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Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
Heft 235 April 2010
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Kunsthalle Mainz

Lassen Sie sich führen!

Ein Schlüssel zum eigenen Verstehen


Sonntag, 15 Uhr, Kunsthalle Mainz: Durch die geräumigen, grell-weiß ausgeleuchteten Räume im Erdgeschoss der Mainzer Kunsthalle geleitet Susann Gassen eine Gruppe von interessierten Besuchern. Im Fokus der laufenden Ausstellung steht erneut das junge, zeitgenössische Kunstschaffen. Bis Ende Mai sind in der Kunsthalle drei Einzelpräsentationen zu besichtigen. "Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Positionen" sowie "die Vielfalt all dessen, was Künstlertum und Kunst heute bedeuten" sollen beleuchtet werden.

Susann Gassen
Führung in der Mainzer Kunsthalle: Susann Gassen erläutert Vorder- und Hintergründe der Aquarelle von Martina Essig.

Susann Gassen, Künstlerin und Kunstpädagogin, steht vor der Aufgabe, die Aquarelle von Martina Essig, einer 1978 geborenen Künstlerin, die an der Nürnberger Kunstakademie studierte, zu erläutern. Martina Essig präsentiert keine konkreten Motive, sondern nur ihre strukturalen Aspekte.

Das Publikum der Kunsthalle, das zum Teil mit einschlägiger Vorbildung zum Teil aber im Bezug auf post-moderne Kunst ganz oder fast ohne Fachwissen erscheint, kann da leicht überfordert sein. Daher bietet die Kunsthalle regelmäßig professionelle Führungen an. Susann Gassen ist eine von insgesamt fünf zuständigen Kunsthistorikern und Kunstpädagogen im Haus. Mit Martina Essig hat sie über die Bilder gesprochen.

Aus den unterschiedlichsten Bildvorlagen, die die junge Künstlerin in ihrem Alltag sammelt, werden durch Reduktion einzelne Elemente isoliert und als Andeutungen im Medium Malerei zu einem Kunstwerk transformiert. Das ursprüngliche Motiv ist nur angedeutet oder als Versatzstück zu erahnen, wie etwa ein Fensterausblick, eine Pflanze oder das Bruchstück einer Landschaft. In ihren großformatigen Bildern aus Papier drücken sich Konzentration und Unbedingtheit aus. Susann Gassen gelingt es an Martina Essigs Bildern über die Schärfe ihrer konzeptuellen Reflektion hinaus, ihre ästhetische Wirkung hervortreten zu lassen. Sie gibt den Besuchern einen Schlüssel zum eigenen Verstehen in die Hand, ohne einfach nur zu dozieren.

Susann Gassen versucht so wenig wie möglich vorwegzunehmen, sondern stellt immer wieder die Frage nach den ästhetischen Standpunkten ihrer Zuhörer. Mal flüssig, mal kompakt, mal exakt mal ungefähr ausgearbeitet bieten die Bilder von Martina Essig dabei viel Spielraum für Assoziationen und einiges an Projektionsfläche und genau darin liegt auch das Konzept der jungen Künstlerin. Ihr geht es darum, über den aufwendigen Produktionsablauf und einen analytischen Ansatz, Fragen an das Wesen von Kunst überhaupt zu stellen. Martina Essig hinterfragt Ästhetik und den Prozess über den sie sich herstellt, dabei kommt Sie zu einem eindrucksvollen Ergebnis. Fast alle Bilder haben eine Höhe von eineinhalb bis knapp drei Metern Höhe.

Als Gorilla in den Metropolen dieser Welt


Die Video-Zone »Sieben bis zehn Millionen« des Hamburger Künstlers Stefan Panhans ist nicht weniger imposant, wenn auch nicht so raumgreifend. Sie hat in einer kleinen Nische des Erdgeschosses Platz gefunden, unter einem Turm der alten Energiezentrale. Eigentlich passiert in dem Video nicht viel. Ein junger Mann mit Pelzkapuze steht vor der Kamera und redet pausenlos über eine Kaufentscheidung. Das Klaustrophobische an dieser Monologsituation wird durch den starr auf den Betrachter gerichteten Blick verstärkt. Und - ist es überhaupt möglich, dass jemand so lange in dieser Geschwindigkeit redet. Ist der Schnee, der im Hintergrund rieselt überhaupt echt?

Obergfell
Ein Nebeneinander von Archaik und gewachsener Ordnung: Jörg Obergfell und seine Fotografien.

Susann Gassen versucht die Besucher mit so wenig Fragen wie möglich zu hinterlassen, was nicht einfach ist, angesichts der komplizierten Genese von Gegenwartskunst, die sich anhand der laufenden Ausstellung gut nachvollziehen lässt.

In den Ausstellungsräumen im Turm sind Objekte und Fotografien von Jörg Obergfell zu sehen. Vor dem selbst schon pittoresken Panorama des Zollhafens bilden Sie den Höhepunkt der heutigen Führung. Der 1976 geborene Künstler, der wie Martina Essig an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg studiert hat, verkleidet sich als Gorilla und erobert in diesem Kostüm große Metropolen in aller Welt. Jörg Obergfell geht es um das Nebeneinander von Archaik und gewachsener Ordnung. Als erfahrener Skateboardfahrer bezieht er einen zivilisationskritischen Standpunkt und entlarvt auf subversive und zugleich sehr intelligente Weise und nicht ohne jedes Augenzwinkern die moderne städtebauliche Monokultur. Ähnlich wie bei Stefan Panhans steht die kritische Reflexion auf die Konsumgesellschaft auf dem Plan, wobei sich Jörg Obergfell einer ihrer frühesten Mythen bedient, dem von King Kong, den er in der ikonografischen Inszenierung seiner Kunst mit den großen totalitären Führerfiguren des 20. Jahrhunderts, wie dem großen Bruder la George Orwell, Hitler, Mao oder Stalin, in Verbindung setzt.

Henning Berg