Heft 237 Juni 2010
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Mainzer Köpfe

Gutenberg und Arne Jacobsen:

Kamil Ivecen sorgt im Lomo für Eintracht


Kamil Ivecen
Kamil Ivecen

In einer Mainzer Kneipe ein Buch zu lesen ist ungewöhnlich. Außer im Lomo. Kamil Ivecen, ein Vollblut-Mainzer mit türkischen Wurzeln, betreibt mit seiner Familie die Buchbar. Wie man sich als Deutscher in Finnland und als Mainzer in Wiesbaden fühlt, was Arne Jacobsen mit Büchern zu tun hat, erzählt er dem MAINZER.

Eine ganze Wand im Lomo ist den gedruckten Werken vorbehalten, auf jedem Tisch liegt ein Buch. »Es kommen viele Gäste, um hier Bücher zu lesen.« Eine Buchbar, so erinnerst sich Ivecen an die Ursprungsidee, passe sehr gut zu einer Buchstadt wie Mainz. »Ich hatte in Zürich etwas ähnliches entdeckt, es war eine Buchhandlung mit angeschlossenem Café. Allerdings wollte ich keine Bücher verkaufen oder verleihen, so kam ich auf die Idee, Bücher zum Lesen auszulegen.« Für Nachschub sorgen Gäste, die Platz in ihrem eigenen Bücherschrank brauchen, aktuelle Titel kauft Ivecen dazu. Der Rückzug hinter ein Buch beinhalte auch die Chance, den Gastraum als Ort des Sehens und Gesehenwerdens in einen Ort des Sichzurückziehens zu verwandeln, beschreibt Ivecen eine weitere Grundidee des Konzepts.

Kamil Ivecen selbst kann im öffentlichen Raum nur Zeitung, aber kein Buch lesen: »Dazu brauche ich absolute Ruhe, ich muss mich komplett auf das Buch konzentrieren können - Buchgenuss pur, ist das.« Unter den Lieblingsautoren des 33-Jährigen sind George Orwell und der Sachbuchautor Jürgen Roth. Bis auf weiteres wird Lesen allerdings hinten anstehen müssen: Gemeinsam mit seiner Frau bereitet er sich auf die Geburt der Tochter im Juli vor. Kamil Ivecen ist in Pazarcik geboren, eine südöstliche Mittelmeer­provinz in der Türkei, in der, neben Kurden, traditionell viele Alewiten leben. Als er sieben Monate alt war folgte seine Mutter ihrem Mann ins hessische Heusenstamm.

Die beiden Brüder, Özgür und Veh, sind dort geboren. In die »Buchstadt Mainz« kam Kamil zum Jura-Studium. Die gesamte Familie nahm 2002 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er fühle sich rund­um als Deutscher, beantwortet Kamil Ivecen die entsprechende Frage. Richtig bewusst geworden sei ihm das erstmals in Finnland. Als ihm vorgeworfen wurde, die Deutschen hätten Finnland »abgefackelt«. »Es spielte keine Rol­le, dass ich nicht aussehe, wie man sich typische Deutsche vorstellt. Ich habe mich als Deutscher geoutet und wurde direkt für das mitverantwortlich gemacht, was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist. Dabei war ich da noch nicht einmal geboren.«

Wie sich die Medien zu Menschen mit Migrationshintergrund verhalten, kann Ivecen oft nicht nachvollziehen. »Jetzt reden alle von Aygül Özkan, als erster türkischer Ministerin in Deutschland - die ist aber doch genauso Deutsche wie ich. Oder der ,griechische Europaabgeordnete', der die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt - ich verstehe nicht, was das soll.« Die Gewissheit, Deutscher zu sein, überkommt Ivecen immer wieder bei der Rückkehr aus dem Ausland: »Wenn ich den ersten Bundespolizisten sehe, weiß ich, jetzt bin ich daheim!« Dass unter diesen Polizisten häufiger Gesichter zu finden sind, die auf ausländische Herkunft deuten, freut Ivecen: »Es hat lange gedauert, aber allmählich sind Deutsche mit Migrationshintergrund aus dem öffentlichen Leben nicht mehr weg zu denken.«

Stößt er wegen seines Äußeren auf Distanz und Ablehnung? »Manchmal, wenn ich Gästen als der Chef des Hauses vorgestellt werde, dann gilt es die ,komischen Blicke' auszuhalten.« In solchen Situationen helfe ihm sein Humor, lächelt Ivecen. Mit einem Scherz ließen sich angespannte Situationen meist lockern. Humor spricht auch aus seiner Antwort auf die Frage, ob er zwei Seelen in seiner Brust fühle. »Ja durchaus, beim Fußball. Da erlebe ich es als großen Vorteil, dass ich schon mal zwei Mannschaften im Rennen habe. Bei der Europa-Fußballmeisterschaft vor zwei Jahren zum Beispiel war klar, dass im Halbfinale Deutschland gegen die Türkei auf jeden Fall eine meiner Mannschaften gewinnen wird. So war es ja dann auch.«

Das ehemalige Restaurant »Drei Lilien« übernahm Ivecen 2002 und stellte mit der Einrichtung der Buchbar einen weiteren Mainz-Bezug her: Die Stühle hat Arne Jacobsen, der Architekt des Mainzer Rathauses, entworfen. Vom reinen Lesegenuss abgesehen ist die Buchbar Veranstaltungsort für Autorenlesungen und Filmabende, in Kooperation mit dem Literaturbüro, der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Frauenbüro und amnesty international. Mit den Brüdern betreibt Ivecen außerdem seit einigen Monaten das Schuhgeschäft »Butterweich« - weil er ein ausgesprochner Sneaker-Fan ist. Mit vielen anderen Mainzern teilt Ivecen eine besondere Abneigung: Er mag die Wiesbadener nicht! »Die sind so abgehoben so ganz anders.« Seiner Frau zuliebe ist er in der Kurstadt immer mal wieder zum Einkaufen unterwegs: »Wenn in diesen wunderschönen Häusern Mainzer wohnen würden, wäre das bestimmt die schönste deutsche Stadt.«


SoS

Aleviten
Er sei kein Moslem, beantwortet Kamil Ivecen die Frage nach der Religionszugehörigkeit. Seine Familie gehöre der Glaubensgemeinschaft der Aleviten an. Wikipedia zufolge steht die Entwicklung dieser Glaubensgemeinschaft im Kontext der Auseinandersetzungen in der islamischen Urgemeinschaft, die u.a. zur Unterteilung in Schiiten und Sunniten führte. Die größte alevitische Gemeinschaft besteht in der Türkei, deren laizistische Staatsform sie als Grundlage und Garantie ihrer Existenz betrachten. Allerdings kam es dort immer wieder zu Verfolgungen. Die Europäische Kommission hat die Diskriminierung der Aleviten in der Türkei im Rahmen der Beitrittsverhandlungen der Türkei zur Europäischen Union mehrfach kritisiert.

Wegen der garantierten Religionsfreiheit leben Aleviten gerne in Deutschland. Anders als im sunnitischen oder schiitischen Islam spielt die islamische Rechtsordnung Scharia im Alevitentum keine Rolle. Deshalb stelle sich für Aleviten in Deutschland auch nicht die Frage, ob Scharia oder Grundgesetz vereinbar seien. Zur Alevitischen Gemeinde Deutschland mit Hauptsitz in Köln gehören bundesweit 107 lokale Mitgliedsvereine. Mehr als 60 Prozent der eingeschriebenen Mitglieder haben, Ali Ertan Toprak zufolge, dem früheren Ersten und ab 2010 Zweiten Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft.