Heft 235 April 2010
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Autotest

Mercedes E-Klasse Cabrio startet im Frühling

... und der Wind ist Dein Freund


Wenn die ersten Sonnenstrahlen nach dem harten Winter für Wärme sorgen, tauchen sie wieder auf: Die Frauen- und Männer von der Oben-Ohne-Fraktion. Cabrio fahren ist angesagt und erfreut sich in Deutschland steigender Beliebtheit. Einsteigen, losfahren, genießen - kaum ein anderes Fahrzeug steht mehr für diesen Dreiklang als ein offener großer Mercedes. Jetzt präsentieren die Autobauer aus Untertürkheim ihren neuesten Traumwagen: Das E-Klasse Cabrio. Traditionell mit Stoffverdeck. »DER MAINZER« machte sich auf zur Probefahrt.

Daten

Mercedes E-Klasse
Cabrio 250 CDI

Höchstgeschwindigkeit: 245 km/h
PS/kW: 204/150
Verbrauch: 6,3 Liter Diesel
Grundpreis: 49.861 Euro

Beim ersten Blickkontakt fallen die markante Blechfalte, das fast aggressive Vier-Augen-Gesicht, der dynamische Kühler auf. Die sanften Rundungen des Vorgängers CLK sind passe`. Elegant und sportlich zugleich präsentiert sich der neue Benz. Mit 4,70 Metern ist das Cabrio exakt so lang wie sein Coupe`-Bruder, mit dem er sich auch den technischen Unterbau teilt. Für manchen Autofreak stellt sich nun die Gretchenfrage: Wie viel E-Klasse steckt im E-Klasse-Cabrio? Gut die Hälfte der Technik stammt von den Brüdern, etwa 30 Prozent von der aktuellen C-Klasse. Doch wen stört das? Steht man vor dem Wagen, möchte man nur eins: Losfahren.

Der offene Stern folgt trotz sportlicher Anklänge der Devise der Marke. »Reisen statt rasen« lautet das Motto. Für viel Entspannung sorgt die sehr verwindungs-steife Karosserie ebenso wie die ausgezeichnete Federung, die nur auf schweren Querfugen Stöße in den Innenraum weiterleitet. Hier schlagen die Schwaben klar die bayrische Konkurrenz aus Ingolstadt und München.

Für den wahren Komfort beim Frischlufttanken sorgen allerdings zwei aufpreispflichtige Gimmicks: Mercedes präsentiert das erste Cabrio mit »eingebauter Mütze und Schal« wie ein Autotesterkollege so treffend formulierte. Denn für das offene Vergnügen in allen vier Jahreszeiten sorgt nicht nur das qualitativ hochwertige, 23,5 Zentimeter dicke geräuscharme Stoffverdeck, das sich in 20 Sekunden vollautomatisch öffnen und schließen lässt, sondern auch der automatische Windschott Aircap und die Nackenheizung Airscarf.

Der neu entwickelte und patentierte Aircap besteht aus zwei Komponenten: Einem etwa zwei Zentimeter ausfahrbaren Windabweiser mit Netz im Frontscheibenrahmen und einem Windschott zwischen den Rücksitzen. Der Aircab kann per Knopfdruck ausgefahren werden und verringert so die Turbulenzen im Innenraum des Viersitzers deutlich. Es entsteht ein Warmluftsee wenn man dazu bei kühlen Temperaturen den Airscarf aktiviert, der temperierte Luft aus den dafür vorgesehenen Düsen in den Kopfstützen freisetzt.

Dieses wohlige Gefühl beim Offen fahren lässt sich Mercedes allerdings gut bezahlen: »Mütze und Schal« kosten 12.49,50 Euro Aufpreis, die Sitzheizung 404,60 Euro. Doch es lohnt sich: Wer die Sitzheizung aufdreht, die Klimaanlage entsprechend programmiert und sich aus der Kopfstütze einen Schal aus warmer Luft um den Hals blasen lässt, der genießt noch bei Tempo 100 selbst einen kalten Frühlingstag. Der Trick funktioniert auch in umgekehrter Weise: Wenn der normale Cabriofahrer im Hochsommer bei 35 Grad im Schatten vielleicht lieber das Dach zu lässt und die Klimaanlage aufdreht, kann der Mercedesfahrer mit dem Aircab und dem Windschott auch bei offenem Wagen die Kühle der Aircondition im Innenraum halten.

Die Fähigkeit eines Ganzjahreseinsatzes durch diese aufwendige Technik ist für einen Autobauer, der 90 Prozent seiner Fahrzeuge in Europa und den USA absetzt, ein gewichtiges Kaufargument. Auch für die Zukunft scheint der offene Viersitzer gerüstet: China und Russland sollen neue Kunden bringen.

Beim Fahren stellt sich schnell ein behagliches Gefühl ein: Gut konturierte Sitze übersichtliche Instrumente - alles da, wo es hingehört. Die Infotainment-Einheit mit Kartennavigation, Radio, 6-fach DVD-Wechsler und Sprachbediensystem LINGUATRONIC gehorcht aufs Wort. Kein lästiges Knopfdrücken, schieben, verstellen - der Fahrer »redet« mit seinem Auto und bekommt den Weg erklärt, telefoniert oder hört Musik.

Diese Sonderausstattung ist seinen Preis von knapp 2.000 Euro mehr als wert. Ansonsten hat der getestete E 250 CDI schon vieles in Serie, was mancher Mitbewerber sich teuer bezahlen lässt: Genannt seien hier beheizte Außenspiegel, Nebelscheinwerfer, das Sportlenkrad mit Multifunktionstasten und eine Infrarotfernbedienung, mit der man neben den Türen und dem Kofferraum auch das Stoffdach von außen öffnen kann. Wer das im Wagen erledigen will, benutzt einen Hebel, der sich unter einer Klappe vor dem Drehknopf des Infotainment-Systems befindet.

Beim Offen-fahren lässt sich es sich schon ohne Aircab gut aushalten, mit Aircab sinkt der Geräuschpegel etwas. Die Abnahme des Windzuges ist für die vorderen Passagiere nicht so signifikant spürbar, aber die »Luftmütze« soll ja vor allem die Insassen im Fond schützen. Der Diesel des 250 CDI nimmt nach dem Start zügig die Arbeit auf: Es ist schon erstaunlich, wie die Mercedesingenieure aus einer 2,1 Liter Vierzylinder- Maschine 204 PS und einen sagenhaften Drehmoment von 500 Newtonmeter holen. In nur 7,8 Sekunden ist der 1,8 Tonner bereits auf Tempo 100, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 245 km/h. Das sind Werte, die früher jedem Sportwagen zur Ehre gereicht hätten. Die bei dieser Motorisierung aufpreispflichtige 5-Gang-Automatik (2.201 Euro) macht ihren Job unaufgeregt und präzise. Die Geräuschkulisse ist beim entspannten Cruisen dezent, bei höherem Tempo auf der Autobahn ist der Vierzylinder bei der Arbeit durchaus vernehmbar.

Die Lenkung scheint etwas indirekt angelegt, das Kurvenwieseln ist mehr etwas für Minicooper, was aber dem Fahrspaß keinen Abbruch tut. Denn die angebotenen Motorisierungsvarianten lassen keine Zweifel nach genügend Leistung auf Landstraße und Autobahn aufkommen: Wer nicht nur Cruisen will, der kann auch Gas geben. Im Angebot sind zahlreiche Triebwerke, vom E 200 CGI (Benziner 184 PS / 45.815 Euro) über den 250 CGI (Benziner 204 PS / 49.861 Euro) bis zum E 500 (Benziner 388 PS / 71.519 Euro). Dazu kommen leistungsstarke Diesel wie der getestete E 250 CDI (204 PS / 49.861 Euro) oder der der E 350 CDI (231 PS/ 54.621 Euro).

Interessant dabei: Mercedes bietet die E 250 Vierzylinder in der Benzin- und Dieselversion exakt für den gleichen Preis an - ein Novum. Ansonsten wollen alle Hersteller meist einen saftigen Selbstzünderaufschlag. Nach den Fahreindrücken ist definitiv der Diesel die bessere Wahl. Allein der Verbrauch liegt fast drei Liter (zwischen 5,6 und 6,3 Liter) unter dem Benziner.

Fazit:

Das neue E-Klasse Cabrio hat einen perfekten Start hingelegt. Dem dynamischen Design stehen moderne, starke aber verbrauchsarme Motoren zur Seite. Auch die Preise, immer eine Achillesferse bei der Marke mit dem Stern, können sich gegenüber den direkten Konkurrenten, dem Audi Cabrio A5 und dem 3er BMW Coupè-Cabrio durchaus sehen lassen. Fehlt nur noch ein Hybridantrieb.


weh