Heft 234 März 2010
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Mainzer Köpfe

Die überzeugte »Neustädterin« Nurhayat Canpolat:

»Wir müssen die Klischees hinterfragen!«


Nurhayat Canpolat
»Wir sollten uns die Menschen, mit denen wir in Kontakt kommen, genau anschauen. Die vielen Pauschalierungen und Schlagworte im Umgang zwischen Menschen helfen nicht weiter.« Nurhayat Canpolat setzt sich für die Gleichstellung aller Menschen ein.

Nurhayat Canpolat ist in vielen Initiativen, Organisationen und Verbänden aktiv, die – im weitesten Sinne – mit Migranten zu tun haben. Geboren in der Türkei lebt die Diplom Sozialpädagogin seit ihrem zwölften Lebensjahr in Deutschland. Politisches Engagement im Allgemeinen und Frauenthemen sind die zentralen Antriebsfedern ihres haupt- und ehrenamtlichen Schaffens. »Chancengleichheit ohne Gleichmacherei« und »Respekt vor der einzelnen Person« bezeichnet die Mainzerin als Grundlagen für ein gleichberechtigtes Miteinander von Deutschen, Mirgrantinnen und Migranten.

»Mein Vater wollte unbedingt, dass ich in der Türkei die Schule beende und dort studiere, er meinte in den siebziger Jahren, dass ich in Deutschland als Türkin keine Chance haben würde, eine gute Schulausbildung zu machen.« Der Vater, als »Gastarbeiter« der ersten Generation 1967 nach Deutschland gekommen, taucht in ihren Rückblenden immer wieder auf, er der Bauer aus einem anatolischen Dorf, der unbedingt wollte, dass seine Tochter studiert.

Deshalb blieb Nurhayat bei Verwandten in Ankara, als die Mutter und die beiden älteren Brüder nach Frankfurt zogen. »Die ersten starken Frauen, die ich kennen gelernt habe, waren meine Cousinen in Ankara. Alle drei haben damals studiert, das war gar keine Frage.« Kurz nach dem türkischen Militärputsch 1971 siedelte Canpolat dann zu ihrer Familie nach Deutsch­land um und schaffte, was manche Vorstellungen von einer türkischen Frau auf den Kopf stellt: Abitur, Studium und erfolgreiche Berufslaufbahn.

Im Gesprächsverlauf blendet sie immer wieder zurück, als suche Nurhayat Canpolat sich selbst zu erklären, warum sie keinem Klischee von türkischen Frauen ähnelt. Die Mainzerin ist sich bewusst, dass ihr Lebenslauf als »integrierte Migrantin« nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig wehrt sie sich dagegen, etwas besonderes zu sein, bzw. mit Maßstäben gemessen zu werden, die sie nicht akzeptieren kann: »Warum ist allein die Tatsache, dass ich türkische Wurzeln habe ein Grund, mich mit anderen Augen zu sehen, als eine Mainzerin, die keine Wurzeln im Ausland hat?« drückt Canpolat ihr Unbehagen aus. Vielleicht liege es an den aktuellen Debatten über Integration, dass allenthalben nach Erklärungsmustern gesucht werde, warum das Miteinander funktioniert oder auch nicht. Nurhayat Canpolat sieht bei diesen Herleitungs- und Erklärungsversuchen eine Reihe von »Grenzüberschreitungen«: was unter Deutschen allenthalben als privat gilt, sollen Deutsche mit Migrationshintergrund öffentlich erläutern.

»Ausschlaggebend sind meine Qualifikationen!«

Mit Blick auf ihr Leben stellt sie fest: »Ich hatte wohl auch Glück, weil ich schon in den ersten Schuljahren in Deutschland auf Menschen getroffen bin, die mich unterstützt und gefördert haben.« Die Klassenlehrerin am Frankfurter Gymnasium zum Beispiel, die dafür sorgte, dass die Mitschüler der jungen Türkin nach dem Unterricht Deutsch beibrachten. Sie kann sich nicht an bewusste Ausgrenzung erinnern. Dass das nicht selbstverständlich war und ist, weiß sie schon lange.

Ein im Grunde selbstverständlicher Anspruch von Gleichheit und Solidarität ist eine der Triebfedern für ihr vielseitiges Engagement. Angefangen von der Hausaufgabenhilfe für türkische Kinder während der Studienzeit, über die Gründung des »Centrums für Migration«, die Aufgaben als Quartiersmanagerin in der Neustadt, bis zum Initiativausschuss für Integrationspolitik in Rheinland-Pfalz und der Arbeit für die AGARP: in all diesen bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten spielt auch der »Migrationshintergrund« eine Rolle. »Aber ich mag nicht darauf reduziert werden, ausschlaggebend sind meine Qualifikationen, nicht meine Herkunft. Außerdem bin ich Mainzerin, dazu noch überzeugte Neustädterin.«

Aus Sicht der Interviewerin lässt sich die Frage: »Sind Sie praktizierende Muslimin?« nicht vermeiden. Nurhayat Canpolat antwortet mit der Gegenfrage: »Was verstehen Sie darunter?« Gute Frage!

Gemeinsam arbeiten wir einige Vorstellungen von praktizierenden Muslimen ab: regelmäßiges Beten, Fasten, Schweinefleisch, Alkohol, religiöse Feiertage. Dabei entsteht das Bild einer Frau, die ihren Alltag nicht nach religiösen Regeln gestaltet und sich wünscht, dass Personen egal welchem Glauben sie angehören, ohne Generalverdacht, im Gegenteil mit Respekt und Offenheit behandelt werden.

Nurhayat Canpolat ist in einer Familie aufgewachsen, in der Religion nicht die vorherrschende Rolle gespielt hat, in der Bildung, Ausbildung auch und gerade der Töchter wichtiger war und ist, als die Frage, ob das Kopftuch als Zeichen des Glaubens getragen werden soll.

Canpolat genießt vor allem an den religiösen Feiertagen mit deren Ritualen das Gemeinsame, das Verbindende in der familiären Gemeinschaft - und muss dann wieder auf eine »Grenzüberschreitung« hinweisen: »Ich komme gar nicht auf die Idee, meine Bekannten nach ihrem Glauben zu fragen und wundere mich, warum ich als gebürtige Türkin fast automatisch danach gefragt werde.«


SoS