Heft 229 Oktober 2009
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Energieerzeugung

Kanal? Nein Danke! Faulturm? Ja Bitte!

Winzereiabwässer + Klärschlamm = Biogas


Daniel Schaefer
Daniel Schaefer

Die Tage werden kürzer, das Thermometer fällt, Wind und Regen fordern die passenden Klamotten. Mit anderen Worten: Es ist Herbst. Doch die trübe Jahreszeit schlägt nicht jedem aufs Gemüt. Die rheinhessischen Weinbauern zum Beispiel freuen sich, dass nun die Lese endlich losgehen kann. Und auch der Wirtschaftsbetrieb Mainz hat allen Grund, sich zu freuen. Denn pünktlich zur Weinlese kann die Anstalt öffentlichen Rechts nun ihre neue Anlage zur Annahme von Winzereiabwässern in Betrieb nehmen. Und das wiederum sorgt für gute Laune bei Mutter Natur.

WINZER… WAS?


Um diese Glücks-Trilogie zu verstehen, muss man zuerst einmal wissen, was Winzereiabwässer sind. »Dabei handelt es sich um Abfallprodukte, die beim Herstellen von Wein entstehen, wie etwa Kelterreste oder Abwässer die nach der Gärung beim sogenannten Abstechen des Weins anfallen, aber auch beim Fässer säubern oder ganz einfach durch Überproduktion«, erklärt Daniel Schaefer (Foto o.). Gemeinsam mit seinem Kollegen Ralf Kaiser hat der Diplom-Ingenieur die Anlage auf dem Gelände des Zentralklärwerks in Mombach geplant, ihren Bau überwacht und ist nun auch für den Betrieb verantwortlich.



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VOM ABFALLPRODUKT ZUM ROHSTOFF


Nur: Benötigt solch eine Abwasserbehandlung nicht Unmengen an Energie? »Die Antwort ist ein klares ‚Nein‘«, erklärt Schaefer. »Mehr noch: Winzereiabwässer stellen sogar eine Art Rohstoff dar, aus dem sich sogar noch Energie erzeugen lässt.« Und das funktioniert so: Die Weinbauern liefern ihre Abwässer einfach in Mombach ab oder bringen sie zur Zwischenlagerung ins Pumpwerk der Verbandsgemeinde Bodenheim, von wo aus sie per Tankwagen abgeholt werden. »Das ist für die Winzer völlig kosten- und problemlos. Ein Anruf zur Terminabsprache genügt«, erklärt Schaefer. Im Anschluss werden die Abwässer dann in die drei Tanks der Anlage mit einer Gesamtkapazität von 120m³ zwischengespeichert und dann nach und nach in die Faultürme der Kläranlage eingebracht. In einem komplexen Verfahren erzeugen sie dort gemeinsam mit dem bei der Wiederaufbereitung der »normalen« Abwässer gewonnenen Klärschlamm Biogas (hauptsächlich Methan und Kohlendioxid). Und das wiederum wird zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt.

VON GASEN, SÄUREN UND BRÜCHIGEM BETON


Bleibt im Prinzip nur noch eine Frage offen. Warum werden Winzereiabwässer nicht einfach in die Kanalisation entsorgt? Das wäre einfacher, schneller und vielleicht sogar noch effektiver. Die Antwort gleicht einem Abstecher in den Chemieunterricht: »Die Mikroorganismen in den »normalen« Abwässern würden aus diesem Gemisch aus Alkohol, Zucker und zahlreichen anderen Stoffen unter anderem Schwefelwasserstoff machen«, doziert der Fachmann. »Und dieses Gas ist nicht nur giftig und übelriechend sondern würde auch noch in Richtung Kanalscheitel aufsteigen, mit der dort vorherrschenden Feuchtigkeit zu schwefliger Säure reagieren«, so Schaefer weiter. Die katastrophale Folge: Der Beton der Kanäle würde zersetzt, damit brüchig und müsste ausgetauscht werden. Ein teurer Totalschaden.

SCHMUGGLERN UND PANSCHERN SEI DANK


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»Winzereiabfälle« – in diesen Tanks zwischengelagert nutzt der Wirtschaftsbetrieb zur Energiegewinnung. Dipl. Ing. Daniel Schaefer hat die Anlage geplant.

Zum Schluss noch eins: Neu ist die Anlage des Wirtschaftsbetriebs, das Verfahren, mit alkoholischen Abwässern Energie zu erzeugen aber gibt es bereits seit den 80er Jahren: Im Zuge des Glykolskandals hatte der Zoll eine größere Menge des mit dem Frostschutzmittel gepanschten Weins beschlagnahmt und war nun auf der Suche nach einer Entsorgungsmöglichkeit. »Einfach so in den Kanal schütten ging aus den schon genannten Gründen nicht und so wurde die Idee von meinen damaligen Kollegen wohl geboren «, erzählt Daniel Schaefer. Seine Anlage ist also eine Weiterentwicklung und eine Kapazitätserweiterung. »Natürlich verarbeiten wir neben den ‚normalen‘ Winzereiabwässern auch noch immer gepanschte Alkoholika. Und das zusammen ergibt natürlich eine ganz andere Menge, als noch zu den Anfangszeiten«, sagt der Ingenieur. Und irgendwie meint man dabei herauszuhören, dass er den bösen Buben ein klitzekleines bisschen dankbar ist, dass sie quasi Pate standen für sein berufliches Baby. Das kann aber auch täuschen.


Mario Bast

Info:
Terminabsprache für die Anlieferung
von Winzereiabfällen unter
Tel. 06131 / 972 50 40
oder 0162 - 288 943