Heft 231 Dezember 2009
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Mainzer Köpfe

Gerhard Trabert im Einsatz

Für Wertschätzung und Respekt


Gerhard Trabert

Das Thema ist angekommen. Mitten in der Gesellschaft. Armut. Der Kinderarmut den Kampf ansagen will der Stadtjugendring. Der Stadtrat fordert ein Armutsmonitoring. Gerhard Trabert beschäftigt sich schon lange mit Armut. Ein Lebensbegleitendes Thema. Seine Einsatzgebiete sind: Gesundheit, auch in sozialen Brennpunkten, Street Jumper, Flüsterpost, Kinderbücher und immer wieder die Versorgung kranker Kinder im Ausland. Anfang Dezember wird er ausgezeichnet: Der Kinderschutzbund verleiht ihm den Kinderschutzpreis für 2008.

Er ist als Obdachlosenarzt bekannt geworden. Weit über Mainzer Grenzen hinaus. Zwei-, dreimal die Woche ist er mit dem Arztmobil unterwegs. Die Wohnsitzlosen kennen ihn. Sie haben Vertrauen. Berührungsängste? Fehlanzeige. Den Professor, der an der Wiesbadener Hochschule RheinMain lehrt, der bundesweit in den Medien präsent ist, erleben sie als ganz normalen Menschen. Der sich öffnet. Erzählt, von sich. Jeden Gegenüber als Menschen wahr­nimmt. Der sich einlässt auf Schicksale. Mitleidet. Ohne mitleidig zu wirken. In Indien, als Arzt in der Leprastation fing Gerhard Trabert an zu schreiben. Für seine Kinder. Ein Tagebuch. Er berichtet von seiner Arbeit – so dass Kinder verstehen, was bedrückend und was hoffnungsfroh ist bei der Arbeit anderen Menschen zu helfen.

Auf die Menschen zugehen

»Armut und Gesundheit« heißt der Verein, den er mitbegründet hat. Wer arm ist, ist kränker, krank­heitsanfälliger. Schlechtere Ernährung, Bewegungsmangel, nicht optimale hygienische Verhältnisse, Suchtverhalten. In der Zwerchalle-Siedlung initiierte Trabert das Projekt »Gesundheit jetzt! in sozialen Brennpunkten«. Es gelang die erwachsenen Bewohner zu erreichen. Und so den Kindern zu helfen. Die Siedlung wurde aufgelöst, die Bewohner in verschiedene Wohnquartiere aufgeteilt. Dort taucht jetzt regelmäßig der »Street Jumper« auf, ein umgebautes Wohnmobil. Ausgestattet mit allem, was Kindern Freude macht. Beim Obstsaft angefangen. Das mobile Angebot für Kinder und Jugendliche zielt auf die Gesundheitsförderung. »Kommt ihr nicht zu mir, komme ich zu Euch«, lautet das Prinzip dieser Unterstützungsangebote. Auf die Menschen zugehen. Wohnsitzlose auf der einen, Kinder auf der anderen Seite – wie passt das zusammen? Es gibt einen roten Faden in Gerhard Traberts Leben. Mit ganz vielen hell- und dunkelroten Fädchen drumherum: »Vernachlässigte Menschen, die nicht genügend gewertschätzt werden«. Solche Menschen gibt es überall. Sie sind alle arm dran. Nach seiner Arzt-Ausbildung hat er eine Weile damit gerungen, ob er in den Ländern der sogenannten Dritten Welt bleiben soll. Dort ist Armut offensichtlich. Er entschied sich für die Rückkehr nach Deutschland. »Hier gibt es Menschen, die früher sterben, es gibt Kinder mit schlechteren Bildungschancen, die deshalb schlechter in ihr Leben starten«, zählt Trabert Anhaltspunkte für Armut auf. Leistungsdruck, Ellenbogengesellschaft – »warum gibt es noch immer keine Vermögenssteuer in diesem Land«, bricht urplötzlich eine Frage aus dem Armutsforscher heraus. Er ist durchaus politisch. Hat klare Vorstellungen von Gerechtigkeit. Statt sie mit vollmundigen Phrasen in die Welt zu posaunen, listet er Fakten auf. Erzählt von seiner und der Arbeit all seiner Mitstreiter. Argumentiert präzise gegen die Diffamierungen eines Thilo Sarrazin. Traberts Sachkenntnis erlaubt ihm nicht zu verstehen, wieso die Ranzengarde dem Bundesbankvorstand noch immer nicht den »Ranzengardenbrunnen« wieder abgenommen hat. Wem helfe es, denkt er laut nach, Gruppen von Menschen immer wieder in einen Topf zu werfen, mit plakativen Fragen und unausgesprochenen Ängsten umzurühren und den Brei als »So tickt das Volk« in die Masse zu schütten?

Wegschauen geht nicht

Gerhard Trabert begegnet allen Menschen mit Respekt und Wertschätzung. Natürlich auch den Kindern. Kinder müssen ernst genommen werden. Ihre Ressourcen sind zu stärken. Nicht auf ihren Defiziten rumhacken. Sie nicht bevormunden. »Wir glauben, sie schützen zu können, in dem wir Informationen von ihnen fernhalten, nicht mit ihnen sprechen über schwieriges.« Zum Beispiel, wenn Eltern an Krebs erkranken. Gerhard Trabert hat zwei weitere Bücher für Kinder geschrieben. Sie erklären Kindern, was Krebs ist. Der von ihm mitbegründete Verein »Flüsterpost« hilft aktiv, das Gespräch zwischen Eltern und ihren Kindern wieder in Gang zu bringen. Doch der Verein ist von existenzieller Not bedroht. Arm in finanzieller Hinsicht. Bis März reichen die Gelder. Hoffnung auf öffentliche Unterstützung? Angesichts der Kassenlagen quer durch die Republik: nein! Privates Engagement ist gefordert. Wieder einmal. Der Professor kennt die Diskussion, dass immer öfter durch bürgerschaftliches Engagement ausgeglichen werden muss, was der Staat als Daseinsvorsorge nicht mehr leistet. Gerhard Trabert kann aber nicht weg schauen. Er muss sich einsetzen. »Ich glaube immer noch an unsere Gesellschaft«, stellt er ruhig fest. Dass die sozialen Ungleichheiten zunehmen werden, weiß er. Er arbeitet als Wissenschaftler mit Fakten und durch seinen persönlichen Einsatz dagegen an. Jeden Tag. Denn: »Jeder kann seinen Beitrag leisten, zu einer sozial gerechteren Gesellschaft«, weiß Gerhard Trabert.


SoS

»Als der Mond vor die Sonne trat«

Im ersten Kinderbuch von Gerhard Trabert »Als der Mond vor die Sonne trat« hat die Mama Brustkrebs und Marc will vom Großvater wissen, was Krebs ist. Den Band gibt es mittlerweile in französisch und als Hörbuch. Im zweiten Buch »Als der Mond die Nacht erhellte« erinnern sich alle an das gemeinsame Leben mit der »Familiendiagnose« Krebs. Erhältlich sind die Bücher bei »Flüsterpost e.V.«

Spenden und neue Mitglieder sind herzlich willkommen: »Wie sage ich es meinem Kinde?« Flüsterpost möchte zum offenen Gespräch ermuntern – mit Kindern über die Krankheit ihrer Eltern. Flüsterpost unterstützt dabei – mit Rat und Tat. Die beiden Sozialpädagoginnen, Nina Seibert und Anita Zimmermann vermitteln Fachleute und Informationen, begleiten persönlich Familien in solch schwierigen Situationen. Kontakt: Flüsterpost e.V – Unterstützung für Kinder krebskranker Eltern Beratungsstelle: Kaiserstr. 56, 55116 Mainz, Tel. 06131/5548-798, ­fluesterpost-mainz @freenet.de www.kinder-krebskranker-eltern.de Spendenkonto: Mainzer Volksbak e.G. Konto 637900010 BLZ 55190000.