Heft 233 Februar 2010
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Mainzer Köpfe

Samy El Hagrasy arbeitet gegen Unkenntnis und Vorurteile

Beharrlich unermüdlich


Samy El Hagrasy
Samy El Hagrasy

Zu Kommunalwahlkampfzeiten war der Kindergarten, den der Arab Nil-Rhein Verein gründen wollte, ein Dauerthe­ma. Manch ein Politiker mein­te, sich profilieren zu können, in dem er Aversionen gegen Muslime schürt und bekam dafür am Wahltag die richtige Quittung. Samy El Hagrasy, der Vereinsvorsitzende, redete in dieser Zeit geduldig gegen Nichtwissen und Verleumdung an. Das pädagogische Konzept für den muslimischen Kindergarten, unterstützt von Experten und vielen Nicht-Muslimen, bekam den Segen des Landesjugendamtes als Genehmigungsbehörde, seit einem Jahr lernen und spielen die Kinder im Al Nur Kindergarten. Und Samy El Hagrasy? Er kämpft weiter gegen Nichtwissen.

»Wenn ich zu viel rede, müssen Sie mich unterbrechen.« Samy El Hagrasy weiß um seine Redegabe. Er setzt sie ein um zu informieren und aufzuklären. Nicht um zu überzeugen, sagt er. Der 46-Jährige in Ägypten ausgebildete Diplom-Chemiker will nicht bekehren, nicht vom Islam überzeugen. Sein Anliegen ist, das Sammelsurium von »Informationen«, das sich in den Köpfen vieler Deutscher über den Islam gebildet hat, durch Wissen abzulösen.

»Ich begegne allen Menschen mit Respekt, mit Achtung, das gebietet mir meine Religion, ich bin von diesen Prinzipien des Miteinanders überzeugt und lebe sie.« Respekt und Achtung passen nicht zu Unwissenheit und Vorurteilen, also gilt es aufzuklären. Das ist Samy El Hagrasys Lebensaufgabe, seit er in Mainz ist.

In Ägypten habe er dieses Bedürfnis nicht verspürt – warum auch? Sein Lebensumfeld war muslimisch geprägt, es gab ihmgegenüber keine Vorurteile, keine religiös oder kulturell motivierte Ablehnung. Seitdem er beobachtet und erlebt, wel­che Folgen Nicht-Wissen haben können, informiert er. Über den Koran, die religiösen Rituale, den Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten. Letztlich alles, was Grundlage seines Lebens ist.

Miteinander statt Übereinander


Nach dem die Schweizer in einer Volksabstimmung den Bau von Minaretten untersagten, organisierte der Arab Nil-Rhein Vereinsvorsitzende eine Informationsveranstaltung. Eigenhändig verteilte er in den Briefkästen Info-Zettel, erläuterte in einer Tageszeitung den Inhalt der Veranstaltung. »Ich war sehr traurig, es kamen kaum Zuhörer – ich versteh das nicht!« Er versteht nicht, dass Menschen statt miteinander übereinander reden. Er vermisst das Bemühen, sich über den Islam zu informieren. »Wenn das Thema Islam wirklich so uninteressant ist, warum behaupten dann manche, der Islam sei eine aggressive Religion? Sie kennen diese Religion doch gar nicht.«

Statt sich zwei Stunden Zeit zu nehmen und zuzuhören, hielten solche Menschen lieber an ihrem Halbwissen fest. In seinem Bemühen mit falschen Vorstellungen aufzuräumen, lässt sich Samy El Hagrasy deshalb nicht beirren. Auch wenn die ehrenamtliche Arbeit in und für den Verein die gesamte Freizeit beansprucht, kaum Zeit bleibt für gemeinsame Aktivitäten mit Frau und Tochter.

Die Angebotspalette des Arab Nil Rhein-Vereins zielt auf Bildung: Nachhilfeunterricht für Migrantenkinder, Computerkurse für Migrantinnen, zum Beispiel. »Wir wollen etwas für unsere Kinder, für die Migrantenkinder tun. Es reicht doch nicht die Menschen im Koran zu unterrichten, sie müssen lernen, fürs Leben, damit sie Perspektiven haben, damit sie mit einem guten Schulabschluss eine gute Ausbildung machen, sie sollen doch Verantwortung in dieser Gesellschaft übernehmen auch in dem sie Steuern zahlen.«

Als Samy El Hagrasy 1998 mit seiner Frau, einer deutschen Muslimin und weiteren Mitstreitern den Arab Nil Rhein-Verein gründete, hatten sie diese Bildungsziele vor Augen. Kein weiterer Moscheeverein, der sich abschottet, sondern ein für alle offener Treffpunkt. »Wir wollen, dass Muslime und Nicht-Muslime hier miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen, sich kennenlernen von Mensch zu Mensch. So lassen sich Brücken bauen, die das tägliche Miteinander braucht«; sagt El Hagrasy.

»Ich gebe nicht auf«


Schon in der Aspeltstraße, dem ersten Domizil des Vereins, gab es eine Cafeteria und eine Bibliothek – auch mit Büchern in deutscher Sprache. Die Mehrzahl der Mitglieder hat arabische Wurzeln, dazu kommen Bosnier, Türken, Somalier – um sich zu verständigen, wird deutsch gesprochen. Präsent ist der Verein, meist in Person seines Vorsitzenden, bei allen Veranstaltungen, die im weitesten Sinne ein Miteinander von Kulturen befördern: Beim Interkulturellen Fest, ins interreligiösen Dialogen mit Christen, Juden und anderen Religionen. Der Austausch dreht sich um religiöse Rituale und religiöse Feiertage, aber auch um gesellschaftliche Reizthemen wie Kopftuchtragende Frauen, oder es wird diskutiert wird, ob »Religionen Frieden verhindern«.

El Hagrasy bedauert, dass nur wenige Menschen an diesen Gesprächen und Diskussionen teilnehmen. Beharrlich und eindringlich kehrt er immer wieder zu seinem Lieblingsthema Wissensvermittlung zurück. Nein, für Hobbys habe er keine Zeit, seine Freizeit drehe sich um die Themen Gott und Religion, sein Herzensanliegen sei der Abbau von Vorurteilen. Dass er dabei von so vielen Nicht-Muslimen unterstützt werde, bestärke ihn in seinem Tun. Feindbilder kennt er nicht, auch gegen die Widersacher im Streit um den islamischen Kindergarten hegt er keinen Groll und reicht ihnen weiterhin die Hand: »Wenn Gott den Menschen verzeiht, wie kann ich als Geschöpf Gottes den Menschen nicht verzeihen?«


SoS

Info:

Die Website des Arab Nil-Rhein Vereins www.alnur.de ist sehr umfassend und enthält detaillierte Informationen zu allen Aktivitäten des Vereins; das Betreuungskonzept für die Drei- bis Sechsjährigen findet sich unter dem Stichwort Kindergarten; laut Beschluss des Mainzer Stadtrats vom Dezember 2009 wird der Kindergarten ab 2010 mit jährlich 82.530 Euro bezuschusst, da die Vorgaben, die für Kindergärten von freien Initiativen oder Trägern gelten, erfüllt seien.