Heft 232 Januar 2010
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Fastnachts-Interview

Günter Schenk plädiert für neue närrische Formen

Feiern nach Lust und Laune!


Günter Schenk
Ein Mainzer Fastnachter von ­Anfang an: Günter Schenk

Günter Schenk gilt als einer der renommiertesten närrischen Vordenker. Mit Büchern zur Geschichte der Mainzer Fastnacht hat er sich einen Namen gemacht. Zuletzt beleuchtete er in seinem Buch »Fastnacht zwischen Brauch und Party« den Spagat, dem die närrische Zeit inzwischen unterworfen ist. Der MAINZER sprach mit dem Publizisten über die Zukunft der Fastnacht.

Ihre Analysen zur Entwicklung des Karnevals werden in Köln ebenso geschätzt wie in der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Gerade haben sie zum 25jährigen Jubiläum der Kölner Stunksitzung in einem Essay einen Blick in die Zukunft des Kölner Karnevals geworfen. Wie sieht die denn aus?

Kölns Karneval zeigt die Veränderungen, der das Fest zur Zeit unterliegt, am besten. Auch dort prallen zwei närrische Welten aufeinander: die der Traditionalisten, die feiern wollen, wie sie es von ihren Vätern und Müttern gelernt haben, und die der Jugend, die sich nicht länger vorschreiben lässt, wie Fastnacht auszusehen hat. Sie feiert wie und wann sie will, kostümiert sich nach Lust und Laune, schlüpft in keine starre Uniform mehr, sondern wechselt die Narrenkleider wie ein Vamp die Liebhaber.

Das Fest also ist nicht in Gefahr?

Im Gegenteil. Die Fastnacht – auch in Mainz – steht vor einer großen Renaissance. Allerdings wird sie anders aussehen als wir das bisher gewohnt waren. Sie wird spontaner, kreativer, auch ausgelassener, wird zurück zu ihren Wurzeln finden. Straßen- und Kneipenfastnacht werden neu belebt werden, die Sitzungsfastnacht entrümpelt.

Viele Vereine klagen über Besucherschwund, die Quoten der Fernsehfastnacht sind im freien Fall. Hat das Gründe?

Die Strukturen der Sitzungsfastnacht sind veraltet, passen nicht mehr ins neue Jahrtausend. Da wundert es niemand, dass der durchschnittliche Zuschauer von »Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht« deutlich über 60 Jahre alt ist. Da werden auch alle Verjüngungskuren nicht helfen, diese Form der Fastnacht ist ein Auslaufmodell wie Reval oder Quelle.

Das klingt ja, als geben Sie dem Sitzungskarneval keine Chance mehr?

Nicht in dieser Form! Fünf oder sechs Stunden Programm können Sie heute keinem Menschen mehr auf einem harten Stuhl in engen Reihen zumuten. In Köln sind erfolgreich die ersten Steh-Sitzungen über die Bühne gegangen, maximal zwei Stunden mit viel Musik, die sind bei jungen Leuten gut angekommen. Dahin wird die Entwicklung gehen, die Jugend steht ja auch bei Rockkonzerten.

Was muß noch geändert werden, um die Fastnacht zukunftsfähig zu machen?

Es gilt, sich von Traditionen zu trennen, deren Sinn heute keiner mehr versteht – von Sitzungspräsidenten und Elferräten zum Beispiel. Die hatten einmal eine Funktion in einer bürgerlichen Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt. Und Formen wie das Schunkeln, das einmal zur Kontaktaufnahme diente, haben sich ebenso überlebt wie der deutsche Schlager.

Also das Aus für alles, was unsere Eltern liebgewonnen hatten?

Nicht ganz. In Retro- und Spaßformen könnte das Schunkeln durchaus wieder Mode werden, auch die Auftritte der Garden. Aber wir müssen neue Gesichter auf die Bühne bringen. Langsam auch sollten wir die Einweg-Kommunikation aufheben, also die Trennung zwischen denen auf der Bühne und den Leuten unten im Saal. Man sollte das Publikum stärker mit einbeziehen. Ein Dutzend Redner und Rednerinnen, die mit immer den gleichen Vorträgen von einem Saal in den nächsten ziehen, sind jedenfalls nicht das Kapital, auf das ich in den nächsten Jahren wetten würde.

Worauf setzen sie?

Auf mehr närrische Experimente. Man kann doch auch in Bussen oder Straßenbahnen zusammenkommen. So könnte ein Wiesbadener auf der Fahrt von Mainz nach Wiesbaden Witze über die Mainzer erzählen, auf der umgekehrten Strecke ein Mainzer die Wiesbadener närrisch beleuchten. Oder was ist mit Veranstaltungen, die nach dem Vorbild von Dinner-Partys funktionieren. Da kümmert sich eine Gruppe um das gemütliche Kennenlernen, was Rollenspiele erheblich erleichtern, eine andere organisiert Essen und Trinken, und die nächste eine schöne Party zum Ausklang. Auch Handy und Laptop sind närrisch noch längst nicht ausgereizt. Ich glaube, junge Leute wollen heute auch ein bisschen gefordert werden...

Also Aus für die politisch-literarische Fastnacht, das auch von Ihnen propagierte Markenzeichen der Mainzer Fastnacht?

Nein, aber der politisch-literarische Karneval wird künftig nur eine Form von vielen sein. Eine Art Fastnacht der Elite. Ein närrisches Sahnehäubchen, wenn sie so wollen. Gerade die Entwicklung in der Stadtpolitik bietet da ja wahr­scheinlich auch in den nächs­ten Jahren genügend Stoff. Aber wir müssen sehen, dass sprachliche und kulturelle Hürden vielen Migranten den Zugang zur Fastnacht erschweren. Wenn wir möglichst viele Menschen in die Mainzer Fastnacht integrieren wollen, müssen wir Formen finden, die diesen Menschen offenstehen.

Muß auch die Straßenfastnacht reformiert werden?

Nicht in dem Umfang wie der Saalkarneval. Die Fastnacht auf der Straße ist ja die demokratischste Form des Festes und damit krisenfester als der Saalkarneval. Mit der Rosenmondnacht und dem Jugendmaskenzug haben wir ja bereits zwei närrische Formate, die auf junge Leute zugeschnitten sind und auch gut angenommen werden. So ist der Jugendmaskenzug deutlich kreativer und lebendiger als der Rosenmontagszug, der ein bisschen in die Jahre gekommen scheint.

Was fehlt dem Zug?

Das Überraschungsmoment. Wer den Zug jedes Jahr sieht, sagt sich irgendwann, das kenne ich ja. Die Garden tragen ja immer die gleichen Uniformen. Und meistens, so mein Eindruck, auch die gleichen Gesichter. Neu sind eigentlich nur die Motivwagen. Die interessantesten habe ich aber meist schon vorher in der Zeitung oder bei der Präsentation am Sonntag vorher gesehen, warum soll ich mir also den Rosenmontagszug ansehen? Die Präsentation der Wagen am Vortag auf der Ludwigsstraße ist sicher gut gemeint und bringt bei gutem Wetter auch ein paar Zehntausend Zuschauer auf die Beine, damit aber ist die Luft für den Rosenmontagszug raus. Das machen die Düsseldorfer anders, die auch keine Bilder vorher verbreiten. Da erfährt man erst am Rosenmontag , was Sache ist – sieht so eine Bundeskanzlerin mit blankem Busen. Da haben die Bedenkenträger keine Chance. Übrigens: Ein bisschen mehr Frechheit täte dem Zug gut, schließlich ist er keine Fronleichnamsprozession.

Wie nachhaltig muß Fastnacht eigen­tlich sein?

Sie sollte immer auf das Du abgestellt sein. Fastnacht ist verkehrte Welt, ein Stück Anarchie, Chaos auch. Viele meinen noch immer, Fastnacht sei ein verlängertes Freizeitwochende mit Event-Charakter. Gerade das aber ist die Fassenacht nicht. Es ist eine Zeit, in der sich die Seelen begegnen. In der aus den närrischen Ichs zunächst ein Du wird, das schließlich im Mainzer Wir mündet. Und: Fastnacht muß nicht lustig sein, aber immer voller Lust.