Heft 228 September 2009
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Mainzer Köpfe

DOMKONSERVATOR HANS-JÜRGEN KOTZUR

HISTORISCH GEWACHSENES ERHALTEN


Dr. Hans-Jürgen Kotzur

Man nennt ihn auch die »ewige Baustelle«, den Mainzer Dom, der in seinem tausendjährigen Jubiläumsjahr von allen Seiten beleuchtet und geehrt wird. Unter Aufsicht der in 2000 gegründeten Dombaukommission werden, stets nach Plan und Stück für Stück, die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Da die Kathedrale ein »Bauwerk in Funktion« ist, gilt es alle Arbeiten und die Pflege dieses architektonischen und kunsthistorischen Denkmals mit den liturgischen Erfor - dernissen als Gotteshaus in Einklang zu bringen eine der Aufgaben von Domkonservator Dr. Hans-Jürgen Kotzur.
Die Gerüste wandern allmählich um den Dom herum, von Ost nach West. Zurzeit stehen sie am West-Querhaus, bis Ende des Jahres sollen sie dort ab- und um den Westturm herum wieder aufgebaut werden. Manche »Neuerungen« sind nach dem Abbau der Gerüste nicht auf den ersten Blick zu erkennen: ungeübte Augen mögen den eingerötelten Kalkstein im Ostturm für einen verblichenen Sandstein halten; oder die Einfassungen für die Fenster im Obergarten des Langhaus-Schiffs waren die nicht vor der Renovierung schon da? Der Domkonservator bezeichnet die Restaurierung selbst als »sehr zurückhaltend«. Allerdings mit Absicht und Methode: »Ich möchte den historisch gewachsenen Zustand zeigen«, erklärt Kotzur: »Wir gehen konservatorisch statt rekonstruktiv vor.« Der Ansatz leuchtet ein: Ein Bauwerk, das mehr als 1000 Jahre alt ist und in diesen Zeiten immer wieder verändert wurde, kann nicht in allen seinen Erscheinungen rekonstruiert werden. Im 18 Jahrhundert war der Dom mit roter Ölfarbe überstrichen für heutige Betrachter kaum vorstellbar. Die »zurückhaltende Restaurierung « kommt auch im Dominnern zum Vorschein: Bei der Sanierung und Neugestaltung der Nassauer Unterkapelle wurden die Spuren des Alterns nicht übertüncht. In der Gotthard Kapelle wurde der Überputz entfernt und die ursprüngliche Schlemme wieder aufgebracht: »Es entsteht so eine ganz andere Atmosphäre, die jedem auffällt, der den vorherigen Zustand kannte«, hat Kotzur beobachtet. Er bezeichnet Denkmalpflege als eine Dienstleistung, die Inhalte vermittele und erkläre, sie müsse Freude an dem Erhaltenen wecken das sei eine Voraussetzung, damit Menschen sich für die weitere Erhaltung einsetzten.

ÄSTHETIK UND TECHNIK


Hans-Jürgen Kotzur

Die gesamten Sanierungsmaßnahmen zur langfristigen denkmalpflegerischen Substanzerhaltung obliegen der in 2000 gegründeten Dombaukommission unter Vorsitz von Domdekan Heinz Heckwolf. Als Nachfolger für Dombaumeister Jakob Stockinger, wurde Hans-Jürgen Kotzur in 2000 der Titel »Domkonservator« verliehen und ihm neben seiner Arbeit als Diözesankonservator für die kirchliche Denkmalpflege im Bistum Mainz, das denkmalpflegerische Gesamtkonzept für die Domsanierung übertragen. Damit wird auch dem Rheinland-Pfälzischen Denkmalschutzgesetz Rechnung getragen, demzufolge die Kirche ihre eigene Denkmalpflege ausüben kann, wenn sie einen ausgewiesenen Fachmann einstellt. Zwischen staatlicher und kirchlicher Denkmalpflege besteht ein Informationsaustausch, die Entscheidungen bezüglich der Kirchenbauten, trifft das Bistum. Als Domkonservator ist Kotzur zuständig für die Restaurierungskonzeption, für die Ausschreibungen der denkmalpflegerischen Arbeiten, für die Überwachung der Arbeitsdurchführung bis hin zur Arbeitsabnahme. Die technischen Kenntnisse, die der Kunsthistoriker, Archäologe und Soziologe in der Bauverwaltung und Bauleitung in Limburg erwarb, sind dabei von Vorteil. Die Sanierungsarbeiten betreffen nicht nur ästhetische Fragen und die Auswahl zeitgenössischer Künstler für Auftragsarbeiten, sondern zum Beispiel auch den Einbau eines Drainagesystems, mit dem die Wasserschäden in der Unteren Nassauer Kapelle unterbunden werden.

EHRWÜRDIGES HANDWERK


Die »ewige Baustelle« beschäftigt viele Handwerksbetriebe, die, Kotzur zufolge, nicht bloße Erfüllungsgehilfen der Denkmalpflege, sondern auch ihre Partner sein sollen. Gute Kommunikation und gegenseitiger Wissensaustausch prä - ge insbesondere die Zusammenarbeit mit den angestellten Steinmetzen, Schreinern und Malern der Dombauhütte, die die wichtigsten Arbeiten durchführen. In jahrelanger Erfahrung für die denk - malpflegerischen Erfordernisse sensibilisiert, sind die zwölf Mitarbeiter und zwei Azubis der 1963 gegründeten Mainzer Dombauhüt - te in historische Bauweisen eingearbeitet, im Umgang mit ungewohnten Techniken geübt und setzen sich auch mit alten Putz-Rezepten auseinander. Zurzeit stellen die Steinmetzen eine Kopie des steinernen Engels für die Nordfassade des Westlichen Querhauses her, dessen Original aus dem 13. Jahrhundert im Dommuseum zu finden ist einer der frühesten Giebelengel in Deutschland. Am Samstag, 12. September, einen Tag vor dem »Tag des Offenen Denkmals« sind die Werkstätten für Besucher geöffnet.


SoS