Heft 239 August 2010
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber des Mainzers

Journalistische OP am offenen Mainzer Herzen


Mainz schwitzte in der historischsten Gluthitze seit Jahren auf seinen Plätzen. Derweil sich im Rathaus der komfortable Gedanke auf eine kleine Verschnaufpause von politischen Querelen breit machte und allen Entscheidungsträgern etwas wie das Sommerloch plötzlich wie gerufen kommt. Doch weit gefehlt: Die Landeshauptstadt kommt auch in der Ferienzeit nicht zur Ruhe. Ein Grund war die überregionale journalistische Würdigung eines Frankfurter Zeitungsgiganten, der sich die jüngste Vergangenheit von Mainz so rigoros und schonungslos vorgeknöpft hat, wie es bisher in Tageszeitungen nicht zu lesen war. Das dürfte nicht nur dem im Urlaub weilenden Oberbürgermeister die Sommerlaune verhagelt haben - auch andere, die in seinem Dunstkreis mit an den Schalthebeln der kommunalen Macht sitzen, sind unter Garantie alles andere als »amused«. Denn die angesehene Tageszeitung hat unter dem süffisanten Titel »Närrische Zeiten am Rhein« der Stadtführung lakonisch attestiert, dass ihr Pointen gelangen, die selbst Fastnachter neidisch machen würden. Analysiert und geschrieben: Und dann legt der Autor in einer bissigen journalistischen »tour de horizon« los und macht den halbseitigen Artikel zur Operation am offenen Mainzer Herzen. Nichts wird unter den Teppich gekehrt: Der wegen Rathausversäumnissen tollpatschige Abzug des mittlerweile weltweit engagierten Solarriesen Juwi von Mainz nach Wörrstadt, das bestellte und dann doch auf Eis gelegte Kohlekraftwerk mit den drohenden Regressforderungen, das »wenig politische Feingefühl« (Originalzitat) des Oberbürgermeisters, auf einem Erbpachtgrundstück der Wohnbau sein Privathaus bauen zu lassen - die Liste der Skandälchen und Verfehlungen liest sich in der Summe so spannend wie ein Stieg-Larsson-Krimi. Feder Dass auch noch das längst im Netz zum Kultsong avancierte "Wohnbau-Lied" des Mainzer Kabarettisten Lars Reichow im Artikel verewigt wird, ist sozusagen das Sahnehäubchen. Doch wühlt der pfiffige Autor, der bei objektiver Betrachtung den mit Abstand besten und konkurrenzlosen Bericht zur skurillen Mainz-Situation geschrieben hat, ebenso in der Neuzeit. Seine wörtliche Breitseite in Richtung der neuen Ampelkoalition: »Die neue Ratsmehrheit übt sich schon im Postengeschacher, ganz wie zu den Glanzzeiten der Handkäsmafia.« Zack, der Schlag auf die Zwölf hat gesessen. Bleibt abzuwarten, wie die Rathausverantwortlichen nach dieser schonungslosen Aufrechnung aus der Ferienpause kommen. Ein solcher Artikel hinterlässt in jedem Fall Spuren und ist nebenbei noch die schlechteste Imagewerbung für die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt. Wenn jetzt noch ein Hamburger Wochenmagazin nachlegt, ist der Mainzer Ruf endgültig ruiniert. Und wenn's mal durchwachsen läuft, naht schon der nächste Aufreger in Sachen Außenwirkung. Eine Großveranstaltung eines renommierten Hausgeräteherstellers, die für den Beginn des kommenden Jahres geplant war und bis zu 2000 Gäste nach Mainz holen sollte, platzte kurzerhand. Und die verantwortliche Agentur war mächtig verschnupft. Worüber? Zwei Hotels stellten im ersten Angebot lediglich je 50 Zimmer zur Verfügung, was Erstaunen bei besagter Agentur auslöste. Ganz den Atem raubte dem Eventchef aber dann die Tatsache, dass beide Hotels großzügig 350 Zimmer mit Preisnachlass anboten, wenn die beiden Häuser als Caterer in die Veranstaltung einsteigen dürften. Pech: Der Kunde der Agentur hatte sich hier schon entschieden und sich das Hyatt in Mainz als Caterer ausgeguckt. Und prompt wurden die Zimmerkapazitäten ohne Catering-Hintergrund angeboten. Doch die Karawane des Hausgeräteherstellers war schon lange weitergezogen und wird jetzt ihre Pläne in Hannover umsetzen. Die Moral von der ,Geschicht': Dumm gelaufen. Und die Mainzer, die die Story verfolgt haben, staunen nicht schlecht auf ihren Plätzen.


SoS