aus Versehen, ihre Schlüssel mit oder verlieren diese.« Da es keine Ersatzschlüssel gibt, müssten die Schlösser komplett ausgetauscht werden - ein nicht ganz billiges Unterfangen, wie sie zugibt. Der, wie Frau Brugger sagt »Sommervorrat für die Freibad-Spindschlösser« sei bereits zur Neige gegangen, man bemühe sich schnellstmöglich um Ersatz. Die Antwort auf die Frage, ob in Erwägung gezogen worden sei, das System der Schlösser komplett zu ändern, lautet: »Nach dem idealen Schlosssystem für kombinierte Frei- und Freizeitbäder haben wir tatsächlich schon lange gesucht. Eine für das Taubertsbergbad Mainz in allen Punkten als wirklich besser überzeugende Lösung konnte jedoch noch nicht gefunden werden, weshalb wir die Schlösser bis auf weiteres austauschen werden.«

Instandhaltung: ordnungsgemäß?

Ausgetauscht könnte, so das subjektive Empfinden auch die Farbe im Umkleidebereich, wo alles schmuddelig wirkt: die Fußbodenplatten, die Wände der (wenigen) Umkleidekabinen. Nur ja keinen direkten Körperkontakt lautet die Devise. Entspanntes Duschen (von sechs Duschen funktioniert eine mangels Druckknopf gar nicht) und Umkleiden (duster genug, um nicht ganz genau hinschauen zu müssen) ist anders. Da die Betreibergesellschaft laut Vertrag mit der Stadt Mainz verpflichtet ist, die ordnungsgemäße Instandhaltung des Bades sicherzustellen, fragen wir die Prokuristin nach den Ausgaben für die Instandhaltung. »Weit über 1 Million Euro« lautet die Antwort. Welche Instandhaltungsmaßnahmen damit finanziert werden, wird allerdings nicht erläutert: »Eine Aufzählung würde sowohl inhaltlich als auch vom Platz her den Rahmen sprengen.« Spätestens jetzt kommen die Eintrittspreise wieder in den Sinn: 3 Euro pro Erwachsenem - sozialverträglich nennt sich diese Preisgestaltung, die ohne Ermäßigungen z.B. in Form von Mehrfachkarten auskommt. Kinder sind mit 2 Euro dabei, macht 10 Euro pro Tag für Papa, Mama und zwei Kinder - viele werden sich häufigeren Besuch dieses Freibades nicht leisten können. Neben dem Einfluss auf die »sozialverträgliche Preisgestaltung«, wurde die steuersubventionierte Unterstützung den städtischen Gremien mit der Inanspruchnahme des Bades durch Schulen und Vereine schmackhaft gemacht. Laut Sportverwaltung stehen den Vereinen pro Woche 39 Bahnenstunden im Sportbad zur Verfügung. Die Mainzer Grundschulen nutzen zudem 38 Bahnenstunden pro Woche, was, den Berechnungen der Sportverwaltung zufolge 15.200 Besuchern jährlich entspricht und damit die vertraglich vereinbarten 15.000 Schulschwimmbesucher knapp überschreitet. Auf die Frage, ob seitens der Schulen, bzw. der Schwimmlehrer Mängel wie nicht-funktionierende Duschen beanstandet würden, verneint Sportkoordinator Günter Pfeifer: Es sei schließlich bekannt, dass nicht mehr die Stadt für den Badbetrieb verantwortlich ist, sondern die Taubertsbergbad Mainz Betriebsgesellschaft mbH & Co. KG, ergo würden sich etwaige Beschwerden wohl direkt an die Verantwortlichen richten.



Kosten für die Bahnenstunden

Kosten für die Bahnenstunden (eine Bahnenstunde bedeutet die Nutzung einer Schwimmbahn für 45-60 min., egal ob von zwei oder von 20 oder noch mehr Personen) Die Betreibergesellschaft zahlt 1 Million Euro pro Jahr Pacht und erhält von der Stadt Mainz 1 Million Euro Zuschuss, damit die Stadt Einfluss auf die sozialverträgliche Preis­gestaltung nehmen kann und um die Bahnenstunden für Schulkinder und Vereine zu sichern. Ausgehend von 40 Wochen pro Jahr, die von Schulen und Vereinen durchschnittlich genutzt werden, kostet jede Bahnenstunde die Stadt 324,68 Euro: 39 Bahnenstunden für Vereine plus 38 Bahnenstunden für Schulen macht 77 Bahnenstunden pro Woche, mal 40 Wochen macht 3.080 Bahnenstunden pro Jahr, 1 Million geteilt durch 3.080 ergibt 324,67 Euro. Zum Vergleich: 20 Kinder im Alter von 5-14 Jahren zahlen für 90 Minuten Sportbad für den regulären Eintritt a 2,70 Euro zusammen 54 Euro.


Ärgerlich. Aber rechtlich notwendig.

Da das Bad mit Steuergeldern gebaut wurde, treten einmal jährlich die Sportverwaltung und der Bauherr, die Gebäudewirtschaft Mainz (GWM), im Taubertsbergbad zur Begehung an, um ihren Kontrollpflichten nachzukommen. Dabei werden Mängel in Augenschein genommen und Wege zur Abhilfe vereinbart. Seit Inbetriebnahme schlagen sich alle Beteiligten mit diversen Gewährleistungsmängeln herum. Zwar ist die fünfjährige Gewährleistungsfrist abgelaufen, doch beanstandete Mängelrügen harren noch der letztendlichen Beseitigung. Manches, so GWM-Mitarbeiter Wolfgang Steinborn, sei für Badegäste ärgerlich und nicht einsehbar. Um rechtlichen Überprüfungen Stand halten zu können, verzögere sich häufig die Beseitigung von Mängeln. Beispielsweise musste vor der Behebung eines Dach-Schadens ein vierjähriges gerichtliches Beweissicherungsverfahren abgeschlossen werden. Auch über die Wasserbeständigkeit des Fliesenklebers wurde lange gestritten, wobei in allen Fällen der Gewährleistung die komplizierte Kette vom Generalunternehmer über den Subunternehmer und die Hersteller bis zu den jeweiligen Juristen und Gerichten reicht. Instandhaltung und Unterhaltung seien im Vertrag mit der Betreibergesellschaft klar geregelt, so Steinborn. Allerdings gebe es keine detaillierte Auflistung, was in welchen Zeiträumen erneuert und ausgetauscht und frisch gestrichen werden müsse, das sei nicht üblich. Der GWM-Fachmann weist darauf hin, dass die Erhaltung eines angemessenen Zustands schließlich auch im Sinne des Betreibers liege - der wolle mit dem Badbetrieb Geld verdienen. Blieben die Badegäste aus, sei das schlecht möglich. Geld verdienen könnte, laut Vertrag, sogar die Stadt Mainz, wenn der Betreiber mit Sport- und Freibad Gewinne erwirtschaften würde. Bislang war das nicht der Fall. Steinborn meint, dass der Betreiber durchaus Engagement für das Bad zeigt: Auf eigene Kosten habe die Deyle-Gruppe eine Wasserrückgewinnungsanlage installiert. Damit werden Wasser und Energie eingespart. Außerdem werde die Bereitschaft der Betreiber, Mängel abzustellen, immer wieder unter Beweis gestellt. Die nächste gemeinsame Begehung soll voraussichtlich im August stattfinden. Vielleicht erhalten Sportverwaltung und GWM zufriedenstellende Antworten zum Dauerbrenner kaputte Spindschlösser? Wobei auch geklärt werden könnte, ob die Spinde im Freibad, sofern sie tatsächlich komplett abgebaut werden sollen, Eigentum der Stadt oder des Badbetreibers sind. Alles andere sehen die »Kontrolleure« bestimmt selbst.


SoS