Heft 229 Oktober 2009
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Titelstory

125 Jahre Mainzer Hauptbahnhof

Eine »Visitenkarte der Landeshauptstadt« feiert Geburtstag


Der Mainzer Bahnhof von innen

Mit der Einweihung des Mainzer Hauptbahnhofes vor 125 Jahren wurde ein Projekt des Mainzer Stadtbaumeisters Kreyßig vollendet mit dem er das Bild unserer Stadt für Generationen entscheidend prägte. Keiner kann sich heute mehr vorstellen, dass ursprünglich etwas ganz anderes geplant war: Am Mainzer Rheinufer befanden sich zwei verschiedene Kopfbahnhöfe, die beide schon lange an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen waren.

1853 nahm die Hessische Ludwigsbahn (HLB) von dem etwa in Höhe der heutigen Holzhofstraße liegenden »Centralbahnhof« aus, Verbindung mit Worms auf. Sie war die »linksrheinische Antwort« auf die Taunuseisenbahn, die bereits seit 1840 Kastel mit Frankfurt verband und für die auf der dortigen Flussseite gelegenen Unternehmen eindeutige Wettbewerbsvorteile brachte, da man die Linie von Mainz aus nur mit einem »Trajektboot« erreichen konnte und der Gütertransport über den Fluss entsprechend umständlich war.

Die Freude über die HLB war unter der Bevölkerung sehr groß, anfängliche Bedenken schnell vergessen. Bereits im November war die Strecke bis Ludwigshafen verlängert und damit ein Anschluss nach Paris und Basel möglich. Von Bingen aus fuhr ein anderes Unternehmen, die »Rheinbahn« (RB), nach Mainz ihr Endbahnhof war die Station »Gartenfeld«. Eine Verbindung der beiden Bahnhöfe via Rheinufer erschien logisch, konnte aber wegen den zwischen ihnen liegenden Festungsgebäuden zum damaligen Zeitpunkt nicht realisiert werden. Als 1862 die erste Eisenbahnbrücke über den Rhein gebaut wurde und somit auch die Strecke Gustavsburg-Darmstadt direkt an Mainz angeschlossen war, wurde auch dem letzten Verantwortlichen klar, dass etwas geschehen musste.Gleichzeitig hörte man auch erste kritische Stimmen, die sich über die Belästigung durch immer mehr laute und dampfende Züge an der Rheinpromenade beschwerten. Es dauerte allerdings noch bis zum Ende des deutsch-französischen Krieges, (nach dem Mainz keine Grenzfestung mehr war) bis erste Pläne auf den Tisch gelegt wurden: sie sahen einen gewaltigen Damm vor, auf dem elf (!) parallele Gleise vorgesehen waren. Er sollte die Altstadt vom Rhein abtrennen. Nur ein einziger, 212 Meter langer, Tunnel zwischen Fischtor und Ufer sollte die Verbindung zum Fluss aufrecht erhalten.



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Vorausschauende Planungen


Der Mainzer Hauptbahnhof mal ganz in grün

Der uns heute wahnwitzig erscheinende Plan stieß bei der Bevölkerung überall auf Zustimmung. Trotzdem legte Kreysig ein Alternativmodell vor: Er wollte das Mainzer Rheinpanorama erhalten und die gesamten Gleisanlagen um die alten Festungsmauern herum zu einem großen neuen Hauptbahnhof leiten, der gleichzeitig auf einem freien Gelände im Nordwesten der Stadt entstehen sollte. Hier sah er auch genug Platz für den immer noch wachsenden Güterumschlag.

Kreyßig ging noch einen Schritt weiter: Er hatte frühzeitig erkannt, dass in Zukunft mehr Besucher mit dem Zug als mit dem Schiff nach Mainz kommen würden und plante einen großen repräsentativen Bahnhofsvorplatz mit modernen Hotels und eine entsprechend breit angelegte Bahnhofsstraße, die die zum Münsterplatz führen sollte. Ankommende Eisenbahn- Gäste sollten, wie in anderen Städten auch, durch moderne Bauten beeindruckt werden. 1876 begannen die Arbeiten. Zunächst wurde der Jakobsberg von der Höhe Zitadelle unter dem Kästrich durch bis zum Binger Tor untertunnelt. Am Eingang entstand, wohl auf Wunsch der Festungsverwaltung, der Bahnhof Neutor (später: Mainz-Süd, heute: Mainz - Römisches Theater), am anderen Ende: der neue Hauptbahnhof. Bereits die ersten Spatenstiche förderten römische Funde zutage die erst später als Teile eines Amphitheaters erkannt wurden das heute wohl größtenteils frei gelegt ist. Der gesamte Aushub für die 6 Meter hohe und über 8 Meter breite Röhre betrug über eine Million Kubikmeter Erde und wurde zum Auffüllen des Geländes verwendet, auf dem der Hauptbahnhof entstehen sollte. Nach acht Jahren war die 1240 Meter lange Trasse vollendet. (Sie musste 1933 etwa 300 Meter aufgeschlitzt werden, da es zu einem schweren Unfall gekommen war. So entstanden praktisch zwei hintereinander liegende Tunnels.)

In der Zwischenzeit wuchs auch das eigentliche Bahnhofsgebäude. Sein Architekt, Philipp Johann Berdellé (1838 - 1903), ließ es im Stil der italienischen Renaissance errichten, verwendete aber auch vereinzelt Elemente des Barock und des Klassizismus. Es hatte wie auch heute noch erkennbar einen mächtigen Mittelbau in dem sich die Empfangshalle befand. Links und rechts waren kleinere Flügel (mit einem Arkadengang zur Bahnhofsplatzseite) die jeweils in einem Pavillon endeten. Das Gebäude wurde in hellem Flonheimer Sandstein ausgeführt, die zentralen Bildhauerarbeiten stammten von den Mainzern Valentin Barth (1837-1920) und Anton Scholl (1839-1892).

Attraktive Lage und repräsentatives Zentrum


und nun in Blau...

Die hinter dem Hauptgebäude liegende Bahnhofshalle war damals die größte in Europa: Sie war 300 Meter lang und 47 Meter breit. Die Warteräume waren nach Klassen getrennt für besonders hochgestellte Persönlichkeiten gab es einen »VIP-Bereich«. Rechtzeitig zur Einweihung des Bahnhofs wurde auch die ihm gegenüberliegende Aktienbierhalle der MAB fertig gestellt. In der Bevölkerung wurde die Großgaststätte »de goldene Strummbennel« (das goldene Strumpfband) genannt wohl, so wird vermutet weil sich die einzelnen Gasträume wie ein Strumpfband von der Bahnhofstraße, den Bahnhofsplatz entlang bis zur Schottstraße zogen - und die attraktive Lage ein »goldenes « Geschäft ermöglichte. Von Beginn an entwickelte sich der Bahnhofsplatz, wie geplant, zu einem repräsentativen Zentrum der Stadt: Neue Hotels, Wohn- und Geschäftshäuser schossen hier und an der Bahnhofstrasse aus dem Boden.

In den dreißiger Jahren wurden zahlreiche Umbauten am Mainzer Hauptbahnhof vorgenommen. Als Anlass wurde offiziell ein Brand im Dezember 1934 genannt, der allerdings nur relativ geringen Schaden verursacht hatte. Vom Hauptgebäude wurden verschiedene Statuen und allegorische Darstellungen entfernt, die Bahnsteighalle wurde wesentlich verkleinert Auch die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges brachten große Veränderungen. Beim Wideraufbau bzw. der Restaurierung der Außenmauern wurde auf zahlreiche schmückende Elemente verzichtet, die für das Original typisch waren. Die damals montierten »Kupferberg-Fenster« blieben für Jahrzehnte ein Wahrzeichen der Stadt.

AUSZUG AUS DEM PROGRAMM

Protokollarische Eröffnung

(Donnerstag, 15.10.; 11-13 Uhr)
Mit Hendrik Hering (Minister für
Witschaft, Verkehr, Landwirtschaft
und Weinbau Rheinland-Pfalz); Jens
Beutel (Oberbürgermeister Mainz);
Dr. Zeug (Vorstandsvorsitzender DB
Station & Service AG)
KI.KA-Show-Bühnen-Programm
Mit Tanzalarm, Bernd das Brot, Tabaluga
Glücksshow, Ernie und Bert,
MausShowHotel sowie lokalen
Show-Acts aus Mainz - Tagesmoderatorin:
Singa Gätgens (KI.KA)
(Fr., 16.10. - So. 18.10.;
jeweils 10-17 Uhr)

Abendprogramm:

Donnerstag (15.10)
17-19 Uhr: Just Right!
Quintett (Blues & Swing)
Freitag (16.10.)
17-18 Uhr: Die Donnergugger
(Guggemusik)
18:15-20 Uhr: Frankfurter Groove
Connection (Funk & Soul)
20:30 -22 Uhr: Mezzina
(70er bis 90er Rock)
Sa. 17.10. 16:30-17:30 Uhr:
Die Donnergugger (Guggemusik)
17:45 19:15 Uhr: Philadelphia (Pop Musik)



Anpassung an moderne Ansprüche


1997 beschlossen Vorstand und Aufsichtsrat der DB AG eine »Revitalisierung « von 26 deutschen Bahnhöfen, die zu einem so genannten »Bahnhofspaket« zusammengefasst wurden. Die Finanzierung erfolgte über einen Investor für den Bereich Vermarktung. Hintergrund: Die veränderten Ansprüche des Reiseverkehrs, Dienstleistungs- und Einzelhandelsgewerbes machten eine Anpassung und Modernisierung des Hauptbahnhofes erforderlich. Eine bessere Einbindung in die städtebauliche Situation sollte auch neue Impulse für städtische Entwicklungsmöglichkeiten geben. Die Wiederherstellung des historischen Gesamterscheinungsbildes schließlich sollte ein » Zugewinn historischer Bausubstanz als Visitenkarte für die Landeshauptstadt « sein.

In vier Bauabschnitten (1998- 2003) wurden Bahnhof und Vorplatz komplett umgestaltet. Für Gäste und Besucher am auffälligsten waren dabei der Rückbau der Bahnsteigüberdachung, die Gleisüberbauung (4.800 m² mit Verkaufsflächen und Servicefunktion) und das neue Empfangsgebäude West mit der Parkplatzanlage. Außerdem wurde das alte Expressgutgebäude abgerissen und die Empfangshalle neu gestaltet. Dies war verbunden mit Freilegung und Erhalt der historischen Bausubs - tanz sowie umfangreiche Restauration der Außenfassade. Alle Maß - nahmen schafften Platz für mehr Mietflächen, auf denen jetzt rund 30 Unternehmen ihre Leistungen anbieten von der nicht wegzudenkendem Bahnhofsbuchhandlung über verschiedene Imbiss- und Gastro-Betriebe bis hin zum Supermarkt und einer Geschenke-Boutique. Am 20. September 2003 wur - d e der »neue« alte Mainzer Hauptbahnhof im Rahmen des »Bahntag « der Öffentlichkeit übergeben.

In diesem Jahr begeht der Mainzer Hauptbahnhof seinen 125. Geburtstag. Aus diesem Anlass feiern das Bahnhofsmanagement und die Einzelhändler im Mainzer Hauptbahnhof vom 15. 18. Oktober ein großes Fest und freuen sich, den Besuchern ein kunterbuntes Aktionsprogramm bieten zu können. Einzelheiten können sie der Anzeige und unserer Info-Box entnehmen. Modellbahnfreunde aufgepasst: Von Donnerstag bis Sonntag kann auf Gleis 13 ein alter Reisezugwagen (Bj. 1934) mit integrierter Modelleisenbahn besichtigt werden. Der MAINZER wünscht den Veranstaltern viel Erfolg und den Besuchern viel Vergnügen!


-Matthias Dietz-Lenssen-