Heft 235 April 2010
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Denkmal

Goldenes Ross, Teil II:

Ja, es gibt noch eins!


Goldenes Ross

In unserer März- Ausgabe hatten wir über das Goldene Ross berichtet, das das Dach des Landesmuseums in Mainz ziert. Kaum war der Artikel erschienen, klingelte bei mir das Telefon. Der Anrufer stellte sich als Hans Jörg Jacobi vor: vielen Mainzern bekannt als Maler, Autor und vor allem als Nibelungen-Schatzsucher. In diesem Fall allerdings hatte sein Anruf nichts mit dem Rheingold zu tun, sondern mit einem ganz anderen Schatz: dem Goldenen Ross. »Das Original-Pferd steht bei mir im Garten«, erklärte Hans Jörg Jacobi zu meiner großen Überraschung. Er lud mich ein, mich selbst zu überzeugen. Und siehe da: tatsächlich steht mitten in der Mainzer Oberstadt in Jacobis Garten ein 4 Meter hohes Pferd - exaktes Ebenbild des Goldenen Rosses auf dem Museumsdach. Die Geschichte dazu ist folgende: wie berichtet wurde das »ganz« ursprüngliche Goldene Ross auf dem Dach der gleichnamigen Golden-Ross-Kaserne im Zweiten Weltkrieg zerstört. In den 1960er Jahren sollte dann endlich wieder ein Pferd auf die mittlerweile zum Museum umfunktionierte Kaserne. Jockel Fuchs war damals gerade Mainzer Oberbürgermeister geworden. Sein Baudezernent und damaliger Main­zer Bürgermeister Hans Jacobi war der Vater von Hans Jörg Jacobi. Den Auftrag für das neue Goldene Ross erteilten sie dem Nieder-Olmer Künstler Heinz Müller-Olm. In akribischer Kleinarbeit rekonstruierte er Größe und Form des ursprünglichen Pferdes anhand alter Schwarz-Weiß-Bilder. Nach diesem Modell wurde das Ross dann aus einem speziellen, mit Glasfaser verstärkten Kunststoff gegossen. Eine dicke Stahlkonstruktion im Schwanz und den Hinterbeinen sorgte dafür, dass das Tier mit seinen erhobenen Vorderbeinen im Gleichgewicht blieb und nicht nach vorn überkippte. Als Krönung wurde die fertige Skulptur mit einer Schicht aus 24 Karat Plattgold überzogen. Das Problem: als endlich alles fertig war, bekamen die Verantwortlichen Sorge, ob das Pferd nicht doch zu schwer geworden sein könnte. Was, wenn es rosten würde? Wenn es dadurch brüchig würde und im schlimmsten Falle sogar vom Dach des Museums hinabstürzte? Es begann eine längere Diskussion, in der letztlich die Bedenken die Oberhand behielten. Ein zweites Pferd aus Aluminium wurde gegossen: eine identische Kopie des Originals. Dieses leichtere und garantiert rostfreie Exemplar steht seitdem auf dem Dach des Landesmuseums. Das Original aber schenkte der Künstler Müller-Olm der Familie Jacobi. Seitdem schmückt es deren Garten, wo es nach Herzenslust die Hufe schwingen kann. Für Hans Jörg Jacobi ist das Goldene Ross seit über 40 Jahren fester Bestandteil seines Elternhauses. Nachts wird es von einem Strahler beleuchtet. Besonders dann, verrät Jacobi, wenn sich das Pferd golden glänzend gegen den schwarzen Himmel reckt, hat es etwas richtig Mystisches an sich und steht seinem Abbild auf dem Museumsdach in nichts nach.


Ilona Hartmann