Heft 239 August 2010
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Knodderer

Generation Wohlstand:

tickende Zeitbomben


Gewalttäter

Er murrt gern, nörgelt sich durch alles, was ihm quer kommt und brummelt am liebsten halblaut vor sich hin. Deshalb nennen wir ihn »Knodderer«. Dieses Mal macht er sich Gedanken um die Zunahme von Gewalt in unserer Gesellschaft.

Wir leben im Krieg. Die Straße ist das Schlachtfeld. Die Anlässe für Angriffe sind beliebig - und nichtig. Ein Angstszenario? Mitnichten. Die rheinland-pfälzische Polizei stellt Berichte über ihre Einsätze ins Internet. Ein flüchtiger Blick genügt, um aus dem Angstszenario einen Tatsachenbericht zu machen: Schlägerei in der Diskothek! Grund war eine Rangelei auf der Tanzfläche. Weil der Arsch nicht weit genug ausschwingen darf, schwingt der Arsch halt vor der Tür eine aus. Oder: Streit zwischen Autofahrern eskaliert! Vorfahrt missachtet, beide diskutieren, einer droht mit einer Pistole. Und noch eine: Schlägerei vor Einkaufsmarkt. Einen Grund geben die Streithähne nicht an. Alles in Mainz passiert - alles innerhalb von zwei Wochen. Dabei landen längst nicht alle Gewaltausbrüche im Polizeibericht. Zum einen werden viele Fälle nicht gemeldet. Zum anderen verfolgen die Behörden kaum etwas. Jetzt könnte man sagen: Das ist auch gut so, die Polizei ist eh überlastet. Mag sein. Aber das ist nicht gottgewollt. Wir hätten es in der Hand, die Polizei gescheit auszustatten. Und wir setzen falsche Schwerpunkte: Immer noch werden Leute vors Gericht gezerrt, weil sie 3 Gramm zu viel Hasch zu Hause haben. Aber wenn einer sich auf der Gass prügelt, schweigt der Staatsanwalt, weil das »Öffentliche Interesse« fehle. Was jemand zu Hause macht, interessiert uns, Öffentlichkeit also nicht? Auch wenn da eine tickende Zeitbombe rum läuft? Denn es sind tickende Zeitbomben. Wenn einer fünf Mal auffällt wegen Gewalttaten oder gar 20 Mal, dann stecken unendlich viele nicht bekannte Fälle dahinter. Dann ist das Argument mit der Nichtigkeit nichtig, dann ist der Mann gefährlich. Und so sitzen wir in der S-Bahn. 40 Erwachsene lassen sich von einem MP3-Player den Nerv töten. Keiner geht hin, sagt was - könnt ja ne tickende Zeitbombe sein. Aber selbst wenn nicht: Auf Einsicht braucht keiner zu hoffen. Bewusstsein für eigene Fehler ist so selten verbreitet wie Salzstreuer aus Porzellan auf Campingtouren. In der Neustadt wurden neulich Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit Bierflaschen beworfen. Sie waren um 3 Uhr gekommen, um einer Beschwerde wegen Partylärms auf den Grund zu gehen. Die Attacken wurden begleitet mit »Ihr Nazis«-Rufe. Bequeme Logik: Wenn ich anderen meine Laune aufzwinge und ihnen die Nacht nehme, bin ich ein Freigeist, der zu schützen ist. Wenn andere das nicht mit sich machen lassen wollen, sind sie Nazis. Das ist die Logik der Generation Einzelkind oder der Generation Wohlstand. Die Eltern waren so sehr für ihr Hatzeputzschen da, haben so prompt jeden Wunsch realisiert, dass die Hatzeputzschen jetzt nicht damit klar kommen, wenn die restliche Welt ihnen diesen Allein-Wichtig-Sein-Status nicht gewähren will. Warum dann noch Gewalt dazu kommt? Bequem wäre jetzt - wie für alles - die Killerspiele verantwortlich zu machen. Aber das geht tiefer. Wer sich als Gott seiner Welt sieht, gesteht sich auch das Strafen wie ein Gott zu. Ob mit dem Aufzwingen der eigenen Musik oder dem Setzen von Schlägen - das ist letztlich nur eine Frage des Temperaments.