Heft 234 März 2010
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Knodderer

Knodderer

Wehe, wenn das Neue alt wird!


Der Knodderer

Er murrt gern, nörgelt sich durch alles, was ihm quer kommt und brummelt am liebsten halblaut vor sich hin. Deshalb nennen wir ihn »Knodderer«. Dieses Mal wundert er sich über ein Streitgespräch zum »Wachturm« auf türkisch.

In der Bahnhofsstraße ist mir neulich was Denkwürdiges passiert vorm leeren Schlecker. Dass überall in Mainz zwischenzeitlich die alten Schlecker-Filialen zumachen, um dann wieder zu öffnen, ist noch nicht das Denkwürdige. Das ist vielmehr eine Sauerei. Das Ganze dient dazu, künftig mit den gleichen Angestellten weiter zu arbeiten, ihnen aber schlicht weniger zu zahlen. Die Geschäfte sind ja neu gegründet, da geht das.

Gleichzeitig wundern sich die Geschäftsleute, dass die Menschen immer weniger einkaufen gehen. Der Arbeitnehmer soll weniger verdienen, aber mehr ausgeben. Das funktioniert nicht, hat schon Henry Ford gewusst und gesagt: »Wenn ich will, dass die Leute meine Autos kaufen, muss ich ihnen so viel zahlen, dass sie sich meine Autos leisten können.« Aber das wird an den Wirtschaftsschulen heute wohl nicht mehr gelehrt. Für alle, die Henry Ford nicht kennen und für einen ewiggestrigen Linken halten der Mann war vieles, aber ewiggestrig ganz und links gar nicht.

Aber zurück zum Denkwürdigen. Vor dem Schlecker standen Zeugen Jehova und hielten den Wachturm hoch auf Türkisch. Das ist neu, zumindest in der Mainzer Bahnhofsstraße. Doch denkwürdig ist es nicht. Die meisten Kirchen denken international und sprechen das Wort ihres Gottes in allen vorstellbaren Sprachen. Nationale Kirchen gab es auch, aber deren Geschichte ist nie zu erzählen, ohne ein paar unerfreuliche Worte zu verlieren.

Das Denkwürdige war der Mann, der vor den Zeugen Jehova stehen blieb. Im Gesicht nicht mehr ganz jung, im Kopf richtig alt, blaffte er die Zeugen an: »Muss das denn auf Terkisch sein, mir sinn hier in Deutschland, da gilt Deutsch. In der Türkei darfste dich ach net hinstelle und auf Deutsch den Wachturm verteile.« Daran ist vieles falsch und wenig denkwürdig. Schon der Neandertaler hat anderen Urmenschen eines mit der Keule übergezogen, weil ihm dessen Grunzen zu ungewohnt klang. Und manche haben sich mit ihren Manieren nie weit über den Neandertaler hinweg erhoben.

Denkwürdig an dem Geplärre ist, dass der Passant den »deutschen Wachturm« wieder haben wollte. Offen gesagt: Er sah nicht gerade aus, wie jemand, der spirituell erleuchtet ist oder wenigstens auf der Suche nach diesem Glanz. Und wie viele Wachtürme mag er in seinem Leben gelesen haben? Und kennt er die Feinheiten der Diskussion, ob Zeugen Jehova eine Religion oder eine Sekte sind? Vor gut zehn, vielleicht vor 20, mindestens aber vor 50 Jahren hätte der gleiche Mann dagestanden und die Zeugen angeplärrt weil sie den Wachturm hoch gehalten hätten auch wenn er damals wohl noch auf Deutsch formuliert gewesen wäre. Das ist doch hübsch. Der Konservative wird so zum Verteidiger der Dinge, die er früher abgelehnt hätte. Frei nach dem Motto: »Mer wolle nix Neues, nur Altes. Aver wenn das Neue alt geworde iss, könne mer drüber rede.« Gegen so eine Argumentation lässt sich nix sagen. Genau so wenig wie gegen: Des Gulasch ist heißer als das morgen ist Valentinstag. Will sagen: Quatsch ist Quatsch und dumm bleibt dumm.


SoS