Heft 230 November 2009
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Hintergrund

Präferenzen in Politik und Sponsoring:

Profifußball vor Ringer im Abseits?


Lokman Kaplanbaba und Baris Baglan
Kampfpause: Lokman Kaplanbaba (55 kg Freistil, re.) lauscht den Taktik-Erläuterungen seines Trainers Baris Baglan

Der Sprung raus aus der Bedeutungslosigkeit, zurück in Liga eins, gefolgt vom Klassenerhalt, dem Erreichen der Play-offs und der Traum von der Meisterschaft: Der Weg von Ringerbundesligist ASV Mainz 88 schien zuletzt nur eine einzige Richtung zu kennen den nach oben. Dann, unmittelbar vor Beginn der laufenden Saison, der Schock: ein Loch in der Kasse, groß genug, um nicht nur den Erfolgsweg abzuschneiden, sondern sogar die Zukunft des gesamten Vereins in Frage stellen zu können. Auch wenn sich aktuell die Situation etwas beruhigt zu haben scheint, bleibt eine Frage offen: Wie konnte es soweit kommen? Der MAINZER fasst zusammen.

Der Auslöser

Im Frühjahr hatte der Deutsche Ringerbund die Vereine vor die Ent­scheidung gestellt: Entweder das Play-off Verfahren würde drastisch verschärft oder die für 2010 vorgesehene Strukturreform der Bundesliga die Eliteklasse von drei auf zwei Riegen umzustellen um ein Jahr vorgezogen. Auf den ersten Blick eine unspektakuläre Angelegenheit. Tatsächlich aber eine mit weitreichenden, finanziellen Folgen. Auch oder gerade für den ASV. Die Qual der Wahl nämlich war auf Mainzer Seite wörtlich zu nehmen, da ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Sponsorengelder für diese Saison an das Erreichen der Play-offs geknüpft war. Das zu schaffen aber würde für die 88er so oder so deutlich schwerer bis unmöglich. Denn entweder wür­de sich die Zahl der Plätze für die Aus­scheidungskämpfe um die deutsche Meisterschaft deutlich verringern oder man käme in die sportlich wesentlich stärker einzuschätzende Westgruppe. Dementsprechend enthielt sich der ASV bei der Abstimmung der Stimme. Am Ende stand die Strukturreform.

Die Folgen

Christoph Guenot
Bei der Pekinger Olympiade Dritter in Aalen im roten 88er-Trikot: Christoph Guenot, 84 kg Greco

Für die 88er hieß das: 18 anstatt wie noch ein Jahr zuvor 14 Kämpfe. Oder anders ausgedrückt: Den Mehreinnahmen aus zwei zusätzlichen Heimauftritten standen die Ausgaben für insgesamt vier Kämpfen gegenüber. Und das Problem: Wann lasse ich meine internationalen Topstars von der Leine? Wann kann ich auf sie verzichten? Das alles noch vor dem Hintergrund, dass der Rubel nur dann richtig rollt, wenn am Ende der regulären Saison ein Platz unter den besten Vier zu Buche steht. Eine finanzielle Gratwanderung, die sich sogar noch einmal verschärfte, als ein Hauptsponsor im Zuge der Finanzkrise seine Unterstützung deutlich reduzierte. Unterm Strich klaffte laut Tagespresse so plötzlich ein 100.000 Euro Loch in der Mainzer Kasse.

Quo vadis Sportstadt Mainz?

George Bucur
Ungeschlagen in der aktuellen Runde: Publikumsliebling George Bucur, 66 kg Freistil (im roten Trikot).

Ungeachtet des finanziellen Risikos entschloss sich die Führung der 88er dazu, mit der stärksten Mannschaft in die Saison zu starten. Zum Teil aus Trotz, schließlich sah man sich selbst (wohl zu Recht) als unschuldig an der Misere, zum Teil aus Kalkül, wissend, dass eine No-Name-Truppe am Tabellenende wohl kaum eine Maus in die Halle »Am großen Sand« gelockt hätte. Sportlich wurde der Mainzer Mut bislang belohnt. Nach sieben Kämpfen standen sechs Siege zu Buche, Rang drei. Und auch finanziell scheint eine Schulterniederlage, sprich der Offenbarungseid dank einer Geldspritze von Lotto Rheinland-Pfalz zumindest vorerst abgewendet.

Ende gut, alles gut, also? Nun, das bleibt abzuwarten. Aber selbst wenn der ASV am Ende um die Deutsche Meisterschaft mitringen kann, bleiben genügend Fragen offen. Wie können 100.000 € einen gesunden und erfolgreichen Verein fast in die Knie zwingen? Nicht falsch verstehen: 100.000 € sind viel Geld, im Profifußball aber z.B. eine Summe, die überspitzt gesagt kaum den Etat für die Schnürsenkel deckt und für die man als Sponsor lediglich sein Logo im Miniformat auf eine, von den Tribünen aus nicht erkennbare Werbebande setzen darf. Was also reizt offenbar viele regionale Unternehmen daran, ihren Werbeetat auf diese Art und Weise zu verpulvern, statt als Hauptsponsor mit dem eigenen Firmenzeichen eine ganze Halle zu bepflastern? Unglücklich auch die Rolle der Politik. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit sprach man im Rathaus gerne und stolz von der Sportstadt Mainz. Damals schielten die USC-Basketballer bei Herren und Damen ganz nach oben, die Baseballer der Athletics wurden Deutscher Meister, die Hechtsheimer Radsportler sogar Weltmeister, die Schwimmer der SG EWR Rheinhessen kraulten ebenfalls um internationale Medaillen und der ASC kehrte in die Ringerbundesliga zurück. Viel ist davon nicht übrig geblieben, auch weil die Politik den Vereinen nicht wirklich helfen konnte oder wollte, siehe Schwimmhalle, Baseballstadion oder ganz aktuell die Eishalle. Zu wenig, um Spitzensport auch in der Breite anbieten zu können. Dass der sich im Gegenzug als perfekter Botschafter für Mainz erweisen kann, zeigen die Nullfünfer. Toll, aber für eine Sportstadt ein bisschen dünn.


Mario Bast

INFO:
1. Bundesliga West im November Heimkämpfe der 88er (Sporthalle Am großen Sand, Mombach):
07.11. ASV Mainz 88 - KSV Seeheim
14.11. ASV Mainz 88 - SV Germania Weingarten
www.mainz88.de