Heft 238 Juli 2010
Werbung




Weinsenat

Südafrika trifft Rheinhessen

Fliegende Weinmacher und grüne Aromen


Jedem sein Shiraz: Carsten Mig -
liarina und Hans-Willi Fleischer
Jedem sein Shiraz: Carsten Migliarina und Hans-Willi Fleischer

Südafrikanische Weine und südafrikanische Speisen standen im Fokus des Mainzer Weinsenats.

Was ist ein Flying Winemaker? Carsten Migliarina lächelt nachsichtig. Die Frage wird dem Weltreisenden in Sachen Wein außerhalb seiner Heimat Südafrika immer wieder gestellt. Er ist ein Seiteneinsteiger, bekennt er freimütig, zehn Jahre arbeitete der in Namibia geborene Sohn deutscher Eltern als Sommelier in erstklassigen Hotels und Restaurants in Südafrika und in Europa. Dann folgte er vor acht Jahren seiner eigentlichen Berufung, wie er heute weiß. Er wurde Winzer. Er macht in allen großen Weinbaubetrieben der Welt die Ernte mit, auf der Nordhalbkugel im Herbst, südlich des Äquators im Frühjahr, und lernt auf seinen Reisen, was Kellermeister in aller Welt an Wissen und Erfahrung sammeln und berät heute weltweit große Kellereien. In Stellenbosch betreibt er eine »Weinboutique«. Gerade mal zwölftausend Flaschen stellt er im Jahr her - und sucht sich dazu in den Weinbergen der Kapregion die besten Trauben, um die Qualität herstellen zu können, die er anstrebt. Zu trinken sind seine Weine vornehmlich in Nobelrestaurants rund um Kapstadt und bei ausgesuchten Adressen in Kanada und Europa.

Schwer zu kriegen und doch so nah. Der Mainzer Weinsenat hatte Carsten Migliarina als Ko-Moderator eines Weinvergleichs rheinhessischer und südafrikanischer Weine eingeladen. An der Seite von Senats-Vorstandsmitglied Klaus Gres stellte er typische Vertreter des aktuellen südafrikanischen Weinbaus vor. Dabei hatten sich die beiden befreundeten Winzer einer besonderen Aufgabe gestellt: Die von ihnen ausgesuchten Weine begleiteten ein viergängiges Menü, das Spitzenkoch Klaus Heidel zur Einstimmung auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Gauls Restaurant in Mainz-Laubenheim servierte. Südafrikanische Küche, in ihrer Schärfe freilich auf rheinhessische Verträglichkeit reduziert. Strauß, Kingclip-Fisch, Springbock und ein Brandy-Pudding standen auf der Speisenkarte. Da war es nicht leicht, mit heimischen Weinen dagegen zu halten.

Die Teilnehmer der exklusiven Runde kamen aus dem Staunen nicht heraus. Carsten Migliarina und Klaus Gres hatten sich für den weinsensorischen Vergleich vier Themen gestellt: Sauvignon Blanc zum Straußen-Carpaccio, die typischsten Weißweinvertreter ihrer Region, also Riesling und Chenin Blanc zum Kingclipfilet, die typischsten Rotweine, also Spätburgunder und Pinotage zum gebratenen Springbock, und schließlich als Höhepunkt ein direkter Vergleich der in Südafrika verbreiteten, aber hierzulande eher exotischen Syrah/Shiraz-Rebe.

yyy
Angeregte Diskussionen mit überraschenden Erkenntnissen: Die Vergleichsprobe von typischen Weinen aus Südafrika und Rheinhessen des Mainzer Weinsenats.

Dabei hatte Rheinhessen gut lachen. Hans-Willi Fleischer, Chef des Weinguts der Stadt Mainz und Vorstandsmitglied des Weinsenats, hatte einige Flaschen seines 2006 Shiraz für die Probe herausgerückt. Der gute Tropfen ist im vergangenen Jahr Gewinner des Deutschen Rotweinpreises gewesen. Der südafrikanische Weinexperte war denn auch mehr als überrascht von der Qualität dieses deutschen Shiraz: »Ich ziehe meinen Hut«. Dabei musste sich sein eigener Wein, ebenfalls Jahrgang 2006, wahrlich nicht verstecken. Gärung bei niedrigen ph-Werten und biologischer Säureabbau gehören zu den Grundpfeilern seiner Weinmacher-Philosophie. Frisch und fruchtig, mit feiner Holznote und langem Abgang präsentierte sich sein Shiraz, dem alle Teilnehmer ein großes Potenzial für die nächsten Jahre vorhersagten. Diese beiden Spitzenweine sind auf Augenhöhe.

Selten habe er mit so fachkundigem Publikum eine Probe verbringen dürfen, lobte Migliarina am Ende, und so plauderte der internationale Weinfachmann auch gern aus dem Nähkästchen der südafrikanischen Winzerzunft. Es wird - verglichen mit Europa - oxidativer ausgebaut am Kap. Das gilt insbesondere für den Chenin Blanc, der die Hälfte der südafrikanischen Anbaufläche dominiert. Der Pinotage, ein typischer Südafrikaner, gelinge am besten, wenn er sehr kräftig und geduldig im Barrique ausgebaut wird. Mit zunehmendem Alter entwickelt sich dieser Wein dann immer mehr in die Richtung eines deutschen Spätburgunders, verriet Migliarina.

Die verkosteten Weine Zweiter Star der Probe war allerdings ein ganz anderer Wein. Deutliche Aromen von Spargel und grünem Paprika hatte Migliarina für einen 2009 Sauvignon Blanc von Springfield angekündigt. Bei den weinerfahrenen Senatoren, die an blumige Umschreibungen der Weinsensorik gewöhnt sind, rief das eher ein Lächeln hervor. Das wich barem, ungläubigem Staunen, als sie den Wein aus dem in Südafrika sehr guten Jahrgang verkosteten. Einen so eindeutig identifizierbaren Paprika-Ton hatte von den Proben-Teilnehmern noch keiner im Weinglas gehabt. »Grüner« kann ein Wein nicht schmecken.

Das Fazit des Flying Winemakers: »Nie war die Weinqualität weltweit so hoch wie heute. Die Spitze ist in allen Anbaugebieten ganz eng zusammengerückt. Das gilt vor allem dann, wenn sich die Winzer auf die Besonderheiten ihrer Region konzentrieren. Allerdings erhöht sich auch der Druck auf die Winzer, in den Folgejahren die Qualität ebenso hoch zu halten«.

An Besonderheiten hat es bei diesem Weinvergleich zweier so unterschiedlicher Anbaugebiete nicht gemangelt. Oder, wie es an dem Abend ausgedrückt wurde: »Ein Jammer für alle Weinfreunde, die bei diesem einmaligen Erlebnis nicht dabei sein konnten«.


WHO