Heft 233 Februar 2010
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Abwasser

»Entsorgung« über die Kloschüssel:

»Reisebericht« eines Wattestäbchens


Als Wattestäbchen habe ich es nicht einfach. Zuerst werde ich in die Tiefen eines menschlichen Ohres gesteckt um – Schwups- auch schon im Mülleimer zu liegen. Wobei für einen Mülleimer ist das hier viel zu nass. Ist das zu fassen? Mein Benutzer hat mich tatsächlich in die Toilettenschüssel befördert. Und kaum habe ich das begriffen, geht meine Reise in die Kanalisation schon los. Zusammen mit dem übrigen Abwasser werde ich unterirdisch in einem System von Röhren und Schächten gesammelt. Mit zunehmender Menge werden die Querschnitte der Leitungen immer größer, bis sie endlich in einen Hauptkanal münden, der das Abwasser zum Zentralklärwerk in Mombach führt. Hier kommen die Abwässer der über 210 000 Einwohner von Mainz, Budenheim und der Verbandsgemeinde Bodenheim zusammen, sowie die der angeschlossenen Industrieunternehmen, die noch einmal rund 180 000 Einwohnern entsprechen.

Interessant wen oder was ich hier alles treffe: Treibholz, Plastiktüten, Kondome, Binden, sogar Kleidungsstücke schwimmen hier rum, aber natürlich auch jede Menge Toilettenpapier. Doch die Reise dieser Begleiter endet an dieser Stelle. Denn im Rechenhaus sorgen Gitterstäbe im Abstand von jeweils nur einem Zentimeter dafür, dass die Gegenstände am Weiterschwimmen gehindert werden. Über eine Förderschnecke werden sie zu einer Presse transportiert. Die Feststoffe wandern in einen Container und von dort zur Verwertung. Ich aber bin sehr schlank gebaut, passe prima durch das Gitter hindurch und kann mein Abenteuer fortsetzen. Nun befinde ich mich im Sandfang. Hier werden Sand und kleinere Steine aus dem Abwasser herausgeholt. Jetzt kommt Bewegung ins Spiel, neben mir beginnen die ebenfalls im Abwasser vorhandenen Fette zu klumpen und bilden kleine Bläschen, die zur Oberfläche wandern. Auch von ihnen muss ich mich verabschieden, denn sie werden abgesaugt und zur weiteren Behandlung in die Faultürme gebracht.


Rechenhaus
Gitterstäbe im Abstand von einem Zentimeter sorgen im Rechenhaus dafür, dass Gegenstände wie Treibholz, Plastiktüten, Kondome, Kleidungsstücke und Toilettenpapier am Weiterschwimmen gehindert werden.


Förderschnecke
Die im Rechenhaus aussortierten Gegenstände werden über eine Förderschnecke in Container transportiert und gehen von dort zur Verwertung.


Nachklärbecken
Im Nachklärbecken wird die Fließgeschwindigkeit extrem reduziert. Dabei setzen sich die schweren Schlammflocken am Boden ab, die leichten treiben oben.


Schlammstapelbehälter
Im Schlammstapelbehälter sorgt ein Rechen dafür, dass Wattestäbchen, Haare und feine Müllpartikel ausgesondert werden.


Container
Nachdem im Schlammstapel - behälter ein Rechen den Rest ausgesiebt hat, landen die Wattestäbchen zusammen mit Haaren und feinen Müllpartikeln im Container. Erstaunlich wie viele Wattestäbchen sich hier befinden.


»Mich frisst keiner!«

Als nächstes beginnt die Vorklärung. Ich stecke in einem trichterförmigen Becken. Das Wasser wird von der Mitte aus zugeleitet und fließt innerhalb von zwei Stun­den von innen nach außen. Bei diesem Prozess setzen sich die noch übrig gebliebenen organischen Teilchen auf dem Boden ab. Dabei entsteht eine Schlammschicht. Plötzlich kommt ein Räumschild und schiebt sie zurück zur Mitte des Beckens. Über den sogenannten Primärschlammabzug wird die Schlammschicht ebenfalls Richtung Faultürme gepumpt.

Mittlerweile ist das Wasser zu etwa 30 Prozent gesäubert. Über Ablaufschlitze läuft es in eine ringförmige Rinne und wird ins Belebungsbecken gepumpt. Ab hier beginnt die biologische Reinigung. Und ich bin immer noch dabei. Neben mir befinden sich nur noch gelöste Stoffe, also Phosphate, Kohlenstoffe und Stickstoffverbindungen im Wasser. Außerdem treffe ich Mikroorganismen wie Bakterien und Protozoen. Sie scheinen großen Hunger zu haben, denn sie fressen den gelösten Schmutz und entwickeln so neue Zellen. Mich frisst aber keiner. Es ist erstaunlich wie viele Plastikteilchen mir auf meiner Tour begegnen. Was die Mainzer alles wegwerfen. Unglaublich! So langsam geht mir dieses ständige Auf und Ab doch ein wenig auf die Watte.

Im letzten Teil meiner Reise wird es etwas ruhiger. Denn im Nachklärbecken wird die Fließgeschwindigkeit extrem reduziert. Dabei setzen sich die schweren Schlammflocken am Boden ab, die leichten treiben oben. Nun kommt ein riesiges Gerät auf mich zu. Es fährt immer rundum und befördert den Schlamm am Boden in einen Trichter, den an der Oberfläche in eine Sammelrinne. Für sie beginnt erneut die Vorklärung. Das restliche gereinigte Wasser ist nun bereit für den letzten Weg in den Rhein. An dieser Stelle kann auch ich mich nicht mehr durchmogeln. Zusammen mit dem restlichen Unrat werde ich manuell herausgefischt und lande in einem riesigen orangenen Staubsauger auf Rädern. Nach einer kurzen Fahrt komme ich durch Rohre in einen Schlamm­stapelbehälter. Auch hier bewegt sich etwas, das nach einem Rechen aussieht. Ich lande in einem Container mit unzähligen meiner weggeworfenen Wattekollegen, Haaren und anderer feiner Müllpar­­tikel. Schade, denn gerne hätten wir die Rohrleitungen verstopft. Nach einer zugigen Fahrt auf dem Rücken eines LKW, fahren wir auf ein Gelände mit vielen hohen Schornsteinen. Irgendwie wird mir gerade sehr heiß … Übrigens arbeiten 75 Personen für das Zentralklärwerk und die Abwasserpumpwerke und 20 davon sogar im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Denn Wasser verbrauchen die Mainzer nicht nur am Tag.


Helena Winter