Heft 231 Dezember 2009
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Kanada

Mainz und das kanadische Campbell River:

Gemeinsame Wellenlängen durch den gleichen Breitengrad?


Campbell River

Sie sind ungefähr 8050 Kilometer voneinander entfernt und doch teilen sie eine geographische Gemeinsamkeit. Was in Mainz in bronzenen Lettern quer über den Gutenbergplatz verläuft, ragt in Campbell River in Form einer Betonstele circa 2,5 Meter in die Höhe. Sie steht direkt am Meer, am Rand einer belebten Küstenstraße – im äußersten Westen Kanadas auf Vancouver Island und verkündet in großen schwarzen Buchstaben: 50th Parallel – Fünfzigster Breitengrad. Eine geografische Markierung, die für die kleine Stadt am Pazifik von geraumer Bedeutung war: »Als Ende des 19ten Jahrhunderts die Eisenbahn auf Vancouver Island gebaut wurde, sollte der 50te Breitengrad und damit Campbell River, ihren nördlichsten Punkt markieren. Danach kam sozusagen die pure Wildnis«, weiß Charlie Cornfield, Bürgermeister der 30.000 Seelengemeinde. Doch der Bau der Eisenbahn und die damit verbundene infrastrukturelle Anbindung an die Provinzhauptstadt Victoria wurde durch den Kriegsausbruch 1914 verhindert – und so ist auch die Wildnis an diesem Teil des 50ten Breitengrad heute noch präsent: Nicht weit der Stadt finden sich urwaldartige Landstriche, schneebedeckte Berge und weitläufige Strände. Ein Besuch im Museum von Campbell River offenbart dementsprechende historisch bedeutsame Industriezweige: Sowohl die Holzindustrie als auch die Fischindustrie trugen im Wesentlichen zur Entstehung und Entfaltung der Stadt bei – eine Entwicklung die sich auch heute noch feststellen lässt. Immerhin rühmt sich Campbell River mit dem mehr oder weniger offiziellen Titel »Salmon Capital of the World« – also Lachshauptstadt der Welt. Da darf ein alljährliches Lachsfestival natürlich nicht fehlen, dessen Höhepunkt durch das sogenannte »Loggerfest« markiert wird – sprich die Meisterschaft der Holzfäller. Wettsägen steht hier genauso auf dem Programm wie Axtweitwurf; die Königsdisziplin heißt »Schnellstmöglich einen Baumstamm hochklettern«.

Nationalfeiertag – statt Fastnacht

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Holz- und Fischindustrie, die Grundpfeiler Campbell Rivers: Zweifelsohne wird auch George Vancouver den potenziellen Reichtum des Landstrichs rund um Campbell River erkannt haben, als er 1792 zum ersten Mal hier landete. Während zu dieser Zeit in Mainz gerade die Zeichen auf Revolution standen, die Franzosen die Herrschaft über die Bischofsstadt übernahmen und den Grund­stein zur ersten Republik auf deutschem Boden legten, hatten Vancouvers Aufträge weniger mit Revolution als vielmehr mit Eroberung und Imperialismus zu tun: Die Direktive des britischen Königs Georg III lautete: Den pazifischen Nordwesten für Großbritannien in Besitz nehmen, das Land zwischen dem 30ten und 60ten Breitengrad kartografieren und nach der legendären Nordwestpassage Ausschau halten – und das alles tunlichst bevor die damaligen Erzrivalen aus Spanien selbige Pläne ausführen konnten. Dementsprechend kurz gestaltete sich Vancouvers Aufenthalt auf dem Gebiet des heutigen Campbell River – es galt schließlich noch viel zu entdecken. Erste Siedlungen wurden dennoch gebaut, es sollte allerdings noch gut 50 Jahre dauern, bis sich daraus tatsächlich der historische Ortskern Campbell Rivers bildete. Historisch scheinen Mainz und Campbell River also wenige Gemeinsamkeiten zu haben – abgesehen von der geschichtlichen Bedeutung des Jahres 1792 für beide Städte und des 50’en Breitengrads. Und sonst? »Was mir besonders an den Einwohnern von Campbell River gefällt, ist zum Einen ihre Hilfsbereitschaft und zum Anderen die Tatsache, dass sie gerne feiern«, meint 231kanada-cornfield250.jpg auf die Frage nach den Besonderheiten seiner Stadt. Feierlaune? Etwa auch zur fünften Jahreszeit? Cornfield lacht: »Nein, Fastnacht feiern wir in Campbell River nicht. Aber zum Nationalfeiertag, dem ‚Canada Day’ am 1. Juli, veranstalten wir hier eine Parade durch die Innenstadt mit geschmückten Wagen und verkleideten Menschen. Ich möchte fast sagen, dass wir uns damit im Laufe der Zeit schon einen Namen in der Gegend gemacht haben.« Das klingt doch schon fast nach einer weiteren Gemeinsamkeit. Und auch für den Fußball scheinen die Einwohner Campbell Rivers etwas übrig zu haben: »Wir haben hier überdurchschnittlich viele Fußballmannschaften, die sich gut behaupten«, weiß Cornfield und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: »Zugegeben, das sind natürlich alles keine Profis. Aber eine große Leidenschaft für den Fußball findet man auch in Campbell River.« Womit bewiesen wäre, dass Mainz und Campbell River weit mehr verbindet als nur der 50te Breitengrad.


Stele 50ster Breitengrad Katrin Henrich,
direkt aus Kanada