Heft 232 Januar 2010
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Denkmal

Martialischer Eisenmann symbolisiert:

Zwänge der Neuzeit


Der »Antimensch« von Zbigniew Fraczkiewicz

Fast fürchtet man, er könne jeden Moment anfangen sich knirschend zu bewegen, von seinem Sockel steigen und wie ein Roboter losmarschieren. Der »Antimensch« von Zbigniew Fraczkiewicz sieht aus wie eine unberechenbare Maschine. Seine Gliedmaßen werden von Eisenplatten durchschnitten, an denen sie grob verschraubt sind. An den Waden, den Oberschenkeln, den Armen, am Hals, am Kopf und sogar am Penis sitzen solche Platten. Eine weitere Hand, ein Bein und ein Kopf sind wie mitgelieferte Ersatzteile am Sockel befestigt. Der Mensch in der industriellen Zwangsjacke: ihn wollte Fraczkiewicz zeigen. Die Figur stammt aus einem ganzen Zyklus von Eisenmenschen, die der polnische Künstler in den 80ger Jahren schuf. Er selbst sagt, die Skulpturen seien von seiner Arbeit in der niederschlesischen Industrie inspiriert und verkörperten die »Tragödie des Menschen, der zur Technik verurteilt ist«. Der Mainzer Eisenmann kam 1989 in die Domstadt. Genau 50 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen war er Teil einer Fraczkiewicz-Ausstellung im Eisenturm. Als Symbol für die Völkerverständigung zwischen Deutschland und Polen kaufte die Stadt Mainz den Eisenmann anschließend und ließ ihn am 8. Mai 1990 neben dem Brückenturm aufstellen, genau 45 Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands. 2007 musste die fast drei Meter hohe Skulptur wegen der Umgestaltung des Platzes »Am Alten Kaufhaus« wieder abgebaut werden. Seit März 2009 aber ist der »Antimensch« zurück. Jetzt steht er unter der Rathausbrücke, etwa 20 Meter vom alten Standort entfernt. Dort guckt er nun finster und bedrohlich in Richtung Heilig Geist. Zu bedrohlich, muss sich irgendjemand gedacht haben. Um dem Eisenmann wenigstens einen Hauch von Meenzer Gemütlichkeit zu verleihen, hat man ihm vorüber­gehend eine Baseball-Mütze aufgesetzt – fast wie eine Batschkapp.


Ilona Hartmann