Heft 236 Mai 2010
Werbung




Straßen

Die Scharngasse

Ehemals Zentrum des Fleischerhandels


Scharngasse, Mainz

Man sagt so etwas ja nicht gern über eine Straße der so heiß geliebten Mainzer Innenstadt. Aber die ,Scharngasse' - so ehrlich muss man sein - ist nicht gerade der Inbegriff pulsierenden Lebens oder architektonischer Meisterkunst. ,Farblos' trifft es schon eher. Dabei muss diese Verbindung zwischen Heugasse und Fischtorstraße zumindest im Mittelalter tatsächlich eine große Anziehungskraft besessen haben. Damals drängten sich die Vertreter verschiedener Zünfte ja meist in einem bestimmten dafür vorgesehenen Bereich. So auch die Fleischverkäufer. Nur in der Scharngasse war damals der Verkauf von Fleischwaren erlaubt. Die Koteletts, Steaks und Würste wurden auf Fleischbänken offen ausgelegt, meist auf aufgeklappten Tischen, die abends geschlossen wurden. Der Begriff ,Scharn' kommt vermutlich von dem italienischen Wort ,scarra' für ,Gerichtsbank'. Denselben Ursprung hat auch das süddeutsche Wort ,Schranne', das einen Getreidemarkt bezeichnet. Und noch eine interessante Namensentwicklung gibt es in diesem Zusammenhang. In Frankfurt wurde (wohl Dialekt bedingt) aus dem ,a' in ,Scharn' ein ,i'. Dort nannte man die Verkaufsstände der Fleischer ,Schirn'. Eine der größten Fleichverkaufsstellen war die auf dem Römerberg: ein idealer Treffpunkt für viele Bürger. Auf dem Weg zu abendlichen Vergnügungen konnten sie sich hier noch schnell mit einem heißen Würstchen stärken. Wie in Mainz hat der Name auch in Frankfurt überlebt, in der Kunsthalle ,Schirn'. Doch zurück zur Domstadt. Dort wurde es in der überschaubaren Scharngasse offenbar zu eng für den florierenden Fleischhandel. Und so bekamen die Mainzer Fleischverkäufer Mitte des 18. Jahrhunderts zusätzliche Verkaufsflächen weiter westlich zugestanden: die ,Neue Scharngasse' oder auch ,Scharngässchen'. 1850 wurde diese Gasse in ,Kleine Schöffergasse' umbenannt. Der ursprünglichen Scharngasse aber blieb ihr Name bis heute erhalten, auch wenn dort schon lange kein Metzger mehr seine Waren feilbietet.


Ilona Hartmann