Heft 239 August 2010
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Lesen - Leseförderung

Leseförderung von Klein auf:

Mit Vorlesepaten in die Welt der Bücher


Deutsch-türkische Vorleserunde
Die deutsch-türkische Vorleserunde mit Fatma Dirim und Andrea Rohde

Die Vorlesepaten-Initiative der Stiftung Lesen besteht schon seit über drei Jahrzehnten. Bundesweit gehen rund 9.000 Vorleserinnen und Vorleser regelmäßig in Kindergärten, Grundschulen, Bibliotheken und andere Einrichtungen. Auch in Mainz wecken einige passionierte Leser, vor allem bei Kindern Interesse, die zu Hause kaum vorgelesen bekommen. Durch ihr Engagement möchten sie die Kleinen an aufmerksames Zuhören und Selberlesen heranführen, zugleich leisten sie einen wichtigen Beitrag zur aktiven Sprachentwicklung.

»Die beste Vorbereitung, um als Vorlesepatin oder -pate aktiv zu werden, ist der Besuch einer entsprechenden Fortbildung«, erklärt Claudia Presser, die seit 20 Jahren ehrenamtlich als Referentin für Vorlese- und Erzählseminare tätig ist. Gemeinsam mit der Bücherei am Dom organisiert sie Tageskurse für Interessenten jeden Alters. Neben dem Einüben praktischer Vorlesefähigkeiten vermittelt sie, wie man geeignete und altersgemäße Literatur auswählt, eine lesefreundliche Atmosphäre schafft und Kinder in die Vorlesesituation einbindet.

Mittlerweile lesen in Mainz über einhundert Freiwillige an 80 Orten vor - eine Übersicht darüber bietet der Vorlesekalender, den Bücherei am Dom und Stiftung Lesen jeweils im Frühjahr und im Herbst veröffentlichen. Regelmäßige Vorlesertreffen dienen unter anderem dem Austausch über Geschichten oder Gedichte, die bei den Zuhörern gut ankommen.

Eigene Bilder im Kopf entwickeln


Wolfgang Dittmers
Wolfgang Dittmers bei seiner "aktuellen Stunde"

Begleitet man die Ehrenamtlichen zu ihren Vorlesestunden, spürt man, wie sich ihre eigene Begeisterung auf die Kinder überträgt: Gerade haben die Kids von St. Petrus Canisius in Gonsenheim noch draußen gespielt - doch als ihre »Vorlesefrau« Hanne Knoll vorbeikommt, warten sie gespannt darauf, welche Geschichten sie diesmal mitgebracht hat. Mit dem Buch »Koko mit dem Zauberschirm« entführt sie die Zuhörer in ein Land der Träume.

Auf den Illustrationen gibt es viel zu entdecken, es werden viele neugierige Fragen gestellt und unbekannte Worte geklärt. In der eigentlichen Vorlesesituation sind solche Gespräche enorm wichtig, um die Erlebnisse der Kleinen mit einzubeziehen«, berichtet die Diplom-Sozialarbeiterin. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es Kindern, die das Vorlesen nicht gewohnt sind, anfangs schwerer fällt, ruhig sitzen zu bleiben und zuzuhören. »Doch nach und nach macht es ihnen großen Spaß, ihre eigenen Bilder im Kopf zu entwickeln, statt alles vom Fernsehen vorgegeben zu bekommen«, erzählt die 59-Jährige stolz.

Auch Monika Schröder liebt es, ihren »Minni Maxen« in Laubenheim vorzulesen. Bis zu ihrer Pensionierung war sie dort 17 Jahre lang als Erzieherin tätig - ihr Wunsch ist es, weiter mit der Einrichtung verbunden zu bleiben. Die Kinder genießen die besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn sie ihre blaue Lesebrille aufsetzt und die Bücher langsam wie Schätze hervorzaubert. Bei einer Tiergeschichte variiert sie gekonnt die Stimme und erzeugt so Spannung. Anschließend spricht sie mit den Kindern darüber, was ihnen gut gefallen hat und die kleinen Zuhörer spielen Szenen nach. Etwas zum in die Hand nehmen bringt sie außerdem mit, wie bei der Geschich­te von der Prinzessin auf der Erbse.

Dem Sprachklang lauschen


Andrea Rohde, die dort als Erzieherin arbeitet, hat gemeinsam mit einer Mutter einen neuen Ansatz entwickelt: Abwechselnd lesen sie an zwei Nachmittagen im Monat Passagen auf Deutsch und Türkisch vor, aus den Abenteuern des kleine Eisbären Lars.

Fatma Dirim, die auch akzentfrei deutsch spricht, hatte so ihre kleine Tochter mit beiden Sprachen vertraut gemacht. In der multikulturellen Einrichtung lauschen einige interessierte Kinder - mit und ohne Migrationshintergrund - dem Klang einer anderen Sprache. Die beiden Vorleserinnen freuen sich, wenn sie das Leuchten in ihren Augen sehen und die Offenheit für andere Kulturen von klein auf fördern können.

Auch viele Senioren mögen es, vorgelesen zu bekommen. Wie ein Nachrichtensprecher wirkt Wolfgang Dittmers, wenn er in seiner »Aktuellen Stunde« Bewohnern des Alten- und Pflegeheims »Am Münchfeld« aus der Tageszeitung vorliest. Ob Wirtschaft und Politik in Deutschland und in der Welt oder das aktuelle Geschehen in Mainz - ein Mal pro Woche stellt er interessante Berichte zusammen, die er langsam und deutlich vorträgt. Auch Gesundheitstipps und bunte Meldungen sind beliebt - und zum Abschluss das Wetter. Die älteren Menschen hören ihm gespannt zu, danach gibt es sogar Applaus. Für ihn wie für die anderen ehrenamtlichen Vorleser ist dies die schönste Art der Zuhörer, Danke zu sagen.


Nicole Weisheit-Zenz

Infos:
www.stiftunglesen.de
www.wir-lesen-vor.de