Heft 229 Oktober 2009
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Mainzer Köpfe

Ernst-Peter Schilling, Winzer in Kostheim

Mit »Leichtsinn« zum Vorreiter


»Rechts des Rheins ist auch noch Mainz« diesem Credo folgend, pilgerten seit der Ära Jockel Fuchs alljährlich die Mainzer Oberbürgermeister nach Kostheim zum Weinbergsrundgang. Im Schlepptau: Winzer aus Mainz und Umgebung. Eine gute Gelegenheit für den Austausch zwischen Rheinhessen- und Rheingau- Winzern. Der Kostheimer Ernst-Peter Schilling hat den Mainzer OB Jens Beutel die vergangenen Jahre durch die Kostheimer Gemarkung geführt und pflegt gerne den Kontakt zu seinen Kollegen von der Vereinigung »Die Mainzer Winzer e.V.«

Ernst-Peter Schilling
Ernst-Peter Schilling
Ernst-Peter Schilling ist mit Wein groß geworden. Der Keller im Weingut in der Kostheimer Taunusstraße war einer seiner Spielplätze, den Großvater begleitete er gerne in die Weinberge auch nach Saulheim, wo die Familie seines früh verstorbenen Vaters ebenfalls Wein anbaute. Nach dem Tod des Großvaters stieg er als 16-Jähriger direkt in den Familienbetrieb mit ein, parallel zur Winzer- und anschließenden Meisterausbildung in Hochheim und Eltville. »Ich konnte schon sehr früh selbst bestimmen und experimentieren, mir hat keiner reingeredet«, sagt er selbstbewusst. Auszeichnungen, wie »Best of Riesling« oder »Mundus Vini« bestätigen seine »Kunst des Weinmachens«. Gleichzeitig ist dem 39-Jährigen klar, dass dieses alleine Wirtschaften auch Nachteile hat: »In Familienbetrieben, in denen mehrere Generationen zusammen arbeiten, werden die Aufgaben auf vielen Schultern verteilt.« Schilling weiß, wovon er redet: »Bei uns endet die 35-Stunden-Woche mittwochs abends« witzelt er über seinen Arbeitseinsatz. Manch mal sei das alles schon ein bisschen viel, aber wenn er allein im Weinberg schafft, dann weiß er, dass er ger - ne Winzer ist. Nur: Als Chef über Weinberg, Weinkeller und Vermarktung, mit zusätzlichen Ausschankdiensten in der heimischen Straußwirtschaft, bleibt keine Zeit mehr für Projekte mit anderen.



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LEICHTSINN STATT PROSECCO


Dabei zählt er zu den Vorreitern der Gemeinschaftsprojekte von Jungwinzern: 1993 war er einer von zehn Rheingauer Winzern, die mit dem »Leichtsinn« die »Rheingauer Antwort auf den italienischen Prosecco« kreierten. »Das war damals das erste große Gemeinschaftsprojekt von deutschen Winzern überhaupt.« Der »Leichtsinn « wird immer noch produziert die Zusammenarbeit unter den Rheingauer Jungwinzern hat die Zeit nicht so gut überstanden. Ein Grund ist, so beobachtet Schilling, dass bei vielen die Obergrenze in Sachen Arbeitszeit längst überschritten ist. Mit ein bisschen Wehmut schaut der Kostheimer Winzer auf linksrheinische Initiativen, wo mit Gemeinschaftsprojekten wie »Message in a bottle« die rheinhessischen Jungwinzer erfolgreiche Vermarktungsstrategien entwickelt haben und damit gezielt junge Leute für den Weingenuss begeistern. Die naheliegende Frage, warum der Kostheimer nicht mit den Mainzern gemeinsame Sache macht, beantwortet Schilling ganz pragmatisch: »Das sind zwei verschiedene Weinanbaugebiete mit unterschiedlichen Vermarktungsstrukturen. Außerdem ist die Rheingauer Winzerschaft eher konservativ-traditionell, während zumindest zurzeit die Rheinhessen flotter und engagierter agieren.« Dass dieses Jahr der Grenzüberschreitende Weinbergsrundgang ausfällt, findet er vor allem aus Gründen der Kontaktpflege zu seinen Mainzer Kollegen bedauerlich. Nein, die Absage habe nichts mit politischen Querelen auf Mainzer Seite zu tun, stellt Schilling klar, sondern rein terminliche Gründe. Mitten in der Lesezeit sei es für die Kostheimer Winzer schwierig, ein paar Stunden für den Besuch von der anderen Rheinseite frei zu machen. Wobei, erinnert sich der Vorsitzende des Kostheimer Winzervereins, die unhöflich knapp und formal gehaltene Absage aus dem OB-Büro zur Krönungsfeier der Kostheimer Weinkönigin im August habe den Eindruck vermittelt, es bestehe dort zurzeit kein sonderliches Interesse an den rechtsrheinischen Winzern. Das ändert aber nichts an seinen guten, vor allem persönlichen Kontakten zu den Mainzer Winzern: Willi Fleischer, Meier und Meier, Eva Vollmer, beispielsweise. Wenn es irgend geht, kommt der Kostheimer zu den Präsentationen der Mainzer Winzer oder besucht das Hechtsheimer Weinfest »Am Kirchenstück«. Und er hätte gar nichts dagegen, seine Weine als Gast bei einer Verkostung der Mainzer Kollegen vorzustellen: Wo sich Rheingau und Rheinhessen in Mainz doch so nahe liegen.


SoS

INFO
»Mainzer Aktien Brauerei- Restauration zum Taunus« so hieß die Gastwirtschaft, die Philipp und Elisabeth (»Lisbet«) Schmitt 1927 in der Kostheimer Taunusstraße eröffneten und die Sohn Jakob mit Frau Emilie (»Mielchen«) weiter führten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte Jakob, in dessen Bornheimer Verwandtschaft auch Winzer waren, Weinberge rundum Kostheim und der gelernte Metzger entwickelte sich zum Vollerwerbswinzer. Nach dem Tod von Jakob und Emilie (1981/82) übernahmen die Töchter Irmtraud und Margarete (beide hatten in die Saul - heimer Familie Schilling eingeheiratet) den Weinbaubetrieb, bis 1986 Irmtrauds Sohn Ernst-Peter in den Betrieb einstieg, den er 2002 komplett übernahm. Seit fünf Jahren ist Ernst-Peter Schilling Vorsitzender des Kostheimer Winzervereins, mit Lebensgefährtin Bettina Dötsch zusammen »managt« er den gesamten Betrieb. Das Weingut Schilling verfügt über 5 Hektar Rebfläche in Kostheimer und Hochheimer Gemarkung, neben den im Rheingau überwiegenden Sorten - Riesling und Spätburgunder werden Weißer Burgunder und Chardonnay angebaut. 80 Prozent vermarktet der Winzermeister direkt ab Hof und über die Straußwirtschaft, 20 Prozent der Weine werden bundesweit in der Gastronomie abgesetzt, darunter in der Taberna Academica auf dem Mainzer Uni-Campus. Die Straußwirtschaft öffnet wieder ab November von Freitag-Sonntag.

www.weingut-schilling.de