Heft 230 November 2009
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Mauerfall

Aus dem DDR-Knast in die BRD:

»Diese Freiheit werde ich immer hegen«


Bärbel Große mit verkollerten Stasi-Akten
Die gab es beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, der früheren »Gauck-Behörde« zur Erinnerung: Bärbel Große mit verkollerten Stasi-Akten. Sie wurden geschreddert und durch Lösungsmittel für immer zerstört.

Während in Berlin 1989 die Mauer fiel, war Bärbel Große in New Orleans. Amerikaner gratulierten ihr auf der Straße, als sie in ihr eine Deutsche erkannten. »Die spinnen, die Amis« war die ungläubige Reaktion der ehemaligen DDR-Bürgerin, die seit 1985 in Mainz lebt. »Ich habe das irgendwie für möglich gehalten, aber irgendwie auch nicht«, erinnert sie sich. Drei Tage nach dem 9. November erst, in San Francisco, als wiederum Amerikaner Schulter- klopfend zum Mauerfall gratulierten, rief sie ihren Sohn in Berlin an und erfuhr: Die DDR ist tatsächlich am Ende.

Bärbel Große ist nicht die einzige, die den Untergang der sozialistischen Diktatur einerseits herbei gesehnt, andererseits für unwahrscheinlich gehalten hat. Ihre Skepsis spiegelt das Erlebte. 1983 wurde sie zu 30 Monaten Haft verurteilt, fünf Monate im Stasi-Gewahrsam und zehn Monate im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck saß sie ab. In einer Zelle mit zwölf Kindermörderinnen und fünf weiteren »Politischen«. Bärbel Großes » Vergehen« waren ihre Ausreiseanträge für sich, ihren Mann und die beiden Kinder. Die ersten datieren von 1976-1978. Dann folgte eine Pause, bis ihre Mutter 1981 die Übersiedelung geschafft hatte. Ab da ging es um Familienzusammenführung.

Im März 1984 wurde Große direkt aus dem Knast frei gekauft, ihre Familie folgte einen Monat später in die BRD: »100.000 D-Mark kostete das, wobei für mich nicht bar bezahlt wurde, sondern als Gegenleistung gab es von der Bundesregierung Erdgasleitungen ich habe dazu beigetragen, dass irgendwo in der Ex-DDR ein Stück Erdgasleitung verbuddelt werden konnte.« Schallendes Lachen begleitet diese Geschichte: »Wir hatten schon unseren Spaß, machten unsere Witze über den ganzen normalen Alltagswahnsinn - sonst hätten wir das gar nicht aushalten können.«

Ungerecht

Das Bedürfnis, gegen Unrecht angehen zu müssen sitzt bei Bärbel Große tief. Erstmals spürte sie es ganz deutlich, als ihr in der neunten Klasse der Übergang auf die erweiterte Oberschule verweigert wurde. Ihr Notendurchschnitt von 1,3 reichte nicht, weil sie die Tochter einer Angestellten war. Wäre sie als Arbeiter- oder Bauerstochter auf die Welt gekommen, hätten 3,0 gereicht. Ungerecht! In einem Staat, der sich Gleichheit auf die Fahnen geschrieben hat. »Die SED hat über unser ganzes Leben bestimmt, wir wollten aber frei sein, selbst entscheiden.« Tochter und Sohn blieben deshalb dem Kindergarten fern, wurden stattdessen von Großes Mutter und ihrem Opa mit betreut. »Wir wollten sie dem Einfluss dieses Staates entziehen. Deshalb haben sie uns die 20 Ostmark Kindergeld gestrichen.« Das ließ sich verkraften, regelmäßige Pakete von Freunden aus dem Westen halfen dabei. Die Westkontakte wirkten auch als Beruhigungspille gegen die Gerüchte, dass Ausreisewillige einfach verschwinden. Die Stasi war schließlich bestens informiert.

Beharrlich

Über 3.000 Seiten hatten 17 Informelle Mitarbeiter der Stasi über die Tontechnikerin »Studio« zusammen gestellt: »Ich habe sie alle gesehen, 1000 Seiten hab ich mir kopiert und bin schockiert über die Banalitäten, die da drin stehen, jeder Friseurbesuch, wann wir neue Reifen für unser Auto kauften unsäglich!« Sie habe sich nie den Mund verbieten lassen, dabei immer an der Grenze des Machbaren gelebt: »Die Kinder sollte es nicht treffen.« Und sie beharrte auf den Ausreiseantrag: »Jeden Dienstag war ich in der zuständigen Behörde und habe nachgefragt, erneut einen Antrag gestellt.« X-Mal war sie in der Ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin, bei der BRD-Botschaft in Prag. Holte sich Rat, wie sie sich verhalten soll, um endlich rauszukommen. Die Arbeit als »Spezialarbeiterin für Tontechnik« mit unterschiedlichen Diensten beim Radio DDR, Sender Leipzig, verschaffte die zeitliche Flexibilität. Alle Versuche, sie aus diesem Job zu entfernen schlugen fehl. Zu den ehemaligen KollegInnen hat sie noch regen Kontakt, ist oft in Leipzig, jüngst erst beim Jahrestag der Montagsdemonstrationen.

Zeugnis geben

Im Westen angekommen, 1984, zog sie nach Taunusstein und musste »erst wieder laufen lernen.« Die DDR-Behörden hatten ihr zum Abschied mit auf den Weg gegeben, dass sie überall auf der Welt z.B. einen Verkehrsunfall inszenieren könnten. Bärbel Große traute sich wochenlang aus Angst überfahren zu werden nicht, eine normale Straße zu überqueren. »Ich bin heute noch sehr vorsichtig, das hat sich irgendwie eingeprägt.« Im Rhein-Main-Gebiet suchte sie Arbeit, fand sie beim Südwestfunk in Mainz (seit 1998 SWR), arbeitete dort 21 Jahre als Tontechnikerin. Seit einem Jahr ist sie als »Zeitzeugin« unterwegs, berichtet in Schulen von den inhumanen Lebensbedingungen in der DDR: »An der DDR lässt sich hautnah studieren, welche Auswirkungen Gewalt haben kann und hat. Wie Menschen daran kaputt gehen, dass Kreativität und Eigenverantwortung unterbunden werden, dass man entmündigt wird. Aber die Geschichte der DDR lehrt auch, dass man durch Zivilcourage Veränderungen erzwingen kann, und das sogar friedlich. Es ist wichtig, die bedrückende Wirklichkeit der ehemaligen Diktatur in der DDR wach zu halten. Demokratie ist ein wertvolles Gut, man kann es nicht hoch genug einschätzen.«


SoS

»Weil mir so viel gutes getan wurde« Sie hat viel Unterstützung in all diesen Zeiten erfahren und es wurde ihr viel Gutes getan: Bärbel Große möchte es zurückgeben. Seit einem Jahr engagiert sie sich im Friedensprojekt »Abrahams Herberge«, ein internationales Begegnungszentrum für Christen, Juden und Muslime in Palästina. Vier Monate arbeitete sie freiwillig mit in der evangelisch-lutherischen Herberge, in der Gäste aus aller Welt willkommen sind. Kirche, Herberge und ein Heim für 50 Jungs werden ausschließlich über Spenden finanziert. www.abrahamsherberge-ev.de