Heft 236 Mai 2010
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Mainzer Köpfe

Von der Tschechowslowakei nach Mainz

Mit Mathe - zum Anfassen


Mária Lukácová
Die Gleichungen an der Tafel hinter der Mathematik Professorin Dr. Mária Lukácová modellieren die Fluid-Struktur-Wechselwirkung zwischen Blutströmung und Gefäßen. Klingt sehr abstrakt. Zeitigt aber große Wirkungen in der Medizin.

»Computational Fluid Dynamics«, so der Titel der Spezialvorlesung, die Univ.-Prof. Dr. Mária Lukácová in diesem Sommersemester an der Mainzer Uni anbietet. In der Vorlesung werden u.a. »wichtigste Techniken mathematischer Modellierung und numerischer Simulation in der Strömungs­mechanik besprochen.« Seit 1. März lehrt und forscht die gebürtige Slowakin am Institut für Mathematik. »In der Slowakei war es nichts besonderes, dass sich Mädchen für Mathematik interessieren. In Deutsch­land ist das anders - noch.« »Mathematische Modellierung und numerische Simulation sind sehr spannende Gebiete und es gibt sehr viele Jobs, weil die Anwendungspalette so groß ist«, entgegnet Mária Lukácová der Vermutung, Mathe sei nur etwas für Theoretiker. »Natürlich sind theoretische Grundlagen die Voraussetzung, aber wir arbeiten beispielsweise auch mit Medizinern zusammen, die unsere Techniken in der Strömungsmechanik nutzen können.« Mária Lukácová berichtet von einem ihrer medizinischen Kooperationspartner aus der Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachheilkunde des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg, der auf Stimmbandoperationen spezialisiert ist. »Wir konnten mittels kontinuumsmechanischer Ansätze komplexe Fluid-Struktur-Akustik Effekte, die bei der Stimmbildung und Atmung entstehen, numerisch simulieren. Ziel dieser interdisziplinären Untersuchungen ist die Verbesserung zukünftiger stimmchirurgischer Operationstechniken.«

Voraussetzung für solche Zusammenarbeit über Fachgebiete hinweg sei die Bereitschaft aller Beteiligten, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören, sich in den jeweiligen Gegenstand hineinzudenken. Dann ließen sich Ergebnisse finden, die allen Nutzen bringen. Mit Seminaren und Vorlesungen wird die Mathematik-Professorin an der Mainzer Uni auch den Forschungsschwerpunkt »Rechnergestützte Forschungsmethoden in den Naturwissenschaften« unterstützen. »Das beinhaltet die Zusammenarbeit mit Physikern, Meteorologen, Biologen und Geowissenschaftlern. Außerdem sind wir an außeruniversitären Kooperationspartnern sehr interessiert.«

Karriere und Kinder? Kein Problem!

Aufgewachsen ist die 41-Jährige in Kosice, der zweitgrößten Stadt in der Slowakei. »Ich bin als Tschechowslowakin aufgewachsen und dieses Gefühl hat auch nach der Trennung in Slowakei und Tschechien nicht aufgehört. In unseren Familien sind sehr oft Slowa­ken und Tschechen vereint, es gibt nicht diese starken ethnischen Unterscheidungen, wie zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien.« Ihr beruflicher Werdegang als Mathematikerin begann in Kosice, ging über Prag nach Magdeburg und Brno, von einer Gastprofessur in Kaiserslautern über eine C3-Pro­fessur an der TU Hamburg-Harburg bis zur W3-Professur in Mainz. Die angebotenen Berufungen nach Oldenburg und an die TU München hatte sie zuvor abgelehnt.

»Den Ruf nach Mainz habe ich unter anderem deshalb angenommen, weil das Rhein-Main-Gebiet auch für meinen Mann als IT-Berater beruflich gut passt. Außerdem gefällt uns hier die Landschaft sehr gut.« Bis zum Beginn des nächsten Schuljahres will die dreiköpfige Fa­milie ihr Domizil in Mainz aufgeschlagen haben. Für die zwölfjährige Tochter gilt es bis dahin noch den Schulwechsel an ein Main­zer Gymnasium zu organisieren. Aus dem Leben einer Wissenschaftlerin sind Forschungsaufenthalte nicht wegzudenken. Mária Lukácová war in Jerusalem, Oxford, Bejing, Bangalore und Maryland. Warum hat sie ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland und jetzt in Mainz aufgeschlagen? »Das hat sich so ergeben, beruflich. Wir hatten nicht zum Ziel, unbedingt in Deutschland zu arbeiten. Es entwickelte sich eine gute Zusammenarbeit mit Kollegen an den deutschen Hochschulen, wir haben gemeinsam Forschungsprojekte betreut.« Die Arbeitsbedingungen für Hochschullehrer seien in Deutschland schon besser als in der Slowakei und in Tschechien, stellt Mária Lukácová fest. Sie habe hier mehr Zeit und mehr Freiheit zum Forschen. »Mein Arbeitsschwerpunkt liegt hier auf der Forschung, wobei ich mein Wissen auch sehr gerne an die Studierenden weitergebe. Allerdings ist es deren Entscheidung, was sie für ihre Zukunft mitnehmen - schließlich lernen sie für sich selbst, nicht für mich.«

Deutsch hat Mária Lukácová »erst« mit 26 Jahren gelernt - nach Slowakisch, Tschechisch, Englisch und Russisch. »Ich lerne gerne Sprachen und in diesem Falle hat mir das Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes geholfen. Es beinhaltete einen drei­monatigen Sprachkurs am Goethe-Institut in Mannheim.« Viele Eindrücke von Mainz hat die Professorin in der kurzen Zeit noch nicht sammeln können, allerdings empfindet sie die meisten Menschen hier, wie in ganz Süddeutschland als offener, zugänglicher als im Norden: »Das entspricht mehr unserer eigenen Mentalität.« Auf Unterschiede zwischen Deutschland und der Slowakei, bzw. der Tschechowslowakei angesprochen folgt die prompte Feststellung: »Dort haben alle Frauen gearbeitet!« Es sei selbstverständlich, dass Frauen voll im Berufsleben stehen und trotzdem Kinder haben. »In Hamburg wollte ich für meine Tochter ein warmes Mittagessen, in Verbindung mit dem Schulbesuch organisieren - es ist mir nicht gelungen. Es gab keinen Bedarf. Die Kinder aßen zu Hause, weil die Mütter zu Hause waren. Also haben wir eine Kinderfrau engagiert.« Natürlich koste das Geld aber: »Das ist eine Frage, die ich mir gar nicht stelle. Für mich ist es normal, Beruf und Kinder - das gehört zusammen. Es muss nur organisiert werden.« Im tschechischen Brno am Institut für Mathematik, war das Frauen-Männer-Verhältnis 50 zu 50: »Da ist Mathematik, da sind Naturwissenschaften keine reine Männerdomäne'.« In Deutschland ist das anders: »Ich war in Hamburg die einzige Mathe­matik-Professorin und bin es zur Zeit in Mainz auch. Aber das wird sich wandeln, da bin ich sicher.«


SoS