Heft 226 Juli 2009
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Stadtansichten

Blumenmeer unter Glas

Es grünt so grün und blüht so schön


Simone Nauth und Andreas Obermüller
Die Gärtner Andreas Obermüller und Simone Nauth kümmern sich um die Blumen im städtischen Gewächshaus.

Von außen lassen die Glaswände keinen Blick auf die Blütenpracht im Inneren zu. Die Wände des Gewächshauses der Stadt Mainz sind komplett mit einer Noppenfolie verkleidet. Ähnlich der Folie, in die man zerbrechliche Güter für den Paketversand hüllt und deren kleine Luftbläschen man als Kind so gerne mit den Fingern zerdrückt hat. Hier sind die Noppen aber größer und sollen Energie sparen helfen. Energie, die durch die riesigen Glasflächen schnell verpufft und doch zur Aufzucht tausender Pflanzen in großen Mengen benötigt wird. Im Inneren steht der Besucher in einem Meer aus Farben, die aus unendlich scheinenden Blumenreihen stammen. Die Blumen brauchen Wärme im Winter, Schatten im Sommer, wohldosiert Wasser und Dünger, die meisten Licht, manche aber nicht zuviel davon man ahnt es schon, die Aufzucht, insbesondere professionell betrieben, ist ein kompliziertes Geschäft. In Mainz kümmern sich die Mitarbeiter des städtischen Grünamts um die Blumen unterm Glasdach. Gerade mal 3,5 Stellen stehen Abteilungsleiter Alexander Schubert für den Betrieb des Gewächshauses an der Geschwister-Scholl-Straße zur Verfügung. Weit mehr als 150.000 Pflanzen kommen jährlich aus dem Gewächshaus in die öffentlichen Beete, in kleineren Mengen auch auf den Friedhof, zur Dekoration ins Schloss, ins Kongresszentrum oder in Dienstzimmer der Verwaltung. Früher waren es weitaus mehr Mitarbeiter, erinnert sich Schubert. 15 bis 20 waren es zeitweise am seit rund drei Jahrzehnten bestehenden Standort in der Oberstadt. Es gab damals noch eine Baumschule, Rosenzucht und auch Blumensträuße banden die Gärtner selbst. Seit Beginn der 90er Jahre gibt es die Baumschule nicht mehr, vor drei Jahren wurde die Floristik aufgegeben, berichtet Abteilungsleiter Schubert: »Die Kostendiskussion rückte immer mehr in den Vordergrund.« Besagte Kostendiskussion hätte sogar beinahe das völlige Aus be - deutet. Bis vor kurzem lautete noch die Vorgabe, im Jahr 2010 sei Schluss mit städtischer Blumenzucht. Erst seit wenigen Wochen stehe fest, dass der Betrieb weiter gehe, sagt Schubert. Die Erleichterung ist ihm und seinen Mitarbeitern deutlich anzumerken. Man habe nochmals Sparmaßnahmen ausgetüftelt und komme inzwischen mit noch weniger Personal aus, als einst Gutachter empfohlen hätten. Da kommt das eingangs erwähnte Thema Energiesparen wieder auf den Tisch: Rund 50.000 Euro Energiekosten fallen jährlich im Gewächshaus an. Zwar sinke die Verbrauchsmenge mit Hilfe moderner Techniken, »aber die gestiegenen Bezugspreise fressen die Einsparungen wieder auf«, so Schubert. 45.000 Euro kostet die Produktion pro Jahr: Samen, Steck - linge, Erden, Töpfe. Etwa 50:50 beträgt das Verhältnis von selbst aus Samen gezogenen Gewächsen und zugekauften Jungpflanzen. »Unser Kerngeschäft ist der Wechselflor«, erklärt Schubert, sprich die saisonale Bepflanzung der öffentlichen Beete in Mainz. Zur Aufzucht der nötigen Blumen steht den Gärtnern ein im Jahr 2000 bezogenes modernes Gewächshaus mit 2000 Quadratmetern zur Verfügung, berichtet seine Mitarbeiterin Renate Kissinger. Dazu kommen noch 300 qm in zwei alten Häusern, 200 qm in sogenannten Folienbauten und 450 qm Freifläche. Im neuen Haus wird alles automatisch geregelt, Fühler messen Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Der Computer steuert, ob die Lüftungsluken geöffnet oder geschlossen werden, ob die Schattenfolien ausgebreitet oder eingerollt werden.

Immer eine Jahreszeit voraus


Luftbild des Gewächshauses und Verwaltungsgebäudes
des Grünamts an der
Geschwister-Scholl-Straße
Gewächshaus und Verwaltungsgebäude des Grünamts an der Geschwister-Scholl-Straße

Die Bewässerung erfolgt ebenfalls ferngelenkt. Lochschläuche führen Wasser zu allen Pflanz - tischen oder Flächen, wo Blumen stehen. Das Wasser selbst wird größtenteils aus Regenrinnen gewonnen und zunächst in einem 200.000 Liter fassenden Becken auf dem Gelände gesammelt. Von da aus wird es in drei Tanks im Gewächshaus gepumpt, in denen es mit Dünger angereichert wird. Daraus gelangt es über das Schlauchsystem zu den Pflanzen. Je nach Jahreszeit und Temperatur reichen 15 Minuten Bewässerung am Tag, bei großer Hitze wird mehrfach gewässert. Die Gärtner unterscheiden Frühjahrsflor, Sommerflor und Herbstflor. Im Frühjahr stehen rund 45.000 Pflanzen im Gewächshaus, erklärt Kissinger, vor allem Stiefmütterchen und Goldlack. Für die Sommerbepflanzung zwischen Anfang Mai und Mitte/Ende September wird alles genutzt, »was Beet und Balkon zu bieten hat«, so die Gärtnerin. Hauptsächlich Geranien, Begonien, Fleißige Lieschen und Tagetes in verschiedenen Farben und Sorten. Bis zu 80.000 Pflanzen werden dafür im Gewächshaus gezogen. 50.000 Blumen werden dann noch mal für den Herbst gezüchtet, meist Stiefmütterchen. Rund 100.000 Euro stehen im Jahr zur Verfügung, damit alle öffentlichen Beete über das Jahr hinweg bepflanzt werden können, berichtet Abteilungsleiter Schubert. Die größten Beete in der Stadt seien an der Pariser Straße, am Schillerplatz und am Liebfrauenplatz gelegen. Dabei gebe es jedes Jahr einen anderen Anbauplan. Mit langem Vorlauf: Seit einigen Wochen wird in der Gärtnerei schon die Bepflanzung für den kommenden Herbst/Winter geplant.


Christoph Barkewitz