Heft 227 August 2009
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Titelstory

Nullfünf-Manager Christian Heidel

Unmögliches gemeinsam möglich machen


Chritian Heidel am Telefon
Christian Heidel
Foto: Torsten Zimmermann

Nach zwei aus Fansicht wohl schier endlos erscheinenden Jahren ist der Betriebsunfall »Abstieg « korrigiert und der FSV Mainz 05 kehrt zurück in die erste Fußball Bundesliga. Nicht der einzige Grund zur Freude für die Bruchwegkicker und auch nicht die einzige Herausforderung, die in diesem Jahr noch auf die Nullfünfer wartet. Wo führt er hin, der Weg der Mainzer Profifußballer? Ein Gespräch mit dem Manager, mit Christian Heidel.

Herr Heidel, zuerst grünes Licht für den Stadionneubau, dann der Aufstieg der Profis und zuletzt auch noch der Gewinn der deutschen A-Jugend-Meisterschaft Gab es für den Verein schon einmal ein erfolgreicheres Jahr?

Heidel: Sicherlich wird es sehr schwer, das Jahr 2009 zu toppen. Der Baubeginn des Stadions ist die Grundlage für eine lang fristige Möglichkeit, im Profifußball zu Hause zu sein. Die deutsche Meisterschaft der A-Jugend beweist, dass Mainz 05 in fünf Jahren systematischer Jugendarbeit an die Spitze in Deutschland gekommen ist. Der zweite Aufstieg unserer Profis in die Bundesliga widerlegt viele Besserwisser. Dieser Verein ist in der Breite hervorragend besetzt, ist und war noch nie von einzelnen Personen abhängig.

Drei Jahre Erstliga-Erfahrung haben die 05er bereits auf dem Bukkel. In wieweit hilft dieses Wissen? Sportlich und wirtschaftlich?

Heidel: Diese Erfahrung ist sehr wichtig, Die Bundesliga ist kein Neuland mehr für uns. In punkto Finanzen und Organisation wissen wir,was auf uns zukommt. Sportlich wissen wir auch, wie schwer es wird die Klasse zu halten.

Trotzdem: Vor allem finanziell dürfte der FSV im Haifischbecken Bundesliga nur ein kleiner Fisch sein. Wie wollen, wie können Sie da auf Dauer überleben? Und wie groß ist dabei die Rolle, die das neue Stadion spielen kann?

Heidel: Wir bleiben mit dem Bruchweg und auch mit der COFACE- Arena ein kleiner Fisch in der Bundesliga, für den es nur um den Klassenerhalt gehen wird. Immer mehr Vereine, die über enor - me Wirtschaftkraft verfügen, wollen in die Bundesliga. Auf Hoffenheim wird RB Leipzig in einigen Jahren folgen und nicht zu stoppen sein. Unser Ziel muss es sein, zu den TOP 24 in Deutschland zu gehören und das wird schwer genug.

Die finanzielle Situation der Stadt Mainz hat zuletzt für gigantische Schlagzeilen gesorgt. Wie groß ist da ihrer Meinung nach die Gefahr, dass aus welcher politischen Ecke auch immer doch noch Rufe nach einem Stopp für das Stadionprojekt kommen könnten?

Heidel: Diese Rufe kommen immer aus den gleichen Ecken. Ich habe mich mit führenden Politikern einer Partei unterhalten, die nicht in der Lage waren mir das Finanzierungskonzept zu erklären. Die selben Politiker poltern aber in der Öffentlichkeit gegen das Stadion, um Wählerstimmen zu bekommen. Der Gipfel dieses Populismus ist es, dann den Ausbau des Bruchwegs zu fordern. Jeder weiß, dass dies unmöglich ist. Irgendwann fordern diese Politiker dann die Überdachung des Frankfurter Flughafens um den Fluglärm zu reduzieren.

Chritian Heidel am Telefon
Szene aus dem Trainingslager in Flachau, Österreich. Im Trainingsspiel versuchen Elkin Soto, Milorad Pekovic und Zsolt Löw Tim Hoogland den Ball abzunehmen. Foto: Torsten Zimmermann
Mehr als 60 Millionen Euro soll und darf das Stadion am Ende nicht kosten. Eine Summe, die andere Vereine mal eben so als Ablösesumme für einen einzelnen Spieler hinblättern. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise: Verliert der Fußball die Bodenhaftung?

Heidel: Ich glaube nicht, dass dies etwas mit Bodenhaftung zu tun hat. Es zeigt vielmehr, dass die Schere der wirtschaftlichen Möglichkeiten immer weiter auseinander geht. Zu Ronaldos Begrüßung kommen ja auch 80.000 Zuschauer ins Stadion und wahrscheinlich verkaufen sie 1 Million Trikots von ihm. Das Problem ist, dass Clubs wie z.B. Valencia geglaubt haben, sie können da mithalten und jetzt total pleite sind. In Deutschland ist das doch im Vergleich alles ganz harmlos.

Offenbar läuft es aber darauf hinaus, dass man ohne Mäzen oder Großsponsor im Rücken auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein kann. Drohen da am Ende amerikanische Verhältnisse, mit in sich geschlossenen Ligen, wo für die Vereine nur noch die Finanzkraft als Eintrittskarte zählt?

Heidel: Das wäre ganz traurig und irgendwann würden die Fans wegbleiben. Hat der Mäzen / Großsponsor Husten, liegt der Club auf dem Sterbebett. Aus diesem Grund bin ich totaler Verfechter der Beibehaltung der 50+1 Regel, auch wenn die hier und da unterlaufen werden kann und wird.

Noch einmal Stichwort Wirt - schafts kri se. Experten sehen die Talsohle noch lange nicht erreicht, sprich: irgendwann könnten auch ihre Sponsoren klamm werden, Gelder ausfallen. Gibt es für solch eine Szenario einen Notfallplan?

Heidel: Die Ausgabenseite wird immer auf die Einnahmeseite abgestimmt. Mainz 05 ist auf sehr viele Schultern gebettet und könnte den Ausstieg des einen oder anderen Sponsors kompensieren. DBV-Winterthur ist, wenn auch aus anderen Gründen, ausgestiegen, und Mainz 05 spielt weiter Fußball und das mit einem neuen Hauptsponsor.

Vom Finanziellen zum Sportlichen: Sie hatten ihre Personalplanungen eigentlich frühzeitig abgeschlossen. Wie sehr frustrieren einen dann verschleppte oder nicht erkannte Verletzungen, wie im Fall der beiden Neuzugänge Eugen Polanski und Filip Trojan?

Heidel: Bei einer frühzeitigen Verpflichtung geht man immer ein Risiko ein. Dies ist nur auszuschalten, wenn man keine Transfers vor Saisonende tätigt. Schade ist, dass anscheinend in St. Pauli ein paar Dinge übersehen wurden, die wir in Mainz am ersten Tag erkannt haben. Auch bei Polanski wurde die Verletzung in Mainz sofort erkannt. Die Verträge wurden so abgestimmt, dass wir alleine entscheiden können, wie es weitergeht. Hier hat niemand einen Fehler gemacht, was so manche anonyme Superexperten erkannt haben wollen.

Äußerst kurios war der Fall David Hoilett. Haben Sie so etwas zuvor schon einmal erlebt?

Heidel: Das hat noch keiner erlebt, denn einen solchen Fall gab es noch nicht. Noch nie hat ein 19- jähriger Nicht-EU-Fußballer ohne ein einziges Junioren- oder A-Länderspiel eine Arbeitsgenehmigung erhalten. Dabei wurden die Gesetze in England nicht geändert.

Unterm Strich: Was macht Sie optimistisch, dass die 05-Fans am Ende erneut jubeln dürfen, sprich der Klassenerhalt gelingt?

Heidel: Wenn wir ohne Optimismus in die Liga starten, sollten wir lieber in der 2. Bundesliga bleiben, wo wir wirtschaftlich zu Hause sind. Gerade das ist aber der Reiz. Unmögliches gemeinsam möglich machen. Diejenigen, die aber nach den ersten Niederlagen alles gleich in Frage stellen und immer schon alles besser gewusst haben, sollten Ihre Dauerkarten den Fans übertragen, die Mainz 05 verstanden haben.

Na dann: toi, toi, toi für die kommende Saison und vielen Dank für das Gespräch.

Mario Bast