Heft 227 August 2009
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Kultur

Die zwei Leidenschaften des Georg Pfülb

Fotografie & Fastnacht


Georg Pfülb
Georg Pfülb (Foto aus Balzer, Wolfgang: Persönlichkeiten der Mainzer Stadtgeschichte. Mainz 1985)

Ein Chronist seiner Zeit, der die Höhen und Tiefen im Nachkriegs- Mainz fotografisch dokumentierte - als solchen könnte man Georg Pfülb bezeichnen. Er war Fotograf, Journalist, leidenschaftlicher Fastnachter und zu seinen Lebzeiten in Mainz durchaus eine bekannte Persönlichkeit. Immerhin so bekannt, dass kein Geringerer als der damalige Oberbürgermeister Franz Stein auf seiner Beerdigung seine Verdienste um die Stadt würdigte. Begibt man sich heute auf Spurensuche nach Ge - org Pfülb, fällt das Resultat eher spärlich aus. Am 2. August stünde sein 105ter Geburtstag ins Haus; Grund genug sein ereignisreiches Leben kurz Revue passieren zu lassen. Geboren wird Pfülb am 2. August 1904 in Wiesbaden, wo er seine Kindheit und Jugend verbringt. Nach der Schulzeit heißt es dann für Pfülb: Ab ins Berufsleben. Leichter gesagt, als getan, denn ein Blick in seinen anfänglichen Lebenslauf verrät: Irgendwie wollte er wohl von allem ein bisschen. Zunächst absolviert er einige Lehrjahre im Hotelfach und Bankwesen, studiert dann drei Semester an der Kunstgewerbeschule, um schließlich umzuschwenken auf eine Ausbildung als Grafiker, Dekorateur und Fotograf. Schlussendlich führt ihn sein beruflicher Slalomlauf in die Redaktionsräume des Nassauer Volksblattes. Von da an ist klar: Der Journalismus ist sein Metier. Recht bald wechselt er nach Mainz zur Allgemeinen Zeitung, übernimmt Reporteraufgaben für Illustrierten, Fachzeitungen und Fernsehanstalten. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges bedeutet dann jedoch eine Zäsur in Pfülbs Leben: Er unterbricht seine regionale Reportertätigkeit und tauscht die Schreibmaschine gegen seine Kamera. Als einer der ersten Kriegsberichterstatter begleitet er Luftwaffeneinsätze und macht die Kamera zu seinem Sprachrohr. Damit scheint er seine Nische gefunden zu haben. Nach dem Krieg zieht der gebürtige Wiesbadener endgültig nach Mainz und hält die Nachkriegsentwicklung der Stadt fotografisch fest. Obwohl er mit seinen Fotografien Bildbände füllen könnte, schafft er es Zeit seines Lebens nicht, seine Aufnahmen zu vermarkten. Gründe hierfür liegen im Rahmen der Spekulation, wie so vieles in seinem Leben. Fest steht jedoch, dass Pfülb als begeisterter Fastnachter beschrieben werden kann: Er war aktives Mitglied beim Mainzer Carneval Verein und Ehrenmitglied bei den Mainzer Hofsängern. Am 22. Juni 1964 stirbt Georg Pfülb, beigesetzt wird er auf dem Mainzer Hauptfriedhof »inmitten der Stadt, in der er so lange gewirkt hat«, so der Nachruf von Oberbürgermeister Franz Stein.


Katrin Henrich


Neuauflage:

Königsweg


Christian Pfarrs Königsweg

Im Jahr des 1000-jährigen Dom-Jubiläums passt die Neuauflage von Christian Pfarrs »Königsweg oder: Der steinerne Zeuge« wunderbar ins Lese-Programm. Dem Ingelheimer Leinpfad sei Dank, tritt Oblatenbruder Pfarrer Braun wieder in Aktion. Denn: Eines der bedeutendsten und schönsten Exponate, der »Kopf mit der Binde«, ist aus dem Mainzer Dom-Museum gestohlen worden. Und zwar ausgerechnet am Rosenmontag! Und nicht nur das: Es gibt keine Spuren eines Einbruchs, jemand muss sich also sehr gut ausgekannt haben Es ist nicht so, dass das aus Christian Pfarrs Zaubernuss bekannte Team, der ehemalige Stadtschreiber Martin Echter und sein Freund aus Studienzeiten, ebenjener Pater Braun, sich unverzüglich dieses Diebstahls annehmen wollten. Erst als Pater Braun an Aschermittwoch! anonyme, rätselhafte Botschaften mit Spielkarten (Pik-König, -Dame und -Bube) erhält, stellt er einen Bezug zu sich selbst und zu seiner Vergangenheit her. Weil das Rätsel anspruchsvoll ist, ist dann auch Martin Echter schnell mit im Boot. Ihre Spurensuche führt die beiden nicht nur kreuz und quer durch Mainz, sondern auch auf den Binger Rochusberg und in die besten Niersteiner Weinlagen. Christian Pfarr bleibt auch mit diesem Krimi seinem Stil treu, der wieder, wie schon in der Zaubernuss, eine respektvoll-augenzwinkernde Hommage an Sherlock Holmes, Hercules Poirot, Father Brown und Co. ist.

Info: Christian Pfarr, Königsweg
oder: Der steinerne Zeuge, ISBN
978-3-937782-84-3, 80 Seiten,
Hardcover 9,90 €






Ein Zentrum für die Lebenden

Der Leichhof


Leichhof

Linker Hand viele bunte Läden, an der Stirnseite Café s mit Tischen und Stühlen vor der Tür, dahinter erhebt sich der mächtige Willigis- Dom. Das ist der Mainzer Leichhof heute. Schwer vorstellbar, dass die ser Platz voller Leben mal das genaue Gegenteil war. Bis zum 12. Jahrhundert nämlich war der Leichhof das, was sein Name heute noch verrät ein Friedhof. Genauer gesagt: der Domfriedhof. Damals gab es bei weitem noch nicht an jeder kleineren Pfarrkirche einen eigenen Begräbnisplatz. Oft wurden alle Toten des gesamten Stadtgebietes auf einem einzigen großen Friedhof begraben. Dieser lag meist hinter dem größten Gotteshaus, wie in diesem Fall auf der Rückseite des Mainzer Doms. Im 12. Jahrhundert dann bekamen allmählich immer mehr kleinere Kirchen ihre eigenen Friedhöfe, so dass man den Leichhof als Domfriedhof schließlich aufgeben konnte. Der heute noch existierende Domfriedhof liegt innerhalb der Mauern des Doms: in dem Areal, das vom Kreuzgang umschlossen wird. Zahlreiche Mitglieder des Domstifts wurden dort in den vergangenen Jahrhunderten bestattet. Wie es mit dem Leichhof weiterging? Erste Ansätze hin zu einem Zentrum für die Lebenden sind aus dem 16. Jahrhundert überliefert. Damals fand auf dem Leichhof ein Gerümpel- und Krempelmarkt statt. Mitte der 1970ger Jahre dann begann die Umgestaltung der Domplätze. 1978 schließlich wurde auch der Leichhof gepflastert und als Fußgängerzone gestaltet. Seitdem ist er zentraler Punkt zum Einkaufen, Kaffeetrinken oder auch, um bei Großereignissen wie dem Gutenberg- Marathon zuzugucken. Von seiner Vergangenheit als Zentrum der Toten ist dem Leichhof nur noch der Name geblieben.

Ilona Hartmann