Heft 231 Dezember 2009
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Abzocke

Monatsbeiträge für Gewinnspiele:

Unbedingt das ganz klein gedruckte lesen!


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Die Masche ist mindestens fies. Teilweise auch illegal. Aber einfach. Kontakt per Telefon. Nett sein, überzeugen, Daten abfragen. Kontodaten inklusive. Die Teilnahmebestätigung kommt per Post. Alles wichtige ist kleingedruckt. Dann wird abgebucht. Jeden Monat. Da können im Jahr schon mal knapp 30.000 Euro zusammenkommen. Wer gewinnen will, muss wohl erst ordentlich blechen.


Marta Kröger (Name geändert) ist nicht mehr ganz flott unterwegs. Mit knapp 80 Jahren will alles nicht mehr so. Auch die Augen nicht. Besuch bekommt sie selten. Verwandte, Freunde, Menschen, die sich um sie kümmern und zu denen sie Vertrauen hat, gibt es keine. Ihr Telefon ist die einzige dauerhafte Leitung nach außen. Angefangen hat es mit einem Anruf. Das weiß sie genau. Die Dame war richtig nett. Redete wie ein Wasserfall. Verstanden hat Marta Kröger nicht alles. Aber die Kontodaten rausgerückt. Die Dame hat sich ganz herzlich für das Gespräch bedankt. Dann kamen Schreiben. Mehrere von unterschiedlichen Absendern. Sahen aus wie Werbebriefe. Es ging um die Teilnahme an Gewinnspielen. An ganz vielen auf einmal. Jeden Monat. Marta Kröger hat alle Schreiben gelesen. Und sich gefreut: solche Gewinnchancen! Wie das alles funktionieren soll hat sie nicht verstanden. Dann klingelte das Telefon von Marta Kröger täglich. Bis zu fünfzehn Mal hat sie gezählt. Alle wollten das gleiche. Sie solle an Gewinnspielen teilnehmen. Ihre Antwort, das mache sie doch schon längst, wurde ignoriert. Weiter auf sie eingeredet. Sie legte auf. Es klingelte sofort wieder. Der gleiche Redeschwall drosch auf sie ein. Marta Kröger mochte nicht mehr an ihr Telefon gehen. Sie hatte Angst vor diesen Anrufen. Gut eineinhalb Jahre nach dem allerersten Anruf ist ein Schreiben ihres Bankberaters im Briefkasten. Er wolle mit ihr persönlich reden, ob sie in die Bank kommen könne. Es kostet sie viel Mühe, der Gang auf die Bank. Ihr Bankberater fragt, ob das in Ordnung ist, dass in den letzten zwölf Monaten 27.000 Euro von ihrem Konto abgebucht wurden. Marta Kröger trifft fast der Schlag. Sie erzählt dem Mann von den Gewinnspielen. Er lässt alle Abbuchungen der letzten Wochen zurückbuchen. Sie solle sofort zu einem Rechtsanwalt gehen, rät er ihr und hilft, einen Anwalt aus dem Telefonbuch heraus zu suchen.

Mindestens dubios

Als Dienstleistung wird das Angebot verkauft, die Kunden pro Monat an 200 bis 600 Gewinnspielen teilnehmen zu lassen. An welchen, wird nicht offen gelegt. Der Service kostet: Monatsbeiträge von 17,50 Euro bis 79 Euro werden per telefonisch erteilter Einzugsermächtigung abgebucht. Das »Einverständnis« und die Kontodaten werden beim »Verkaufsgespräch« am Telefon abgefragt. Die »Auftragsbestätigung« flattert meist als »Teilnahmebestätigung« in den Briefkasten. Wie hoch der Monatsbeitrag ist und dass gegen diesen Auftrag Widerspruch eingelegt werden kann, muss der Kunde mit der Lupe suchen. Meist folgen der ersten Dutzende weiterer »Teilnahmebestätigungen«. Von anderen Anbietern. Oder vom gleichen Anbieter für eine andere Art von Gewinnspiel. Es ist nicht auszuschließen, dass verschiedene Anbieter Daten untereinander austauschen von der Telefonnummer der Kunden bis zu deren Kontodaten. Nicht alle Gewinnspielanbieter können per se als unseriös oder als Abzocker bezeichnet werden. Wie viele Kunden um wie viel Geld geprellt wurden, ist nicht zu verifizieren. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Oft trauen sich vor allem ältere Menschen nicht, einzugestehen, dass sie auf Lockangebote hereingefallen sind. Außerdem können die Anbieter Druck ausüben, wenn die Zahlungen eingestellt oder sogar zurückgefordert werden.

Zur Wehr setzen

Rechtsanwältin Sonja Lüdecke
Rechtsanwältin
Sonja Lüdecke

Rechtsanwältin Sonja Lüdecke vertritt in der Kanzlei Bette, Westenberger, Brink (Mainz) mehrere Mandanten, denen für die Gewinnspiel-Teilnahme sehr viel Geld abgebucht wurde. Sie erläutert Verhaltensregeln und benennt Möglichkeiten, sich gegen unrechtmäßige Abbuchungen zur Wehr zu setzen. Fernabsatzverträge, also Verträge, die ausschließlich unter Verwendung von Fernkommunikationsmitteln wie Telefon, Fax oder Internet zwischen einem Unternehmer und einem Verbraucher geschlossen werden, müssen in der schriftlichen Bestätigung und in der nach Gesetz in Textform zu erteilenden Widerrufsbelehrung klaren Formalien folgen. »Es fängt mit einer ordentlichen Adresse in diesen Schreiben an: die Angabe eines Postfachs reicht nicht, es muss eine ladungsfähige Postanschrift auf dem Schreiben stehen, mit Straße und Hausnummer. Auch muss das Unternehmen als solches klar bezeichnet sein und dessen Vertreter erkennbar sein, bei einer GmbH beispielsweise der Geschäftsführer genannt sein. Die Kosten, in diesem Fall die monatlichen Beiträge dürfen nicht versteckt sein. Die Widerberufsbelehrung muss optisch hervorgehoben sein, damit sie einem sofort ins Auge springt. Sie muss einen bestimmten Inhalt haben«, zählt die Anwältin auf. In den von Marta Kröger vorgelegten »Teilnahmebestätigungen« sind diese Vorgaben nicht erfüllt. Rechtsanwältin Lüdecke verfasste an alle Anbieter Widerrufserklärungen: »Es gilt zwar grundsätzlich die zwei Wochen-Widerrufsfrist, aber erst, wenn eine gesetzlich einwandfreie Widerrufsbelehrung vorliegt. Das ist hier nicht der Fall, also ist auch jetzt noch ein Widerruf möglich.« Außerdem veranlasste die Anwältin die Rückbuchung aller bisher geleisteten Monatsbeiträge auch für die Abbuchungen, die länger als sechs Wochen zurückliegen, was rechtlich möglich ist. Die Banken sind verpflichtet im Lastschriftverfahren das Risiko zu tragen, dass sie vom Auftraggeber das Geld nicht zurückerhalten weil er vielleicht längst verschwunden ist. Die Seriositätsprüfung der Kunden ist Sache der Banken, sie müssen eventuelle Verluste tragen, wenn sie Lastschriften ohne schriftliche Einzugsermächtigungen vornehmen. Marta Kröger hat ihr gesamtes Geld zurück bekommen. Außerdem hat sie eine neue Telefonnummer und eine Nachbarin bringt ihr regelmäßig die Kontoauszüge mit.

WAS TUN?

  • Telefonwerbung: Sie müssen ausdrücklich zustimmen, schreiben Sie sich Name und Telefonnummer auf, lassen Sie sich das Angebot schriftlich zuschicken, geben Sie keine Kontodaten preis
  • Auftragsbestätigungen können auch »Teilnahmebestätigung« lauten und aussehen, wie Werbeschreiben: Gründlich lesen, Andere um Rat fragen, die Schreiben aufheben!
  • Prüfen Sie regelmäßig Ihre Kontoauszüge; wenn Sie verhindert sind, beauftragen Sie eine Person Ihres Vertrauens dazu;
  • Wenn Sie feststellen, dass Geld abgebucht wird, dass sie nicht zuordnen können: Sprechen Sie mit Bankberatern, veranlassen Sie die Rückbuchungen
  • Wenn Mahnschreiben eintrudeln und Sie unsicher sind oder Angst haben vor den angedrohten Konsequenzen: Gehen Sie zur Verbraucherschutzzentrale und/oder fragen Sie einen Anwalt.

SoS