Heft 233 Februar 2010
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Fassenacht

Anmerkungen zur Kampagne 2010

Fassenacht kennt keine Krise


clown

Langsam geht die Kampagne dem Ende entgegen. Eine wahrhaft närrische, die schon beim Neujahrsumzug zur Hochform fand. Gratulation an die Ranzengarde und all die anderen Uniformträger, die ihren eigenen Zugweg gingen. Närrische Emanzipation war das, Fastnacht aus dem Lehrbuch! Spätestens als die Bürger per Leserbrief nach Ordnung schrien, reklamierten, dass die Garde wie jedes Jahr an ihnen persönlich vorbeizuziehen habe, pünktlich und sauber gekleidet bitte, war der Zenit Mainzer Lebensfreude überschritten. Was soll da noch groß kommen? Das neue Jahrzehnt hat uns eine närrische Renaissance beschert, ein Zurück zu den Wurzeln. Fassenacht statt Karneval! Während sich die Prunk- und Protz-Sitzungen schwer tun, boomt die »Wertschaftsfastnacht«. Bei den Meenzer Hutsimpel oder den Allerscheenste drängen sich die Gäste, auch auf den inzwischen legendären Funzelsitzungen der Kasteler Jokusgarde in der Reduit. Stammtischgesellschaften und Vorortfastnachter haben Hochkonjunktur. Urig Meenzer Gebabbel ist gefragt, Lokalkolorit. Fastnacht ist kein Kabarett ist die Botschaft, erst recht keine Comedy. Oberbürgermeister und andere Lokalpolitiker stehen am närrischen Pranger, die Handkäsmafia kriegt ihr Fett weg. Volksfastnachter kennen keinen Schmusekurs. »Allen wohl und niemand weh« hat bei den Narren als Motto ausgedient. Fastnacht, haben die inzwischen begriffen, ist zum Dampf ablassen da, dient als Ventil des Volkszorns. Natürlich hat es auch dieses Jahr noch zu viele Vorträge gegeben, in denen sich Opa und Oma über die Enkel aufregen oder umgekehrt, in denen Männer ihre Frauen niedermachen oder umgekehrt, in denen die Gonsenheimer über die Finther schimpfen oder umgekehrt. Vorträge, die Klischees verhaftet sind, auf vordergründige Lacher setzen. Nicht selten stammen die Texte aus einschlägigen Humorbüchern oder dem Internet. Aber Gott sei Dank denken auch immer mehr Narren um die Ecke. Etwa in Gonsenheim, wo mit Martin Heininger und Christian Schier zwei urige Spaßvögel mit die neue närrische Richtung vorgeben. Sich selbst auf den Arm zu nehmen, lautet ihr närrisches Credo, die Welt auf den Kopf zu stellen. Spielen statt agieren!

Fassenachtssitzung Viele neue Gesichter hat die neue Kampagne gezeigt. Jüngere vor allem. Aber nicht überall sind die Sitzungen dadurch besser geworden. Noch immer sind viele Veranstaltungen zu lang, was vor allem die Akteure im zweiten Teil der einen oder anderen Sitzungen zu spüren bekommen haben, wenn der Alkoholpegel steigt und die Aufmerksamkeit schwindet. Da kommt mancher Sitzungspräsident ins Schwitzen. Vor allem die, die ihre Texte schon Tage vorher zu Papier gebracht haben. Noch aber ist es nicht soweit wie in der Provinz, aus der abenteuerliche Nachrichten kommen. Wein- und bierselige Besucher, die schon aufgetankt in die Sitzungen kommen, schreien dort jeden Büttenredner nieder, rufen nach dem Ballet. Da werfen politische Redner mitten im Vortrag das Handtuch! Noch ist es in Mainz nicht soweit, aber auch hier kehren die Besucher immer häufiger Rednern und Sängern den Rücken, halten zum Unmut deren auf der Bühne, noch mehr aber ihrer Nachbarn, ein störendes Schwätzchen. Das Bedürfnis, sich selbst mitzuteilen, tritt immer häufiger in Konkurrenz zum eigenen Unterhaltungsbedarf. Das ist die neue närrische Herausforderung, auf die sich die Saalfastnachter einstellen müssen. Solche Sorgen kennen die Straßenfastnachter nicht. Ihnen reicht es, wenn der Wettergott auf ihrer Seite ist. Und auch am Schloß entlang wird dieses Jahr wieder gelaufen! Ohne dass beflissene Polizisten die Zuschauer vom Mittelstreifen verscheuchen, hoffentlich! Mit dem Rosenmontagszug krönt Mainz die erste närrische Kampagne im neuen Jahrzehnt. Krise kennt sie keine im Gegenteil: Glaubt man den närrischen Auguren, wird dieses Jahr intensiver gefeiert als sonst. In wirtschaftlichen Krisenzeiten rücken die Menschen zusammen. Da tut es gut, aus der Rolle zu fallen und sich auf sein Gegenüber einzulassen. Müssen wir doch alle im beruflichen Alltag am Aschermittwoch unsere Masken wieder aufsetzen!


Spectator