Heft 238 Juli 2010
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Hidden Champion

Der Eislöffel

Ein »stiller Star« der Mainzer Wirtschaft


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Oben links ist der grüne Lutscherstiel für den »nimm2 Lolly« von Storck, das »Ed v. Schleck«-Eis von Langnese braucht die grünen Stiele (Foto Mi.).

Durchschnittlich 7,7, Liter industriell hergestelltes Speiseeis verzehrte jeder Deutsche im vergangenen Jahr. Einen Teil davon garantiert mit einem Plastiklöffel. Dass der ein Mainzer Produkt ist, dürften die wenigstens wissen. Etwa 80 Millionen Löffel fertigt die Firma »Polyplast Mainz« jährlich an, dafür wirkt das Firmen­ge­bäu­de im Hechtsheimer Industriegebiet recht unscheinbar. Doch dahinter verbirgt sich ein europaweit vertreibendes Unternehmen. »Es gibt immer mehr Eis als Löffel in den Supermärkten«, stellt Bernd Bastian, der Inhaber von »Polyplast Mainz« fest. Kein Wunder, denn die kleinen Plastiklöffel eignen sich hervorragend zum Verzehr anderer Speisen. Deshalb fertigt das Unternehmen für die Firma »Migros« in der Schweiz auch Löffel für Fertiggerichte an. Außerdem werden Gabeln für Pommes und Salate hergestellt. Ein weiteres Produkt ist der grüne Stiel des »nimm2 Lolly« von Storck. Was aber macht den Mainzer Plastiklöffel so besonders? »Er ist aus hochschlagfestem Kunststoff und hält großen Temperaturunterschieden stand. Das macht ihn unzerbrechlich, keimfrei und splitterfrei und damit weltweit einzigartig«, so Bastian. Für die Produktion wird das sogenannte »Extrusionsverfahren« angewendet. Dabei wird der Kunststoff auf 100 bis 120°C erhitzt und durch eine Art Fleischwolf nach vorne befördert. Der dabei entstandene Strang wird weiterverarbeitet und in einem Werkzeug zweimal in eine Löffelform gepresst. Er kühlt ab und wird in einer Stanze gestanzt und vereinzelt. Der Löffel fällt in eine sogenannte PP-Folie(Polypropylen) oder in ein sulfatbeschichtetes Papier und wird verschweißt. Da der Löffel beim Verpacken noch Hitze aufweist, befinden sich keine Bakterien darauf.



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Mainzer Löffel in Norwegen

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In dieser Presse wird der Kunststoffstrang in die Form eines Löffels gepresst, später in der Stanze vereinzelt.

Diesen Vorteil hat nun auch ein norwegischer Eisdielenbesitzer erkannt und die einzeln verpackten Löffel aus Mainz angefordert. Wobei die kleinen Plastiklöffel, die es in Eisdielen zum Eis gibt, in der Regel nicht mit dem »Extrusionsverfahren« hergestellt werden, son­dern in einem »Spritzgussverfahren«, bei dem eine aufklappbare Form zusammen geklappt und Kunststoff hineingedrückt wird. Die industrielle Herstellung von Speiseeis begann in Deutschland Mitte der 1930er Jahre mit den Firmen Langnese und Schöller. »Polyplast Mainz« produziert unter anderem den Stiel des »Edv. Schleck« Eis von Langnese, das beim Reindrücken ein »Plop-Geräusch« hervorruft. Allerdings musste der Stiel in seiner ursprünglichen Form geändert werden und enthält nun keinen Hohlraum mehr. Denn die Stiele wurden in der Vergangenheit immer wieder als Trink­röhrchen missbraucht. Eine neue Idee hatte die Firma »Polyplast Mainz« für den skandinavischen Süßwarenmarkt - einen Lutscherstiel mit gelasertem Scancode. Dieser ist hygienischer, als ein Aufdruck und erleichtert den Zahlungsvorgang an der Kasse. »Polyplast Mainz« besteht bereits seit 1975. Vor fünf Jahren hat Bernd Bastian das Unternehmen übernommen. Der studierte Volkswirt war zuvor langjähriger Geschäftsführer der Firma Zöller in Mainz. »Ich wollte was eigenes machen«, berichtet der 51-jährige Nackenheimer. Und das hat sich ausgezahlt. 2008 wurde »Polyplast Mainz« als »Ökoprofit-Betrieb« und 2009 als einer der Mainzer »Hidden Champion« ausgezeichnet. Zehn bis 15 Mitarbeiter sorgten 2008 für einen Umsatz von 1 Mio. ?, 65 Prozent davon gingen in den Export. »Unsere Produkte werden in Form, Länge, Verpackung und Farbe immer ganz individuell nach den Wünschen des Kunden hergestellt«, erzählt Inhaber Bastian. So gibt es beispielsweise Löffel in allen erdenklichen Farben, sogar in ,metallic hammer'. Das heute aus dem Supermarkt bekannte Eis am Stiel hat übrigens der US-amerikanische Limonadenhersteller Frank Epperson im Jahr 1905 erfunden. Und das geschah auch eher zufällig. Er ließ ein Glas Limonade mit einem Löffel darin über Nacht im Freien stehen. Und am nächsten Morgen war es zu Wassereis gefroren. Was ist ein Hidden Champion? Wörtlich übersetzt bedeutet es etwa »heimlicher Gewinner«), geprägt wurde der Begriff maßgeblich von Professor Dr. Hermann Simon. Er lehrte in den Jahren 1989-1995 an der »Johannes Gutenberg-Universität Mainz« und untersuchte systematisch 500 »world's best unknown companies«. Die Unternehmen sollten drei Kriterien aufweisen, um sich als »Hidden Champion« zu qualifizieren: in der spezifischen Branche zu den »Top 3« auf dem Weltmarkt zählen, oder Nr. 1 in Europa sein, einen Jahresumsatz unter 3 Milliarden Euro und einen geringen Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit und am Markt haben. 2009 wurde eine Untersuchung zu möglichen Kandidaten kleiner und mittelständischer Unternehmen in Mainz durchgeführt. Grundlage waren Internet-Recherchen und Daten öffentlicher Institutionen. Mit letztlich 31 kleinen und mittelständischen Unternehmen wurden Experteninterviews geführt. Die Ergebnisse belegen, dass Mainz zahlreiche innovative Unternehmen aufweist - die kaum bekannt sind. (www.mainz.de )


Helena Winter