Heft 232 Januar 2010
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Einkaufsmärkte

Drogeriemärkte als »Einkaufserlebnisse«

Besser als Leerstand

Einkaufshaus
Foto-Montage: Christoph Barkewitz

»Schon wieder ein dm-Markt«, murmelt die Passantin ihrer Begleiterin in der Lotharstraße zu. Wo einen jahrelang die heruntergekommene Hedderich-Passage vorbeihasten ließ, lädt seit Ende November der neueste Drogeriemarkt des Karlsruher Großunternehmens dm zum Einkaufen ein. Optisch ein Gewinn, aber auch eine Bereicherung für den Branchenmix in der City?

Denn die Bemerkung »Schon wieder ein dm-Markt« hat seine Berechtigung: Die Verkaufsstelle Lotharstraße ist bereits die vierte dm-Filiale in der Mainzer Innenstadt, die anderen Filialen sind teilweise nur etwa 300 Meter weit entfernt. Wer von der Lotharstraße nach links in die Große Bleiche abbiegt, steht bald vor dem dm-Markt am Umbach. Stadteinwärts ist es ungefähr ebenso weit zum dm in der Seppel-Glückert-Passage zwischen Kaufhof und C&A. Auf dem Weg dorthin kann der Kunde vorher aber auch schon zu den Konkurrenten Rossmann in der Pfandhausstraße oder Schlecker im Tiefgeschoss der Römerpassage gehen. Wiederum nur wenige hundert Meter weiter residiert in der Ludwigstraße schließlich der vierte dm-Markt. Und dabei wird es nicht bleiben. Bald tritt der nächste Branchenriese auf den Plan. Im Sommer eröffnet mit dem Ulmer Unternehmen Müller die Nummer 4 der deutschen Drogeriemarkt-Szene (nach Schlecker, dm und Rossmann) seine erste Filiale in Mainz. Voraussichtlich am 1. Juli 2010 wird sich der Müller-Markt mit circa 3200 Quadratmetern über vier Etagen verteilt im ehemaligen Karstadt-/Wehmeyer-Haus niederlassen, wie eine Firmensprecherin mitteilt.

Wunsch nach Fachgeschäften


Da stellt sich die Frage, wer all das Toilettenpapier, Haarshampoo, Waschmittel und Schmink-Sammelsurium kauft? Zumal dies alles wenngleich natürlich in geringerer Sortimentsbreite grundsätzlich ja auch in einem Rewe, Real oder Aldi zu haben ist. Und außerdem: Wünscht sich der Besucher der Mainzer Innenstadt einen Drogeriemarkt an jeder zweiten Ecke? Stellt dies für ihn das besondere Einkaufserlebnis dar, das einen Besuch in der City rechtfertigt? Untersuchungen zufolge herrscht der Wunsch nach Fachgeschäften und Boutiquen vor. Die Antworten von Experten darauf sind uneinheitlich. So erklärt der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Rheinhessen-Pfalz, Hanno Scherer, grundsätzlich müsse sich jeder dem Wettbewerb stellen, »wir sind nur gegen Ansiedlungen, die die Innenstadt gefährden«. Eine Sortimentssteuerung könne sein Verband nicht vornehmen. Ob die vielen Drogeriemärkte allerdings für den Branchenmix sinnvoll sind, sei natürlich fraglich. Eine Lösung kann aber auch Scherer nicht bieten: »Ein guter Herrenausstatter oder eine feine Damen-Boutique wären sicher schöner, aber wir können sie auch nicht herzaubern.«

dm
Der neueste dm-Markt in der Lotharstraße

Ins gleiche Horn stößt Juwelier Martin Lepold, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Mainz: »Jedes Konzept, das tragfähig ist, ist willkommen alles besser als Leerstand oder ein Ein-Euro-Kaufhaus.« Über die Menge an Drogeriemärkten sei er zwar auch zwiegespalten, andererseits förderten die Kunden durch ihr Kaufverhalten aber diese Ansiedlungen. Und wie sie diese fördern. Offenbar so gut, dass dm-Gebietsverkaufsleiter Michael Beier in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilt: »In Mainz und Umgebung haben wir noch Platz für mindestens einen dm-Markt gesehen, darum haben wir den Markt in der Lotharstraße eröffnet. Die Nachfrage an Drogerieartikeln ist sehr gut und mit unseren niedrigen Dauerpreisen schneiden wir bei Warenkorbvergleichen immer wieder als günstigster Anbieter ab. Wettbewerber in der Nachbarschaft irritieren uns daher nicht.«

Nicht unbedingt ein Gewinn


»Die Angebote werden durchaus wahrgenommen«, bestätigt auch Professor Günter Meyer vom Geographischen Institut der Universität Mainz, der regelmäßig Kunden und Händler zur Einkaufssituation in der Stadt befragt. Die Drogeriemärkte seien zum einen ein wichtiges Element für die Versorgung der Wohnbevölkerung in der Innenstadt. Zum anderen weist Meyer auf eine deutliche Änderung des Einkaufsverhaltens hin. Die mittlerweile längeren Öffnungszeiten führten zur generellen Tendenz, Dinge des täglichen Bedarfs in der Innenstadt zu kaufen, kürzere Geschäftszeiten dagegen zu einer Bedarfsdeckung über die Stadtteilversorgung oder Märkte auf der grünen Wiese.

Es sei aber natürlich nicht unbedingt ein Gewinn, wenn ein Drogeriemarkt in den attraktivsten Standort einziehe, räumt der Professor hinsichtlich des kommenden Müller-Marktes im Wehmeyer-Haus ein. Dort sei die Chance vertan worden, ein qualitativ hochwertiges Angebot in die Stadt zu holen. Zumindest einen weiteren Nutzen, den Meyer für Drogeriemärkte ins Feld führt nämlich das zusätzliche Angebot von Geschenkartikeln, CDs oder Fotobedarf wird Müller voll und ganz erfüllen. Das Sortiment umfasst nach Unternehmensangaben Drogerie, Parfümerie, Haushalt, Spielwaren, Schreibwaren und Multimedia. »Mit einem Sortiment von 145.000 Artikeln verstehen wir uns als Kaufhaus«, erklärt die Firmensprecherin, »das hat kein Drogeriemarkt wir verstehen uns als Kaufhaus«.


Christoph Barkewitz