Heft 236 Mai 2010
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Lernen

Weiterbildung für ältere Menschen

Stressfrei, gezielt und fundiert


Uni
Senior-Studenten bei einem Vortrag an der Universität Mainz
Foto: Zentrum für Wissenschaftliche Weiterbildung der Uni Mainz

»Ich war in der ganzen Welt unterwegs und schon oft in Ägypten - nur über Mainz wusste ich noch nicht allzu viel,« erinnert sich Roswitha Hipp. Der Gedanke, im Ruhestand noch einmal zu studieren, hat die 68-Jährige, die beruflich im Sonderschulbereich tätig war, schon lange begleitet. Seit fünf Jahren erfüllt sie sich daher einen Herzenswunsch und beschäftigt sich mit ägyptischen Hieroglyphen, mit den alten Römern und Kelten - und mit der Mainzer Historie.

Die »Glanzpunkte der alten Geschichte«, wie er sie liebevoll nennt, sind auch das Steckenpferd von Dr. Hans Brinkrolf. Schon zu Schulzeiten hatte er sich für Geschichte interessiert, doch im Berufsleben blieb dem 69-jährigen Internisten kaum Zeit, sein Hobby zu pflegen. Sein Studium der vielen Bücher, die er im Laufe der Jahre geschenkt bekam, ergänzt er durch entsprechende Seminare zur römischen und griechischen Kunst und Kultur.

Auch im Alter möchten die beiden Neues hinzulernen - und sind damit in guter Gesellschaft. Bedingt durch den demographischen Wandel nimmt der Anteil an Senior-Studenten auch an der Mainzer Universität stetig zu. So trifft man bei Vorträgen des Studium Generale häufig auf ein reiferes Publikum. Zudem können sich ältere Gasthörer für die regulären Seminare und Vorlesungen aus allen Fachbereichen anmelden. Ganz explizit wendet sich »Studieren 50 Plus« an Personen, die aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden sind oder die Erziehungszeit beendet haben.

Bei der wissenschaftlichen Weiterbildung für die dritte Lebensphase handelt es sich um ein strukturiertes Programm mit Abschlusszertifikaten, die fakultativ erworben werden können. Die Veranstaltungen sind an den Interessen und Bedürfnissen älterer Menschen ausgerichtet, die sich gezielt mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigen möchten. »Studieren 50 Plus« liegt in der Verantwortung des Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) und wird in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Einrichtungen der Uni­versität organisiert. Da das Studienprogramm Interessenten aus allen Berufsgruppen offen steht, ist das Abitur keine Voraussetzung.

Wünsche berücksichtigt


Uni
ZWW-Leiterin Dr. Beate Hörr mit dem Qualitätszertifikat ihrer Einrichtung

68 Seminare wurden im vergangenen Jahr angeboten. »Im Seniorenstudium hatten wir insgesamt 1575 Teilnahmen, davon 926 von Frauen«, berichtet Dr. Beate Hörr. Nach 18 erfolgreichen Semestern stehen im Sommersemester rund 40 Veranstaltungen auf dem Programm. »Kunstgeschichte und Geschichte sind seit Jahren die Renner«, meint die ZWW-Leiterin.

Generell orientiert sich die Auswahl an den bei älteren Erwachsenen besonders beliebten Themen, zu denen neben Literatur und Sprachen auch philosophische, soziale oder psychologische Fragestellungen zählen. Der naturwissenschaftliche Bereich ist unter anderem mit einem Pflanzenbestimmungskurs vertreten. Nicht zuletzt reagierte das ZWW bei der Konzeption auf aktuelle Wünsche der Teilnehmer und greift in Kooperation mit der Deutschen Bundesbank das Thema Geld auf.

Neben dem breiten Spektrum an Themen ist Roswitha Hipp begeistert von der netten Atmosphäre, die bei den Seminaren für Senior-Studenten herrscht. »Wir genießen das eigentlich alle«, schwärmt sie von der Möglichkeit, sich zu bilden und dabei mit Gleich­gesinnten zusammenzutreffen. Den interdisziplinären Austausch mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern schätzt auch Hans Brinkrolf. Neben den vielfältigen anderen Interessen und Aktivitäten, von denen beide berichten, geben die Kurse ihrer Zeitplanung eine Struktur, das Studieren selbst bleibt jedoch stressfrei. »Man lernt aus eigenem Antrieb heraus und nicht für wichtige Prüfungen«, betont der Mediziner und kann die Kritik junger Studenten an den verschulten Bachelor- und Master-Programmen nachvollziehen.

Während sich die beiden Senior-Studenten auf ihre nächsten Kurse freuen, ist man im ZWW dabei, neue Formate zu entwickeln. Nach der erfolgreichen Online-Ringvorlesungsreihe über Europa und Nachhaltigkeit sind ähnliche Veranstaltungen angedacht, bei denen die Mainzer Universität mit anderen deutschen Hochschulen kooperiert. Zudem sollen einigen Seminaren künftig Vorträge vorausgehen, die eine Einführung in die Thematik geben. »Mit begleitenden Tutorien, forschendem Lernen und der Möglichkeit, eigene Erhebungen zu machen, kommen wir unserer Zielgruppe entgegen, die immer anspruchsvoller wird«, sagt Beate Hörr.

Darüber hinaus gewinnen Zeitzeugenprojekte oder Angebote zum intergenerationellen Lernen an Bedeutung, um mit jüngeren Studierenden ins Gespräch zu kommen. Nicht zuletzt ist ein interessanter Nebeneffekt der lebenslangen Lernbereitschaft zu beobachten: Auf vielfältige Weise bringen Senioren ihr Wissen im gesellschaftlichen Bereich ein. So engagiert sich Roswitha Hipp ehrenamtlich in der Initiative Römisches Mainz und bietet Führungen durch das Isis-Heiligtum an. Über Mainz und die Geschichte der Stadt weiß sie nun ebenso gut Bescheid wie über Ägypten.

Infos: www.uni-mainz.de

Nicole Weisheit-Zenz