Heft 239 August 2010
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Ringen

Auf ein Neues:

Die Endrunde ist das Ziel!


ASV-Trainer Cakici

Mit dem Start in die neue Saison Mitte des Monats geht bei Ringer Bundesligist ASV Mainz 88 die Ära Baris Baglan endgültig zu Ende. Knapp fünf Jahre lang hatte der Trainer die sportlichen Geschicke des Klubs geprägt. Nach einer nicht enden wollenden Niederlagenserie war er dann Ende vergangenen Jahres mehr oder weniger überraschend zurückgetreten. Für die letzten Kämpfe hatte danach Ahmet Çakici die Verantwortung übernommen. Jetzt steht der neue Coach vor seiner ersten Komplettsaison am Mattenrand des ASV. Für den MAINZER allemal Grund genug, mit ihm zu sprechen.

Herr Çakici, mit welchen Gefühlen, Hoffnungen, Erwartungen und vielleicht Ängsten starten Sie und Ihr Team in die neue Saison?

Çakici: Die Erwartungshaltung ist schon groß. Aber das ist für mich nichts Neues. Das war in meiner Zeit in Goldbach so. Und in Aalen ebenfalls. Dort zählte jeweils nur die Meisterschaft. Das muss man in Mainz natürlich etwas differenzierter sehen. Allein schon deshalb, weil wir finanziell nicht die Möglichkeiten haben, wie der ein oder andere Konkurrent.

Sie haben das Traineramt unter - sagen wir mal so - eher unglücklichen Umständen übernommen. Was hat sich im Verein seitdem alles getan? Vor allem außerhalb der Matte?

Çakici: Gerade im organisatorischen Bereich haben wir uns extrem weiterentwickelt. Denken sie nur einmal an unser neues Trainingszentrum in Weisenau. Aber auch die Wahl von Professor Eckhart Pick zum neuen Vorstandsvorsitzenden war wichtig. Er hat den Verein in der Vergangenheit schon zwei Mal in ruhige Gewässer geführt und gibt auch jetzt eine klare und richtige Linie vor.

In wie weit haben Sie in der Zeit eigentlich noch einmal den Kontakt zu Ihrem Vorgänger Baris Baglan gesucht?

Çakici: Gar nicht. Wie auch? Er hat von sich aus hingeschmissen. Und er hat offenbar auch kein Interesse, mit mir zu sprechen. Dabei kennen wir uns über 30 Jahre. Ich war sein Trainer. Unsere Familien waren befreundet. Aber er glaubt wohl, ich hätte nach meiner Rückkehr nach Mainz von Anfang an geplant, ihm den Platz streitig zu machen. Das will ich hier mal klarstellen. Ich bin aus privaten Gründen hierher zurückgekommen. Hier lebt meine Familie, hier hatte ich einen Anlaufpunkt. Und dass ich mir dann die Kämpfe meines alten Vereins anschaue, zumal Mitglieder meiner Familie aktiv mit von der Partie waren, ist doch wohl selbstverständlich, oder?! Noch mal: Er hat von sich aus hingeschmissen. Dass der Verein dann auf mich zukam, erklärt sich auch von selbst. Erstens lief die Saison noch, es blieb also keine Zeit für eine lange Suche. Und zweitens war ich verfügbar. Was glauben sie, wie viele Trainer damals auf dem Markt waren? Wir sind keine Vollprofis, gehen alle noch einer »normalen« Arbeit nach. Da kann man nicht so einfach umziehen.

Sie haben das Team mächtig umgekrempelt, insgesamt zehn Neuzugänge verpflichtet. Warum dieser »Komplettumbruch«?

Çakici: Zum einen, weil Teile des alten Kaders einfach nicht bundesligatauglich waren. Das klingt hart, ist aber Fakt. Zum anderen aus moralischen Gründen. Das betrifft die beiden Franzosen Christophe Guenot und Lokman Kaplanbaba. Beides Weltklasseringer und im vergangenen Jahr absolute Leistungsträger. Aber nachdem Baglan weg war, wollten sie nicht mehr auf die Matte gehen. Und das, obwohl wir mit ihnen noch die Chance gehabt hätten, die Endrunde zu erreichen. Aus meiner Sicht haben sie die Mannschaft im Stich gelassen. Und das geht für mich gar nicht.

Mit Ihren Neffen Hakan und Kubilay stehen auch zwei Mitglieder Ihrer Familie im Kader. Keine Angst, dass dadurch vielleicht einmal der Vorwurf »Vetternwirtschaft« entstehen könnte?

Çakici: Nein, auf keinen Fall. Beide waren ja auch schon vor meiner Zeit im Kader. Von daher . Bei Kubilay kommt dazu, dass er ein riesiges Talent ist. Das zeigen seine Ergebnisse bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften. So einen jungen Mann muss man fördern. Das würde ich auch tun, wenn er nicht mein Neffe wäre.

In der vergangenen Saison hat der ASV sein selbst gestecktes Ziel, das Erreichen eines Play-Off-Platzes, am Ende deutlich verpasst. Backen Sie nun kleinere Brötchen? Oder bleibt es dabei?

Çakici: Ziel war und ist die Endrundenteilnahme. Daran lasse ich mich messen, auch wenn es schwer wird. Einige Vereine haben doch einen deutlich größeren Etat, als wir. Aber wir haben die Qualität, jeden zu schlagen. Und ich glaube, dass die Mannschaft ihre volle Stärke erst in der Rückrunde zeigen wird, also im Laufe der Saison zulege kann. Das könnte in der Endphase ein Vorteil sein.

Wie stark schätzen Sie die Konkurrenz ein?

Çakici: Für mich ist der KSV Aalen der absolute Topfavorit. Sie sind nicht nur der amtierende Deutsche Meister, sie haben sich auch noch einmal punktgenau verstärkt. Dahinter erwarte ich Weingarten und Köllerbach. Und dann kommen weitere drei, vier Mannschaften, die sich um den vierten Play-Off-Platz prügeln. Darunter auch wir.

Als Aktiver und Trainer waren Sie insgesamt 17 Mal Deutscher Mannschaftsmeister. Wie wollen, wie können Sie diese Erfahrung nützen?

Çakici: Als Trainer müssen sie ihre eigene Motivation vorleben. Sie müssen Kompetenz und Selbstvertrauen ausstrahlen. Dann glauben ihre Sportler an sie. Schaden kann meine Erfahrung deshalb also wohl nicht.

Gestatten Sie einem Laien noch eine dumme Frage: Sie selbst waren im Freistil aktiv. Wie können Sie da Ihre griechisch-römischen Athleten trainieren?

Çakici (lacht): Im Fußball hätten Sie mich das wahrscheinlich nicht gefragt. Dabei war der Trainer von Schalke 04, Felix Magath, in seiner aktiven Zeit Mittelfeldspieler und trainiert jetzt wie selbstverständlich auch Stürmer, Abwehrspieler und Torleute, oder?! Aber - um Ihre Frage zu beantworten - das ist eigentlich ganz einfach. In meiner aktiven Karriere habe ich natürlich auch griechisch-römisch trainiert. Und das oft genug mit absoluten Spitzenathleten. Was die Technik angeht, kann ich jungen Kämpfern also schon einiges beibringen. Und absolute Weltklasseleute haben in dem Bereich meine Hilfe eh nicht nötig.

Danke, für das interessante Gespräch.
Mario Bast

Infos:
Erster Heimkampf der anstehenden Saison:
Freitag, 20.8. 20.30 Uhr ASV Mainz 88 - SV Germania Weingarten
Sporthalle Am Großen Sand, Obere Kreuzstraße 9-13, Mainz-Mombach

www.mainz88.de