Heft 235 April 2010
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Reisen bildet

Wirtschaftsstudenten unterwegs

Globalisierung zum Anfassen


Vietnam
Der fast 1000 Jahre alte »Literaturtempel« in Hanoi als Kulisse für die FH-Reisegruppe. Bildmitte:?die beiden Organisatoren, Professor Andrea Beyer (5.v.li., vorne) und Professor Lothar Rolke (direkt dahinter)

China, Indien, Brasilien, Russland, Vietnam: die Reiseziele von Dr. Andrea Beyer und Dr. Lothar Rolke können sich sehen lassen. Zum reinen Vergnügen organisieren die beiden Wirtschaftsprofessoren diese Reisen allerdings nicht. Im »Gepäck« haben sie jeweils 20 Studierende des Fachbereichs Wirtschaft der FH-Mainz. Und einen prall vollen Terminkalender.

Jedes Jahr, bevor das Sommersemester startet, sind die Teilnehmer des Wahlpflichtfachs »Sprache und Kultur« on Tour. Reiseziele sind die ursprünglichen BRIC-Staa­ten und deren Nachfolger (siehe Kasten). »Globalisierung kann man nicht nur aus Lehrbüchern lernen, das ist ein Thema zum Anfassen«, begründet Andrea Beyer den Hintergrund der Reisen. Die Kernorganisation, inklusive Kulturprogramm leistet ein Reisebüro, das Fachprogramm ist Sache von Beyer und Rolke. Kontakte zu deutschen Unternehmen in den Ländern, zu den Außenhandelskammern, Botschaften oder Konsulaten und den FH-Kooperationspartnern vor Ort helfen, Termine für Gespräche und Unternehmensführungen zu vereinbaren. »Die meisten Unternehmen und Botschaften sind sehr offen für solche Besuche. Sie können sich und ihre Leistung präsentieren, Interesse an Arbeitsplätzen wecken. Umgekehrt erfahren die Studierenden viel über Arbeiten und Leben in solchen Ländern«, fasst Rolke die gegenseitigen Vorteile zusammen. »Es geht über rein ökonomische Themen hinaus auch um spezifische Herausforderungen aufgrund anderer Arbeitseinstellungen der Bevölkerungen, wie um das Klarkommen in einer fremden Kultur.«

Vietnam
Auf dem Chó Binh Tay-Markt im chinesischen Zentrum von Saigon / Ho-Chi-Minh-Stadt

Die Einstimmung auf die Reise organisieren Beyer und Rolke in einer Blockveranstaltung. Ver­schie­dene ökonomische und kulturelle Themen des Reiselandes beleuchten die Teilnehmer in Hausarbeiten, stellen sie der Gruppe vor und vermitteln so die grundlegenden Infos. Zehn Tage ist die Gruppe dann Tag und Nacht gemeinsam unterwegs - das schweißt über die Reise hinaus zusammen: Der Kontakt unter den Studierenden und mit den Lehrkräften wird intensiver, auch die Identifikation mit der eigenen Ausbildungsstätte, der FH, wächst. Dazu bedarf es nicht noch zusätzlich außergewöhnlicher Ereignisse - wobei die diesjährige Tsunami-Warnung wird allen in steter Erinnerung bleiben, ist Andrea Beyer sicher:

»Wir haben bei jeder Reise ein touristisches Highlight, jetzt in Vietnam war es die Übernachtung auf einer Dschunke in der Halong-Bucht. In dieser Nacht wurde ich telefonisch über die Tsunami-Warnung, die im Zusammenhang mit dem Erdbeben in Chile stand, verständigt. Wir waren in heller Aufregung, versuchten herauszufinden, ob wir die Bucht verlassen müssen - dann wurde die Warnung zurück genommen. Uns fiel ein Stein vom Herzen.«

Vietnam
Die Vietnamesen gelten ob ihrer Arbeitseinstellung als die Preußen Asiens. Lastfahrrad in Hanoi.

Während der Reise halten die Teilnehmer abwechselnd in einem Tagebuch fest, was sie gesehen und mit wem sie gesprochen haben. Illustriert mit zahlreichen Fotos bedeutet es für alle ein Stück lebendige Erinnerung.

»Es ist immer wieder spannend und ein Stimulator für die eigene Arbeit weit über die Reise hinaus«, wischt Lothar Rolke die Frage, ob sich der Aufwand für die Professoren »lohne« vom Tisch. Andrea Beyer ergänzt: »Wir entwickeln uns zu Globalisierungsexperten, kennen jetzt alle BRIC-Staaten nicht nur aus Studien und können sie miteinander vergleichen.«


SoS

Eindrücke der Studenten

Dennis Engel (23): »Für mich waren es die ersten Erfahrungen in einem unterentwickelten Land, mit starker Armut und schwierigen Lebensverhältnissen. Erst wenn man dies mit eigenen Augen sieht und eine Weile dort lebt, realisiert man, welchen Lebensstandard man in Deutschland genießt.«

Christina Hassinger (23): »Die Studienreise nach Vietnam war gleichzeitig meine erste Reise nach Asien. Neben dem Fachprogramm, welches uns Einblick in die Geschäftswelt der Südostasiaten sowie in die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Landes geboten hat, haben mich besonders die Menschen und deren Lebensart und vor allem der Mofa-Verkehr in den Städten, den man als Deutscher wohl als ,geordnetes Chaos' bezeichnen würde, fasziniert!«


BRIC-Staaten

Die Abkürzung BRIC steht für die Anfangsbuchstaben der vier Staaten: Brasilien, Russland, Indien und China. Sie wurde vom Goldman Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill im Jahre 2003 geprägt. Von ihm stammt auch die Idee der Next Eleven als »Nachfolger« der BRIC-Staaten. Diese vier Staaten, drei von ihnen so genannte Schwellenländer, haben jährliche Zuwachsraten der Wirtschaftsleistung von 5 bis 10 % (zum Vergleich: EU etwa 2 %), weshalb einige Prognosen voraussagen, dass sie bis 2050 die G8-Staaten überflügeln könnten. Etwa 40 % der Weltbevölkerung, 2,8 Milliarden Menschen, leben in den BRIC-Staaten. Ihr Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt (33 Billionen Euro) beträgt derzeit ca. 10 % . Quelle: Wikipedia