Heft 236 Mai 2010
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Flüsterpost

Offen mit schwierigen Situationen umgehen

»Habt Mut und traut Euch«


Anita Zimmermann, Nina Seibert, Prof. Gerhard Trabert
Das Flüsterpost-Team im Musikzimmer des Vereins (v.l.n.r.): Anita Zimmermann, Nina Seibert, Prof. Gerhard Trabert

Fast ein dreiviertel Jahr begleitete Anita Zimmermann die Familie. Der Vater hatte Krebs, wollte aber nicht darüber reden. Als sich das Verhältnis zu seinen Kindern zunehmend verschlechterte, ergriff seine Frau die Initiative und suchte Hilfe beim Verein Flüsterpost. »Nach den Gesprächen fühlten alle Beteiligten eine große Entlastung und die Kinder konnten unbeschwerter mit ihrem Vater umgehen«, erzählt die diplomierte Sozialpädagogin, die seit sieben Jahren für den Verein tätig ist. Die Diagnose Krebs ist nicht nur ein Schock für die betroffene Person, sondern verändert auch das Leben der Familienmitglieder. Vielen Eltern fällt es verständlicherweise zunächst schwer, mit ihren Kindern über ihre Krankheit zu sprechen, aus Angst, sie mit ihren Problemen zu belasten, um sie zu schützen. Kinder spüren jedoch die Veränderungen innerhalb der Familie und nehmen sie intensiv wahr, trauen sich aber nicht, darüber zu sprechen. Die Folge sind Verhaltensaufälligkeiten und -störungen.

Der gemeinnützige Verein Flüsterpost informiert, berät und begleitet Kinder krebskranker Eltern in dieser schwierigen Situation. »Es ist wichtig, dass Erwachsene mit ihren Kindern reden, denn sie merken sehr wohl die angespannte Stimmung innerhalb der Familie«, beschreibt Anita Zimmermann ihre langjährigen Beobachtungen und Erfahrungen. »Wenn sie jedoch von der Kommunikation ausgeschlossen oder womöglich angelogen werden, beziehen sie dies schnell auf sich selbst. Sie denken, dass es möglicherweise an ihnen liegen könnte. Vielfach kommt es dann zu körperlichen und seelischen Reaktionen wie Aggressionen, Ängste oder Konzentrationsschwierigkeiten.« Außerdem habe sie schon oft erlebt, so die Geschäftsführerin von Flüsterpost, dass eine mangelnde Aufklärung über die Krankheit bei Kindern zu der falschen Annahme führe, Krebs sei ansteckend.

Missverständnisse klären

In Einzel- und Gruppenberatungen entweder nur mit Kindern und Jugendlichen oder zusammen mit deren Eltern wird allen Fami­lienmitgliedern geholfen, ihre Gedanken und Gefühle offen auszusprechen, um Hemmungen abzubauen und Missverständnisse zu klären. In einer offenen Musiktherapiegruppe unterstützt Nina Seibert zudem Kinder ab sieben Jahre dabei, ihren eigenen Weg zu entdecken die familiären Schwierigkeiten auszudrücken. »Im Musikraum können sich die Kinder ihr Instrument frei auswählen. Während sie darauf spielen, beginnen sie sich zu öffnen und über ihre Probleme zu sprechen, entweder mit mir oder mit einem anderen Kind«, schildert die 31-jährige Sozialpädagogin und Musiktherapeutin das spielerische Vorgehen. Weil aber auch einige Eltern das Bedürfnis haben, sich allein mit den Pädagoginnen über ihren Umgang mit den Kindern auszutauschen, sind Beratungsgespräche nur für Erwachsene möglich. Darüber hinaus bietet der Verein an, die Familien zu Hause zu besuchen. »Unser Vorgehen bei den Beratungen hängt ganz von den individuellen Wünschen und Bedürfnissen der Ratsuchenden ab. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht dabei immer die Sensibilisierung der Erwachsenen gegenüber den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen«, sagt Zimmermann und betont, dass diese viel stärker und belastbarer sind als Eltern denken.

Gegründet wurde Flüsterpost 2003 von Anita Zimmermann und dem heutigen ersten Vorsitzenden Prof. Gerhard Trabert mit anderen engagierten Fachleuten, 2006 eröffneten sie die Beratungsstelle in der Kaiserstraße im Nebengebäude der Christuskirche. Das Wort »Flüsterpost« haben die Vereinsgründer von »Stille Post« abgeleitet, einem Stuhlkreisspiel: Der erste Spieler flüstert ein Wort oder einen Satz in das Ohr seines Nachbarn, der dieses dem jeweils Nächsten weitersagt. Der Letzte im Stuhlkreis sagt das, was er verstanden hat, laut in die Runde. Meist kommt etwas Verdrehtes heraus, das mit dem Ausgangswort nichts mehr zu tun hat. Der Verlauf des Spieles kann auf viele Lebenssituationen in Zusammenhang mit dem Thema Krebs übertragen werden, denn über die Krankheit wird noch zu oft hinter vorgehaltener Hand gesprochen, es entstehen falsche Annahmen und Missverständnisse.


KH

INFOS
Der Verein Flüsterpost bietet unterschiedliche Infomaterialien an: Broschüren, Kinder- und Hörbücher, die kostenlos erhältlich sind.

Flüsterpost e.V. Unterstützung für Kinder krebskranker Eltern
Kaiserstraße 56, 55116 Mainz,
Tel: 06131 / 55 48 798

www.kinder-krebskranker-eltern.de