Heft 231 Dezember 2009
Mehr Infos zum Zentrenkonzept


Mehr Informationen zum Zentrenkonzept der Stadt Mainz finden Sie hier im PDF-Dokument das uns freundlicherweise für den Download zur Verfügung gestellt wurde.

Zentrenkonzept der Stadt Mainz

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Titelstory

Fach- und Verbrauchermarkt im Wirtschaftspark: ja bitte!

Leerstand und Billigläden in der Innenstadt: nein Danke!


Professor Günter Meyer

Vor drei Jahren wollte Globus in den Hechtsheimer Gewerbepark und Möbel Martin sollte hinterherziehen. Jetzt soll Möbel Martin voranschreiten und einen Verbrauchermarkt mitbringen. Offensichtlich gibt es solche Märkte nur im Doppelback, denn einer alleine schafft es nicht die grüne Wiese zum Blühen zu bringen. Was steckt hinter dieser Ansiedlung und welche Folgen hat sie für den Mainzer Einzelhandel? Bedeutet die Ansiedlung eines Ärztehauses am Taubertsberg weitere Kaufkraftabschöpfung vom Innenstadthandel? Steigert ein XXL-Samstag die Attraktivität von Mainz als Einkaufsstandort? Professor Günter Meyer, unter dessen Leitung seit 2003 eine Langzeitstudie zur Entwicklung der Mainzer City durchgeführt wird, analysiert im Gespräch mit dem MAINZER die Situation.

Ein Möbelhaus wollen viele schon lange. Möbel Martin wäre grundsätzlich zur Ansiedlung bereit, die Verhandlungen laufen, Zeitungsberichten zufolge, seit drei Jahren. Der Mainzer Stadtrat hat den Verhandlungen zugestimmt. Allerdings gibt es noch einige Hürden zu nehmen. Eine lautet: Zentrenkonzept. Dort ist festgehalten, dass Zentrenlevante Sortimente (siehe »Zentrenkonzept«, S. 30 als pdf-Datei unter www.dermainzer.net) auf fünf Prozent der Verkaufsfläche zu beschränken sind. Angeblich haben sich die künftigen Koalitionäre SPD, GRÜNE und FDP aber bereits auf zehn Prozent Zentrenrelevante Güter im Falle Möbel Martin geeinigt. »Die Fünf-Prozent-Regelung im Zentrenkonzept ist verbunden mit ‚in der Regel’, damit blieben branchentypische Komplementärgüter auf zehn Prozent der Verkaufsfläche noch im Rahmen des Zentrenkonzeptes«, stellt Meyer fest. Falls eine solche Regelung mit Möbel Martin vereinbart werde, geht er davon aus, dass sie tatsächlich eingehalten und kontrolliert werde: »Es gibt einen sehr aktiven Einzelhandelsverband und generell ist die Sensibilität durch die Diskussionen in den letzten Jahren, im Umfeld der nicht erfolgten Globus-Ansiedlung, aber auch der teils durch Gerichtsbeschlüsse und unter Verweis auf das bestehende Zentrenkonzept abgelehnten Verbrauchermärkte sehr groß.«

Meyer zufolge ist die Ansiedlung eines Möbel Marktes im Gewerbepark nicht das Problem, sondern: »Als Frequenzbringer braucht Möbel Martin einen Verbrauchermarkt, darauf dürfte der Möbelmarkt bestehen. Kommt die Kombination Möbelmarkt und Verbrauchermarkt, dazu die kostenlosen Parkplätze, siedeln sich auch Gastronomie und Dienstleistungen wie Frisör und dergleichen mehr an. Dann wird aus den südlichen Vororten Kaufkraft abgeschöpft und die wohnortnahe Grundversorgung der Bevölkerung in diesen Stadtteilen gerät in Gefahr, weil sich Bäcker, Metzger und kleinere Märkte nicht mehr halten können.« Damit ist ein Dilemma für die künftigen Koalitionäre klar: Der Möbelmarkt bringt Gewerbesteuereinnahmen und Arbeitsplätze, das ist erwünscht. Ohne Verbrauchermarkt wird Möbel Martin aber nicht kommen. Beides zusammen widerspricht jedoch dem Credo von SPD und GRÜNEN: Die haben sich in der langen Diskussion um die Globus-Ansiedlung für die wohnortnahe Grundversorgung, für die Stärkung des Einzelhandels nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Stadtteilen stark gemacht.

Ärzte und Passanten

Die Gründung eines Ärztehauses, unter dessen Dach am Taubertsberg mehrere, bislang in der Innenstadt ansässige Mediziner ihre Dienstleistungen anbieten wollen, offenbart aus Sicht von Gün­ter Meyer erneut eine verhängnisvolle Tendenz für die Attraktivität der Innenstadt: »Ein Grundprinzip der Innenstadt ist ihre Multifunktionalität. So kann der Arztbesuch Anlass eines Einkaufsbummels sein oder wird mit einem Friseurtermin verknüpft. Je mehr solcher Funktionsträger abwandern, desto mehr gerät diese Multifunktionalität ins Wanken.« Es gehe nicht um die vielleicht Hun­dert Passanten, die nicht mehr zum Artbesuch in die Innenstadt kommen, es gehe um die Summe aller Abwanderungen: Universi­täts­einrichtungen, große Teile der Fachhochschule, Ärzte und in deren Gefolge wiederum Physiotherapeuten und ähnliches. Dem Rück­gang solcher Frequenzbringer in der Innenstadt folge der Rückgang der Passanten und damit potenziellen Kunden.

Verpasste Chancen

Professor Günter Meyer

Seit 2003 befragen Studierende im Abstand von zwei Jahren Passanten in Mainz und in Wiesbaden. Meyer bilanziert, dass in der jüngsten Untersuchung die Forderung nach mehr Qualität im Einzelhandel, nach attraktiven Geschäftsangeboten dramatisch zugenommen habe. »Das bedeutet, es müssen unbedingt neue, attraktive Einzelhandelsangebote in der Mainzer Innenstadt geschaffen werden«, so seine Schlussfolgerung. Leider seien in der letzten Zeit einige wichtige Chancen vertan worden. »Der Wehmeyer-Kom­plex zum Beispiel: ausgerechnet an dieser exponierten und äußerst attraktiven Lage soll der größte Drogeriemarkt in Mainz einziehen!« Als »Skandal« bezeichnet Meyer, was die Mainzer Wohnbau GmbH mit den Markthäusern, genauer mit den Ladenlokalen im Erd- und Untergeschoss angerichtet habe. »Ohne direkten Zugang, von außen nicht erkennbar – solche Planungen sind grenzenloser Dilettantismus.« Abgesehen davon, dass das marode Unternehmen jetzt noch einmal Geld in die Hand nehmen muss, um die nicht zu vermietenden Flächen attraktiver und damit vielleicht vermietbar zu machen. Dass in der Korbgasse die anvisierte »Luxusmeile« nicht in die Gänge kommen würde, war aus Sicht des Geographen vorhersehbar. Hier hätten die kommunalen Entscheidungsträger wohl etwas blauäugig den Plänen des Investors vertraut. »Immerhin aber«, merkt Meyer an, »werde an dieser Stelle ein wirklich positives Entwicklungsprojekt realisiert, in dem hochwertige Fachgeschäfte eine Chance bekommen.« Die Anzeichen, dass die Neugestaltung rundum den Karstadt-Komplex in der Ludwigsstraße in greifbare Nähe rückt, mehren sich. Sobald das Karstadt-Insolvenzverfahren abgeschlossen ist, dürften konkrete Pläne in Verbindung mit Investoren genannt werden.

Meyer spricht von einer beträchtlichen Aufwertung für diesen Standort, vorausgesetzt das neue Einkaufszentrum gruppiere sich um ein Warenhaus. »Es wäre fatal, insbesondere für den Facheinzelhandel, wenn die gesamte Verkaufsfläche mit Kettenläden belegt würde. Es braucht hier ein großes Warenhaus, dazu Gastronomie und kleinere Geschäfte.« Zu den Plänen, die Achse vom Hauptbahnhof über den Münsterplatz und die Große Langgasse bis zur Ludwigsstra­ße neu zu gestalten, stellt Meyer fest: »Die zweitwichtigste Forderung aus den Passantenbefragungen zielt auf mehr Grün in der Innenstadt. Dem würden die Umgestaltung eines Parkplatzes in einen ‚Stadtplatz’ und der geplante Grünstreifen in der Großen Langgasse entsprechen. Andererseits wird diese Straße als Verkehrsachse weiter gebraucht.« Außerdem folge einer solchen atmosphärischen Aufwertung nicht automatisch auch eine Aufwertung des Einzelhandels »Das Angebot an dieser Stelle ist mehr als dürftig und nur durch etwas mehr Grün in der Umgebung werden sich die Passantenströme nicht in diese Richtung lenken lassen.«

Nicht ausruhen

Bleibt die Frage: Was können und müssen die Einzelhändler selbst leisten, damit Mainz als Einkaufsstandort attraktiv bleibt und attraktiver wird? Das Konzept, an verkaufsoffenen Sonntagen oder auch am XXL-Samstag im neuen Jahr, die Kundschaft mit attraktiven Angeboten in die Geschäfte zu locken, statt auf Straßen und Plätzen Remmidemmi zu bieten, stößt aus Sicht von Meyer an Gren­zen. »Eine Kombination von beidem ist gut, wie zum Beispiel beim ‚Flohmarkt’. Spielt sich zu wenig draußen ab, dann ist das für die Zielgruppen nicht interessant genug.« Grundsätzlich, so Meyer, müsse die Gesamtattraktivität gesteigert werden: »Singuläre Ereignisse, wie Feste in einzelnen Quartieren sind anerkennenswert, tragen aber wenig zu einer nachhaltigen Aufwertung bei.« Eine Chance, besonders an den Samstagnachmittagen Menschen und Kundschaft in die Stadt zu locken, sieht Meyer in längeren und einheitlichen Öffnungszeiten: »Das ist eine typische Zeit zum Bummeln, die könnte durch offene Geschäfte aufgewertet werden.« Initiativen wie die Kooperation von Einzelhändlern und PMG bei »Parken aufs Haus« wertet Meyer als »positive Impulse«, wichtig für die Kundenbindung und ausbaufähig. Bleiben die Wünsche der Passanten nach mehr Atmosphäre in der Innenstadt: ein größeres Angebot an Café s mit Außenbewirtschaftung, zum Beispiel. Die Einflussmöglichkeiten auf entsprechende Lokalitäten seien hier jedoch begrenzt. Dem Wunsch nach mehr Grün in der Innenstadt kön­ne man dagegen in Gemeinschaft und ganz individuell nachgehen: Blumenkästen an Fassaden, Blumenkübel vor die Geschäfte, attraktive Blumeninseln an Straßen und Plätzen: »Es ist unglaublich, wie sich die Atmos­phäre einer Stadt dadurch positiv verändert.«


SoS