Heft 227 August 2009
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Jugend

Kurze Wege im Haus des Jugendrechts

Die Strafe folgt auf dem Fuss!


Polizeileiter
Wolfgang Eisele, Staatsanwältin Tanja Schultz-Schwaab, Jugendschutzbeauftragter Hajo Kunkel
Die drei vom Haus des Jugendrechts: stellvertretender Polizeileiter Wolfgang Eisele, Staatsanwältin Tanja Schultz-Schwaab, Jugendschutzbeauftragter Hajo Kunkel (v.l.)

Was tun, wenn Jugendliche straffällig werden und Gefahr laufen sich dadurch an den Rand der Gesellschaft zu manövrieren? Am besten schnell und individuell handeln, denn, so Wolfgang Eisele, stellvertretender Polizeileiter im Haus des Jugendrechts: »Je mehr Zeit zwischen der Straftat des Jugendlichen und der daraus resultierenden Strafe verstreicht, desto weniger kann der Jugendliche beides miteinander in Bezug bringen. Der erzieherische Gedanke, der das Jugendstrafrecht maßgeblich bestimmt, ist somit nicht mehr gegeben.« Genau dieser langen Durststrecke zwischen Straftat und Gerichtsverfahren soll in Mainz entgegen gewirkt werden. Eisele sitzt daher nicht im herkömmlichen Polizeipräsidium, sondern im Haus des Jugendrechts. Seit einem guten Jahr gibt es diese Einrichtung, sie liegt zentral in der Nähe des Mainzer Hauptbahnhofs. Das Besondere: Neben 18 Polizeibeamten ist hier auch eine kleine Außendienststelle der Staatsanwaltschaft untergebracht. Vervollständigt wird das Bild durch neun Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe und drei Kollegen vom Jugendschutz. »Wir haben das Rad nicht neu erfunden, wir drehen es jetzt nur schneller«, fasst Staatsanwältin Tanja Schultz-Schwaab das Konzept des Hauses zusammen. Konkret heißt das: Von der Polizei aufgenommene Straftaten können direkt an die Staatsanwaltschaft weitergegeben werden. Durch die kurzen Wege innerhalb des Hauses mahlen die gerichtlichen Mühlen binnen weniger Stunden: Die Strafe folgt gewissermaßen auf dem Fuß.

Individualität gross geschrieben


Dieses schnelle gerichtliche Verfahren im Umgang mit jugendlichen Straftätern kommt laut Schultz-Schwaab dem Erziehungsgedanken des Jugendstrafrechts sehr nahe: »Die Konsequenz einer Straftat lässt durch die kurzen Wege im Haus des Jugendrechts nicht lange auf sich warten. Wür - de das Strafverfahren jedoch erst ein halbes Jahr nach der Straftat beendet werden, besteht die Gefahr, dass der Jugendliche innerhalb dieses halben Jahres neue Straftaten begeht.« Da genau diesem Aspekt im Haus des Jugendrechts entgegen gesteuert werden soll, heißt die Maxime nicht nur schnelles, sondern auch individuelles Handeln. Dazu Hajo Kunkel, Jugendschutzbeauftragter der Stadt Mainz und ebenfalls im Haus des Jugendrechts ansässig: »Das Ahnden und Bestrafen von Straftaten ist eine Sache. Die zukünftige Verhinderung delinquenten Verhaltens ist die andere. Wir vom Jugendschutz und der Jugendgerichtshilfe schauen uns also auch das Umfeld des Täters an, gehen in seine Familie, seine Schule und so weiter. Ziel ist es, die Ursachen für sein auffälliges Verhalten ausfindig zu machen, um dort in Zukunft anzusetzen.« Zu diesem Zweck gehört auch eine enge Zusammenarbeit mit Streetworkern zum Alltag im Haus des Jugendrechts: »Wir haben beispielsweise mehrere Jugendgruppen in Mainz, die drohten auf die schiefe Bahn zu gelangen. Im Haus des Jugendrechts haben wir zusammen mit Streetworkern ein Konzept entwickelt, das ein Abrutschen dieser Jugendlichen verhindern soll«, berichtet Kunkel. Mit Erfolg, denn, so Staatsanwälin Schultz-Schwaab: »Fragt man die Anwohner des Viertels, aus dem einige der auffälligen Jugendlichen kommen, so fühlen sie sich, seitdem die Maßnahmen der Streetworker greifen, wieder sicherer.«

Ernst nehmen und Verantwortung übertragen


Das Erfolgsrezept aus dem Haus des Jugendrechts besteht dabei aus mehreren Zutaten: Zum Einen werden Präventionsmaßnahmen direkt im Haus angeboten: Dazu gehören zum Beispiel Anti-Aggressionstrainings, Workshops zum Thema »Richtiger Umgang mit Geld«, Kampagnen zur Aufklärung über Rechtsextremismus und dergleichen mehr. Ein wichtiger Baustein bildet in diesem Zusammenhang auch die Opfer- und Täterhilfe Rheinhessen, die ebenfalls im Haus untergebracht ist. Hier werden die Täter direkt mit ihren Opfern konfrontiert, müssen sich der Tat und ihren Konsequenzen stellen eine Maßnahme, die im besten Fall ein Umdenken beim Täter hervorruft. Doch die Jugendlichen sollen auch aktiv werden und zwar konstruktiv. »Wir haben des öfteren erlebt, dass es enorm wichtig ist für die Jugendlichen, eine Aufgabe zu haben. Sie erfahren dann eine ganz andere, positive Wertschätzung, übernehmen Verantwortung und fühlen sich ernst genommen «, erläutert Kunkel. So hat beispielsweise eine der oben genannten Jugendgruppen mit Hilfe von Streetworkern einen Spielzeug - verleih am Goetheplatz ins Leben gerufen, den sie in Eigenregie führt. Der Laden läuft und bei Bedarf übernehmen die Jugendlichen auch mal den Getränkestand bei Straßenfesten und ähnlichem. Ein Positivbeispiel wie aus dem Bil - derbuch. Man darf gespannt sein, wie viel die effiziente und schnelle Arbeit im Haus des Jugendrechts in Zukunft noch bewirkt.


Katrin Henrich