Heft 233 Februar 2010
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Arbeitswelt

Natürlich Naturkost in der Neustadt

Ein Bio-Laden der besonderen Art


Jolanda Todt, Thomas Meier und Thomas Röhm
Miteinander und Füreinander: Jolanda Todt, Thomas Meier und Thomas Röhm

Nahezu familiär wirkt das Eckgeschäft in der Mainzer Neustadt, in dem Anwohner jeder Altersgruppe einkaufen. Einige Kunden werden bereits beim Eintreten herzlich begrüßt und sogar geduzt. An der kleinen Käse- und Brottheke bleibt trotz des Andrangs die Stimmung gelassen und auch unter den Mitarbeitern herrscht ein lockerer freundlicher Umgangston. Der Grund für diese ungewöhnliche Einkaufsatmosphäre ist nicht nur, dass der Bio-Laden »natürlich Naturkost« Lebensmittel aus kontrolliert ökologischem Anbau und Naturkosmetik verkauft, sondern, dass er zugleich Integrationsbetrieb für psychisch erkrankte und behinderte Menschen in Rehabilitation ist. »Teamgeist hat bei uns einen außergewöhnlich hohen Stellenwert, denn die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung erfordert eine besondere Gemeinschaft«, erklärt Thomas Meier, der mit Mriko Krpic das Naturkostfachgeschäft leitet, »deshalb ist das Miteinander und Füreinander sehr wichtig. Dies erkennen und schätzen auch unsere Kunden.« Zum Team gehören zwölf feste Mitarbeiter, Aushilfen und Praktikanten, außerdem zwei Integrationsarbeitsplätze für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Eine dieser Stellen ist seit der Gründung des ersten Mainzer Integrationsbetriebes 1999 mit derselben Person besetzt. Ihr unbefristeter Arbeitsvertrag, denn eine dauerhafte Beschäftigung ist vom Betrieb erwünscht, sieht eine 30-Stundenwoche vor. Das regelmäßige Einkommen ermöglichte es ihr sogar vor ein paar Jahren, aus der betreuten Wohngemeinschaft in eine eigene Wohnung zu ziehen. Für den 42-jährigen Ökotrophologen Meier kein Einzelfall, denn das Integrationskonzept bietet seiner Meinung nach psychisch Erkrankten gute Chancen, einen Wiedereinstieg in das Berufsleben zu finden. »Die Tätigkeit im Geschäft kann für manche Betroffene sicherlich zu einer Belastungsprobe werden, da wir nach einer Einarbeitungszeit allmählich die Anzahl der Pausen reduzieren, um an einem Stück arbeiten zu lassen. Dadurch gewöhnen sich unsere Mitarbeiter wieder an einen normalen Alltag und sie übernehmen Verantwortung. Ein entscheidender Schritt in der Rehabilitation.«

Teilhabe am Arbeitsleben und soziale Kontakte

Arbeitslosen Menschen mit Beeinträchtigung zu einem möglichst selbstbestimmten Leben verhelfen ist bereits seit 16 Jahren das Leitbild der Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen (gpe), die Träger von »natürlich Naturkost« ist. Neben der Vermittlung von betroffenen Personen in Integrationsbetriebe bietet sie vielfältige Qualifizierungen wie außerbetriebliche Ausbildungen und Beschäftigungen in Werkstätten an. Insgesamt 20 Arbeitsplätze gibt es in den vier Integrationsbetrieben der gpe in Mainz und Umgebung, und der Bedarf ist laut gpe-Geschäftsführer Joachim Storck in den letzen Jahren gestiegen. »Die Zahl der psychisch erkrankten und behinderten Menschen nimmt weiterhin stark zu. Insbesondere der Leistungsdruck im Job und die wachsenden Anforderungen des Arbeitsmarktes scheinen unseren Beobachtungen nach die Hauptursachen dafür zu sein. Das Alter der betroffenen Personen, die von uns betreut werden, liegt entsprechend zwischen 20 und 40 Jahren.« Auf verschiedenen Wegen wenden sich diese Menschen an die gpe, die mit Ärzten, Psychotherapeuten und Beratungsstellen zusammenarbeitet. Um einen Integrationsarbeitsplatz zu erhalten, müssen Klienten eine anerkannte Schwerbehinderung vorweisen und eine Bewerbung bei der gpe einreichen, zu der auch ein Gespräch gehört. Obwohl alle gpe-Betriebe wirtschaftlich eigenständig arbeiten, erhalten sie vom Integrationsamt des Landes Rheinland-Pfalz einen Teil der Lohnkosten für ihre Integrationsarbeitsplätze. »Diese Unterstützung ist notwendig, da die Integration eines behinderten Menschen einen höheren Zeitaufwand in der Betreuung erfordert. Hierfür muss entsprechend mehr Personal bereitgestellt werden. Es handelt sich jedoch nicht um Steuergelder. Finanziert werden die Kosten aus einem Pott, in den Unternehmen einzahlen, die trotz ihrer Firmengröße, das heißt mehr als 20 Mitarbeiter, keine Menschen mit Behinderung beschäftigen«, erläutert der 61-jährige Storck. Sieben weitere Integrationsarbeitsplätze sind bereits in Planung, die im neuen und größeren Geschäft von »natürlich Naturkost« geschaffen werden sollen, wenn dieses Anfang Mai in der Josefstraße 65 eröffnet.


Kerstin Halm

Infos:
natürlich Naturkost,
Leibnizstraße 22,
Telefon: 06131/ 61 49 76

gpe Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen,
Galileo-Galilei-Straße 9a,
55129 Mainz,
Telefon: 06131/
6 69 40-10,
,
www.gpe-mainz.de