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Der Mainzer - Die Stadtillustrierte
Heft 233 Februar 2010
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Auf Sendung

Spontan, improvisiert, anspruchsvoll

»Radio Unfertig« am Mainzer Staatstheater


Felix Mühlen
Felix Mühlen Foto: Corinna Hachel 

Schon seit geraumer Zeit sorgt »Radio unfertig« hierzulande für einigen Tumult. Jetzt ist es in der »Café , Bar, Lounge 7°« auf Sendung gegangen und man darf gespannt sein, wie sich seine Erfolgsgeschichte fortsetzt. »Radio unfertig« ist eine Performance-Gruppe, die sich aus jungen Schauspielern des Staatstheaters rekrutiert.

Die Ensemblemitglieder Tim Breyvogel, Felix Mühlen und Lukas Piloty bilden den Kern der humorvoll-sub­versiven Truppe, die ihr gemeinsames Projekt als eine »irreguläre Produktion« bezeichnet und ihren Namen zum Programm macht. »Radio unfertig« ist ein typisch-postmodernes Theater-Event in fragmentarisch-offener Form. Es setzt nicht mehr auf die klassische Bühnenillusion, sondern auf den direkten Kontakt zum Publikum und auf die Macht der Medien.

Gestartet ist »Radio unfertig« vor drei Jahren im Untergeschoss des Orchesterfoyers als eine reine Radioshow. Man sendete live aus dem »Mainzer Underground« raus in den Äther. In seiner Unabgeschlossenheit und Offenheit für den Dialog und neue Einflüsse wurde »Radio unfertig« von Beginn an von Intendant Matthias Fontheim unterstützt.

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Logo Radio Unfertig Foto: Corinna Hachel

Das Radio mit Pseudoöffentlichkeit etablierte sich und wur­de zu einer Video- und Fernsehshow ausgeweitet, die im Januar letzten Jahres als »Radio unfertig der Film TV« offiziell im Kleinen Haus Premiere feierte. Diese konfuse Story irgendwo zwischen Farce, Krimi und Telenovela, wurde zusammen mit den Autoren Johannes Schrett­le und Christina Lederhaas produziert. Tim Breyvogel führte Regie. »Radio unfertig der Film TV« war lange Zeit eine feste Größe im Spielplan. Es gab zahlreiche Aufführungen mit guten Besucherzahlen und wohlwollenden Kritiken.

Auch das Konzept von »Radio unfertig« als improvisierte Show und Party-Veranstaltung zieht nach wie vor und hat sich über Mainz hinaus einen Namen gemacht. Versatzstücke der Realität in kurzen gespielten Szenen, gelesene Texte, musikalische Einlagen und Videoeinspielungen werden hinter einer paranoiden Folie arrangiert. Erst vor kurzem folgte die Auswilderung von »Radio unfertig« in seine eigentliche Heimat, die städtische Ausgeh- und Feier-Kultur.

Seit Dezember hat »Radio unfertig« nun in der »Café -Bar-Lounge 7°« neben der neuen Kunsthalle im Zollhafengelände seine Zelte aufgeschlagen. »Es ist gut, dass wir umgezogen sind. Da waren auch die Schwierigkeiten mit dem Ordnungsamt und die Beschwerden der Anwohner, die sich durch den Lärm gestört fühlten. Jetzt genießen wir wieder alle Freiheiten«, so Tim Breyvogel.

Unberechenbarkeit ist Programm


Tim Breyvogel
Tim Breyvogel Foto: Corinna Hachel  

»Der 18. Dezember war der erste Abend von »Radio unfertig« im 7° und es lag Schneechaos über Mainz. Trotzdem war der Laden gerammelt voll«, kann er stolz berichten. »370 Leute waren da und haben mitgefeiert.« Das ist schon bemerkenswert und zeigt, dass das Publikum »Radio unfertig« treu bleibt. Künstler und Publikum finden bei »Radio unfertig« spontan und unverkrampft eine gemeinsame Wellenlänge.

Unberechenbarkeit spielt die zentrale Rolle. »Radio unfertig« will gelebte Mainzer Subkultur sein und so werden viele Entscheidungen der Regie improvisiert. Es verschwimmen die Gren­zen von Akteuren und Zuschauern. Theater wird Lebensraum. »Für Leute, die sonst eher im KUZ, im »Schick und Schön« oder in den wenigen wirklich guten Neustadtkneipen unterwegs sind, gibt es jetzt mehr Raum zur Entfaltung«, kommentiert Tim Breyvogel. »Radio unfertig« schließt damit eine Lücke: »Uns war klar, dass eine Facette fehlt, die mit Theater zu füllen ist. »Radio unfertig« ist Party mit Anspruch und wir sind froh, wenn man sich für uns interessiert!« »Die Leute sollen erst einmal aufgewärmt werden und dann, wenn das Eis gebrochen ist, kann es mit der Party losgehen.«

Lukas Piloty
Lukas Piloty Foto: Corinna Hachel 

Tim Breyvogel, der sich auch als DJ betätigt, meint, die Stärke des Projekts liege darin, dass das Publikum nicht sofort feiern darf, wenn es eine Veranstaltung von »Radio unfertig« besucht. Die Filme, die gezeigt werden, regen Gespräche an. Man tauscht sich spontan darüber aus, ob die Sache gefällt oder nicht. Dabei reichen die Inhalte von der kritischen Auseinandersetzung mit der aktuellen Tagespolitik und den Ergebnissen von Umfragen, die »Radio unfertig« in Mainz initiiert bis hin zu der Rettung einer Entenfamilie im Mai­nzer Straßenverkehr.

Die Beiträge werden vorproduziert und in die Live-Performance integriert. Dabei ist »Radio unfertig« nicht die Mutter der Porzellankiste. »Vorsicht ist bei uns nicht geboten«, betont Tim Breyvogel. Es gibt keine Zensur, sondern alles wird als Erstausstrahlung an die geschlossene Gesellschaft übertragen.« »Radio unfertig«, das seine Zielgruppe bei den 20-35 Jährigen hat, ist für alle Eingeweihten auch bereits eine feste Größe im Internet. In dem Videoportal YouTube sind zahlreiche Beiträge von »Radio unfertig« zu sehen.

INFOS: 26. Februar 2010, ab 22:30 Uhr, Eintritt 5 Euro, Vorverkauf direkt im 7° neben der Kunsthalle Mainz (Zollhafen 3-5)

www.7-grad.de/programm.html

Henning Berg