Heft 237 Juni 2010
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Kennenlernen

Virtuelle Partnervermittlung

Nicht das Gelbe vom Ei


Kennerlerner am PC

Frauen in einer Krankenkasse erobern zu wollen, erfordert eine durchdachte Strategie. Eine gute Taktik, ist der Besitz eines grau-metallischen Opel-Fahrzeuges oder und ein schönes Plätzchen auf der BAT-Besoldungsleiter - gerne mit Aussicht nach oben. Doppeldeutigkeiten wie - ich bin an einer sauberen Ablage interessiert, Sie auch? - taugen hingegen weniger.

Ich war bei einer Krankenkasse - aber eher der Typ für Doppeldeutigkeiten als für Opel-Fahrzeuge. Nun, beruflich hatte ich mich in diese Sackgasse manövriert. Privat wollte ich raus. Also meldete ich mich im Internet bei dem Anbieter Parship an. Es war kurz nach Weihnachten. Wie sich noch zeigen sollte, kamen zu der Zeit viele andere auf die gleiche Idee.

Damals kostete der Spaß 189 Euro für das erste halbe Jahr, danach 39 Euro fürs Quartal. Das Geld habe ich sehr gerne angelegt. Denn es schützt einen vor dem, was ich vorher in frei zugängigen Chatforen erlebt habe, in denen auch auf sekundäres Geschlechtsmerkmal komm raus gebalzt wird. Dort bewegen sich gelangweilte Teenager, um sich an den Nöten der Erwachsenen zu freuen und verhinderte Transen, die ihre weibliche Seite wenigstens virtuell ausleben. Andere geben vor, Frauen zu sein, haben deren Seelen aber offensichtlich in dialogarmen Filmen studiert, was in Anmachsätzen endet, die selbst Drehbuchautoren von Domina-Werbespots nicht subtil genug wären. 189 Euro - das siebt wenigstens die Teenager aus. Wenn schon verarscht werden, dann nicht von einem aus seinem Freundeskreis ausgestoßenen Elfjährigen sondern wenigstens von einem 35 Jahre alten First-Class-Perversen.

Parship unterzieht einen Suchenden erst einem Wesenstest, der einen in Kategorien wie gefühlsbetont, freiheitssuchend und kontaktfreudig einteilt. Erstaunlich treffsicher übrigens. Auf Grundlage dieser Ergebnisse macht der Computer Partnervorschläge. Die kann der Kunde vor sortieren, nach Kriterien wie: Sollte nicht weiter weg wohnen als Köln, nicht älter als 35 Jahre und Nichtraucherin sein.

Kurz nach Weihnachten. Es rasselten die Anfragen bei mir ein. Auf ein Profilbild hatte ich - wie die meisten - verzichtet. Ich fing an, mit fünf Damen fleißig Mails zu tauschen. Ein Angebot stach heraus: Eine 30 Jahre alte Lehrerin für Physik und Biologie erzählte, sie glaube nicht, bei Parship einen Partner zu finden. Trotzdem treffe sie sich mit den Interessierten und hätte nette Abende. Hoppla. Auf dem Urlaubsfoto, das sie mir schickte, war alles an der richtigen Stelle. Ich war interessiert.

Emotional oder körperlich?

Aus einer schattigen Ecke meines Gedächtnisses kam aber die Erinnerung, dass Frauen eher emotionale denn körperliche Nähe suchen. Ich erkundigte mich bei einer Freundin, die gab mir den schlechtesten Rat meines Lebens: »Du musst sie erst besser kennen lernen, sie will das so.« Ich erkundigte mich also per Mail nach den Interessen, der Physiklehrerin, sie blieb stumm - für immer. Konsequenterweise löschte sie mich als Kontakt, ich konnte ihr keine Mails mehr schreiben.

Weitere Kontakte schliefen ein, andere starteten. Die Dialoge waren immer die gleichen. Nach vier Wochen hatte ich dann mein erstes echtes Telefongespräch mit einer der Kandidatinnen. Sie kam aus Bottrop. Nachts um 2 Uhr erzählte sie mir, ihr neuer dominiere ihren alten Hund. Sie leide mit dem alten, könne ihm aber nicht helfen, sich in der Rangfolge zu behaupten. Er sei halt ein Verlierer und sie ähnele ihm ein wenig.

Ich konnte dem Hund auch nicht helfen. Nach drei Monaten führte mich eine Reise nach München. Als Treffpunkt hatten wir den Olympiapark ausgemacht. Der Taxifahrer fuhr mich stattdessen zum Olympia-Zentrum, ich kam eine Viertelstunde zu spät und wurde das Gefühl nicht mehr los: Das läuft schief.

Online ausgemachte Dates sind Mist. Du stehst unter einem gehörigen Druck und weißt nicht, wie du dich verhalten sollst. Im Normalfall knüpfen zuerst die Augen Kontakt, dann Hand und Oberschenkel und später vielleicht der ganze Rest. Bei den Online-Dates fehlt diese natürliche Reihenfolge. Und umso mehr Aufwand betrieben wird, umso stärker der Druck. Eine spätere Reise hat mich sogar nach Danzig geführt. Das war nett, wir haben uns danach noch geschrieben, aber eine mögliche Beziehung wäre mit einer Hypothek griechischen Ausmaßes belastet gewesen.

Vorab zu schummeln, nutzt nichts. Wer sich als 70 Kilo schwerer Triathlet ausgibt und dann als Rainer-Calmund-Double den Treffpunkt betritt, wird verlieren. Eine Kontaktbörse im Internet vermittelt Dates - keine Bettgutscheine.

Am Ende des München-Trips standen zwei Dinge im Raum. Der letzte Zug nach Mainz und die gesuchte Zufälligkeit, die es für einen ersten Kuss braucht. Beides schloss sich gegenseitig aus. Der schattige Platz meines Gehirns weiß ja: Nichts soll vorm dritten Date passieren. Aber zwei Mal umsonst nach München und beim dritten mal immer noch auf Verdacht? Eben.

Was hat's also gebracht? Keine Bettgeschichten. Dafür Erkenntnisse über die Seelenlage von Biologielehrerinnen. Ein Blick vom Olympiaturm auf das vernebelte München. Gelegentlich die Erinnerung in der Nase vom Danziger Hafen. Schön war's schon. Aber die Frau fürs Leben? Die trifft man dann vielleicht doch besser im Schulbus, auf der Dorfdisko oder auf einem Pressetermin des Feldbergplatz-Treffs. Parship schickt mir immer noch jeden Monat Angebote wie: »Fünf Tage Mitgliedschaft umsonst«. Ich verzichte.


Tan