Heft 231 Dezember 2009
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Fröhliche Weihnachten

Kanadas kunterbuntes Weihnachtsfest

Rudolf das Rentier und gefüllte Socken


Blinkibunti Weihnachtsstimmung

Schmelztiegel Nordamerika. Die schon ausgelutscht klingende Metapher, die die Kulturenvielfalt in den USA und Kanada widerspiegeln soll, drängt sich unweigerlich auf, wenn man sich auf Spurensuche nach dem kanadischen Weihnachtsfest begibt. Unsere Spurensuche führt uns nach Vancouver, der Stadt, in der im Februar die olympischen Winterspiele stattfinden werden.

Paul ist pensionierter Ingenieur, stammt ursprünglich aus Großbritannien und lebt schon seit geraumer Zeit in Vancouver. Auf die Frage nach dem kanadischen Weihnachtsfest schaut er zunächst ein bisschen ratlos und meint schließlich: »Das typisch kanadische Weihnachtsfest ist irgendwie schwer greifbar, da so viele verschiedene Kulturen ihre eigenen Bräuche mitgebracht haben und entweder daran festhalten oder mit anderen Bräuchen vermischen.« Auch Phil kann dies bestätigen: Der 47-jährige Motorrad-Mechaniker ist gebürtiger Kanadier, die Familie seiner Frau stammt aber ursprünglich aus Deutschland: »Daher hat es sich bei uns eingebürgert, Weihnachten an Heiligabend zu feiern. Die meisten kanadischen Familien feiern hingegen am Morgen des 25. Dezember.« Viola und Frank stammen ursprünglich aus der ehemaligen DDR und feiern daher auch am Abend des 24. Dezember. Allerdings: »Wir haben den Brauch übernommen, Socken ans Treppengeländer zu hängen, die dann in der Nacht vom 24. auf den 25. von Santa Claus gefüllt werden.«

Jeder kocht also irgendwie sein eigenes Süppchen ein Gang durch die langen Regalreihen im Supermarkt offenbart dann den multikulturellen Weihnachtseintopf: Man findet Lebkuchen und Adventskalender bekannter deutscher und schweizer Schokaladenhersteller, italienischen Pannetone und rot-grün gestreifte Zuckerstangen und Gummibärchen.

Kanadische Bräuche?

Blinkibunti Weihnachtshaus

Doch es muss doch auch etwas einmalig kanadisch/nordamerikanisches geben. »Santa Claus«, meint Phil, denn während in den meisten Gegenden Deutschlands das Christkind die Geschenke an die Kinder verteilt, übernimmt in Kanada Santa Claus diese Aufgabe. Ursprünglich von niederländischen Auswanderern im 17. Jahrhundert in die USA eingeführt, nahm diese Figur des heiligen Nikolaus nach und nach nordamerikanische Züge an: So fliegt er am Weihnachtsabend von Haus zu Haus, steigt durch den Kamin und legt dort die Geschenke ab. Sein Verkehrsmittel: Ein von Rentieren gezogener Schlitten, an dessen Spitze Rudolf das rotnasige Rentier die Führung übernimmt. Diese Figur gibt es übrigens erst seit 1939 und stammt ursprünglich aus einem Malbuch, das von einer amerikanischen Kaufhauskette in Auftrag gegeben wurde. Der lustige Geselle wurde schließlich von der Musikindustrie entdeckt und ist seitdem aus dem nordamerikanischen Weihnachtsfest nicht mehr wegzudenken.

Santa Claus und Rudolf das Rentier: »Viele Leute schmücken um die Weihnachtszeit ihre Häuser mit Lichterketten und einige stellen sich auch beleuchtete Figuren in den Garten. Dann dürfen diese beiden natürlich nicht fehlen«, erzählt Viola. Beleuchtete Häuser in allen erdenklichen Farben, vielleicht ist das das typischste Phänomen der nordamerikanischen Weihnachtszeit: »Die schönsten Häuser werden immer in den örtlichen Zeitungen bekanntgegeben. Da ist dann wirklich kein Giebel unbeleuchtet und überall stehen Figuren«, lacht Paul. Ein buntes Lichtermeer zum Lichterfest also, ein Phänomen, das nicht nur die meist grau-regnerischen Adventstage aufhellt, sondern garantiert auch die Gemüter der örtlichen Stromanbieter.

Fröhlich und kommerziell

Blinkibunti Weihnachtshaus zwo

Bunte, oftmals blinkende Lichter wohin man sieht: Das kanadische Weihnachtsfest scheint also eher fröhlich, denn besinnlich zu sein. Der 25. Dezember steht aber, ähnlich wie in Deutschland, im Zeichen der Familie: »Meistens ist ein großes Truthahnessen angesagt. Das darf in vielen kanadischen Familien nicht fehlen«, erklärt Phil.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag steht statt Familie und schlemmen der »Boxing Day« an. Die Kaufhäuser sind wieder geöffnet und insbesondere Elektronikanbieter locken mit preisgünstigen Angeboten. Das Ergebnis: »Schon früh morgens, meistens gegen sechs Uhr, bilden sich die ersten Schlangen vor den Kaufhäusern«, erzählt Paul und Viola lacht: »Ja, da fühlt man sich fast wie damals in der DDR, wenn man das sieht.« Stille Nacht, heilige Nacht ist hier also Fehlanzeige tumultartige Boxszenarien um die besten Schnäppchen, die man mit dem Namen Boxing Day leicht assoziieren könnte, finden aber auch nicht statt. Vielmehr stammt der Name noch aus dem 18./19. Jahrhundert, in der die meisten Hausbediensteten an Heiligabend arbeiten mussten und die Geschenkbox ihres Hausherrn erst am zweiten Weihnachtstag öffnen konnten.

In diesem Sinne: »Merry Christmas« und »Fröhliche Weihnachten« wünscht direkt aus Kanada:


Katrin Henrich