Heft 238 Juli 2010
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Stadtrundgang

Unterwegs mit dem Mainzer Stadtschreiber Josef Haslinger :

Geschichten für den Schriftsteller


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Keine Berührungsängste hat er, der Stadtschreiber. Geht direkt auf die Menschen zu. Dem Mainzer »Schoppestecher« als Verkörperung der typisch meenzerischen Lebenslust und Trinkfreudigkeit zeigt er sich herzlich zugetan. Beim anschließenden Gang entlang der »Sterne der Satire- Walk of Fame des Kabaretts« gibt er angesichts des Satire-Sterns für Georg Kreisler spontan und durchaus wohl gelungen dessen »Gehn mer die Tauben vergiften im Park« wieder.

Der Schriftsteller, der Geschichten mag. Neugierig ist. Der sich eine Stadt »aneignet«, in dem er sie laufend erkundet. Wir nahmen den Stadtschreiber Josef Haslinger mit auf einen Stadtspaziergang. Sachkundig und wortgewaltig unterstützt von Hans-Joachim Kaindl. Der sein Wissen um die Landeshauptstadt ehrenamtlich im Dienste des Vereins »Geographie für Alle« zur Verfügung stellt. Und für uns und den amtierenden Stadtschreiber eine besondere Stadttour zusammengestellt hatte. In der es um Geschichten geht - über Mainz.

Josef Haslinger hatte bei seiner Antrittslesung im Mainzer Rathaus die Herzen der Mainzer im Sturm erobert. Offen, redegewandt, wissend. Ein in Wien Lebender, der zugleich als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig junge Menschen im Schreiben unterrichtet. Den die Stadt Mainz und das ZDF zum Stadtschreiber 2010 erkoren. Der von seiner Stadtschreiber-Wohnung aus mit viel Sympathie das Mainzer Treiben beobachtet. Der so oft es seine lehrenden Verpflichtungen in Leipzig und seine Familie in Wien erlauben, in Mainz weilt. Auf der Suche nach dem, was ihn hier so anzieht: Die Geschichte der Stadt, inklusive der vielfältigen Spuren der Österreicher den guten Wein, den Josef Haslinger zu schätzen weiß. Weshalb er vorsorglich, so erzählte Kulturdezernentin Ma­rian­ne Grosse bei der Inauguration, einige Flaschen aus Österreich mitbrachte. Josef Haslinger von der Qualität rheinhessischer Kreszenzen zu überzeugen, stand damit auch auf dem Programm für unsere Stadterkundung. In Verbindung mit gutem Essen, versteht sich.

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Die Mainzer: »Sie sind ungemein freundlich und offen, katholisch noch dazu und haben eine Weinkultur - das verbindet von vornherein.« Selbst den »Mainzer Fußballplatz« hat Josef Haslinger, der sich als eher zurückhaltenden Fan des runden Leders bezeichnet, als etwas Besonderes erlebt: »Mitten im Mainzer Fanclub stehend war mir eigentlich ein wenig mulmig, zuerst. Dann hat mich die friedliche Begeisterung doch mitgerissen.«

Auf dem Weg durch die Straßen und Gassen, gab es manche Gelegenheit, den Österreicher auf Einkehrmöglichkeiten hinzuweisen. Ihm die Besonderheiten der Speisenkarten und die Qualitätsunterschiede des Weinangebots vor Augen zu führen. Zum Abschluss wurden Speis und Trank im »Heinrich's« ausgiebig probiert. Und fachkundig erläutert von Werner Horn, dem Herausgeber des MAINZERs. Der weiß, wo es schmeckt.

Pflichten

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Ein Prosit dem Genuss! Im »Heinrich's« zeigt der Stadtschreiber angesichts der »Bäckchen in Rotweinsoße« auf der Schiefertafel eine überraschende Unentschiedenheit: Dass die Backen eines Rindviechs tatsächlich nicht nur genießbar sondern ein Genuss sein sollen, vermag er nicht recht zu glauben. Also Probieren - was sonst? Aber da locken noch die Kalbsnieren in Estragon-Senf-Sauce. Die salomonische Entscheidung von Werner Horn löst das Dilemma: Die Nieren zum Essen. Die Bäckchen zum Probieren. Wohlgefallen finden beide. Und bei nächster Gelegenheit will sich Josef Haslinger Rindviecher ganz genau anschauen - insbesondere deren Backen. (Im Hintergrund: Hans-Joachim Kaindl, Stadtführer Geographie für Alle und die Protokollantin, Marion Diehl.

Ganz unvertraut ist die Stadt dem Stadtschreiber nicht. Als Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift »Wespennest« (von 1976 - 1992) hatte er die Mainzer Minipressenmesse kennengelernt - das muntere Völkchen der Verleger, die so wenig am Geldverdienen orientiert waren, wie er sagt. Aber von ihren Erzeugnissen so überzeugt. Ilja Trojanow, 2007 Mainzer Stadtschreiber, hatte ihm begeistert von Mainz erzählt: »Unter Schriftstellern ist es begehrt, in Mainz Stadtschreiber sein zu dürfen.« Vorausgesetzt, räumt Josef Haslinger ein, sie lassen sich auf die Verpflichtungen, die diesem Amt innewohnen ein. Denn: Die Mainzer suchen den Kontakt zu »ihrem« Stadtschreiber. Wer das nicht mag, hat schlechte Karten. Was nicht heißt, dass der Stadtschreiber nur für diese Aufgabe zur Verfügung stehen soll - aber wenn er schon mal da ist, sollte er, oder sie, auch Präsenz zeigen. Wobei: »Man muss sich auch abgrenzen können. Den Wunsch einer jeden Schule zu erfüllen, das klappt nicht. Dafür ist die Zeit schlicht zu kurz.«

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Ein Kompliment macht der Stadt schreiber der Augustinerstraße: »Die ist viel sympathischer als andere deutsche Fußgängerzonen - viel bunter, abwechslungsreicher, mit den vielen kleinen Geschäften und der Kirche, das gefällt mir.« Wie gut, dass es diese »Stra ße«, im Volksmund sowieo nur »Augustiner - gas se« genannt, auch noch als »Augustinergässchen« und sogar als« Augustinerreulchen« gibt - wobei gut meenzerisch das »Reulche« zum »Reilsche« wird. Dahinein fand der Stadtschreiber direkt neben dem Augustinerkeller und durchs Augustinergässchen wieder raus.

Auf dem Programm steht auch ein Film mit dem ZDF. Josef Haslinger hat angekündigt, dass der sich um die Erlebnisse seiner Familie während des Tsunamis 2004 drehen wird. In »Phi Phi Island« hat er eindrücklich dokumentiert, wie sich das anfühlt, wenn eine Familie und deren Bekannte buchstäblich hinweggespült werden: »wir überlebenden von koh phi phi waren eine zufällige auslese. in unserem hotel standen die chancen fünfzig zu fünfzig. doch das große gericht hatte keinen gerechtigkeitssinn. wir waren zu viert gekommen und sind zu viert wieder abgereist.« (Aus: Haslinger, Josef: Phi Phi Island, S. 11. Frankfurt am Main: S. Fischer 2007) Ob das Filmprojekt so wie angedacht, verwirklicht werden kann, ist noch nicht ganz sicher. Ist auch noch ein bissel Zeit.

Josef Haslinger gilt als Autor, der gesellschaftliche Zustände literarisch verarbeitet. Ein Schuss Kritik an dem was ist und anders sein könnte, gehört dazu. Auch der österreichische Umgang mit der eigenen Geschichte: Opernball (1995), Vaterspiel (2000), Zugvögel (2006), Phi Phi Island (2007). »Viel Zeit zum Schreiben bleibt mir nicht mehr, die Arbeit als Lehrender steht im Vordergrund.«

Am Leipziger Literaturinstitut können von durchschnittlich 600 Bewerbern höchstens 20 angenommen werden - eine Auswahl die nicht leicht ist. Junge Schreibende in dem bestärken, was ihr Schreiben ausmacht, sie zu fordern und zu fördern, zu schulen an dem, was als klassische Literatur Anerkennung findet - alles im permanenten Austausch untereinander. Ohne einen »Kanon guter Literatur« als unverrückbaren Maßstab im Hinterkopf.

Geschichten

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Die Kirche St.Ignaz: »Die kenne ich noch nicht!« Staunen angesichts der gar nicht kleinen Orgel. Und der Beichtstuhl? Da muss man schon mal reinschauen! Schriftsteller sind halt neugierig.

Dass in Mainz nicht alles wirklich so ist, wie es scheint, lässt sich von der jüngsten bis in die ältere Historie zurückverfolgen. Hans-Joachim Kaindl verwies manch festgesetzte Wahrheit ins Reich der Erzählkünste. Der Kirschbaumstumpf am Rande des Kirschgartens, der nach eingehender Begutachtung von Stadtführer und Stadtschreiber als Eichenstamm identifiziert und Wurzellos sein Dasein an dieser Stelle bestimmt nicht immer gefristet hat. Der 50'igste Breitengrad, direkt unter den Füßen des Erfinders des Buchdrucks verewigt, der tatsächlich aber viele Meter weiter in der Seppel-Glückert-Passage verläuft.

Die »elf«, die magische Zahl der Mainzer Fastnacht, deren vermeintlich revolutionären Wurzeln »egalité, liberté, fraternité« anhand einer profanen französischen Zwei-Euro-Münze die Reihenfolge der Buchstaben als »lef« erkennen ließ. Überhaupt die Fastnacht - »wenn es lustig werden soll, muss es erst mal furchtbar ernst zugehen«, weiß der Stadtführer. Der Stadtschreiber bekennt sich zu seiner Abneigung »gegen diese Lyrik, die ihm zuwider ist.«

Als Jugendlicher mit »Mainz wie es singt und lacht« konfrontiert, wo sich die Konservativen, die er nicht mochte, lustig zu machen suchten: »Trotz Beschäftigung mit den Ursprüngen der Fastnacht, des Karnevals habe ich diese Verpestung des Humors nie verstanden.« Der Schriftsteller wäre nicht der neugierige, wissbegierige Josef Haslinger würde er nach kurzer Einführung in die Rituale der alternativen Fastnacht a la »Meenzer Drecksäck« nicht sofort bekunden: »Das möchte ich mir anschauen!«

Wir werden den Stadtschreiber beim Wort nehmen und dafür sorgen, dass er Fastnacht einmal ganz anders erlebt.


SoS