Heft 226 Juli 2009
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Domgeschichte(n)

Dem Himmel ganz nah

Der Mainzer Domsgickel


Der Mainzer Domsgickel

Es gibt einen Spruch in Mainz, der geht so: »Scheißt der Gickel Richtung Rhein, wird morgen Regenwetter sein.« Mit »Gickel« ist der Wetterhahn gemeint, der seit dem Jahr 1767 auf dem Westturm des Domes sitzt. Über ihn soll hier eine wahre Geschichte erzählt werden: Während des 2. Weltkrieges wurde die Eisenstange, auf der der Domsgickel steckte, von einem Granatsplitter getroffen. Ergebnis: Der Wetterhahn konnte sich nicht mehr drehen. Also drückte der Wind immer von der gleichen Seite auf den armen, 60 cm langen Gickels- Schwanz – bis er abbrach– und im Domfriedhof im Kreuzgang des Domes landete. Ein Mainzer Bub namens Konrad, der Messdiener war und jeden Winkel des Doms wie seine Westentasche kannte, fand den Schwanz rein zufällig beim Spielen. Konrad hob den Schwanz auf, ging damit zu drei Ordensbrüdern, die im Dom arbeiteten und zeigte ihnen das gute Stück. Da sie während des Krieges nicht auf den Westturm klettern konnten, versteckten sie den Schwanz in einer Truhe im Dommuseum, das sich ebenfalls am Kreuzgang befindet.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Domsgickel im Rahmen einer Bestandsaufnahme abmontiert. Die angeschossene Eisenstange sollte erneuert werden, damit sich der Wetterhahn wieder drehen konnte. Doch der hatte keinen Schwanz mehr und die Mainzer fragten sich, wo der geblieben sei. Konrad, der inzwischen erwachsen war, ging zum Dombaumeister und zeigte ihm die Truhe, in der er den Schwanz während des Krieges versteckt hatte. Und siehe da: Das gute Stück lag noch darinnen. Nun wurde der Originalschwanz aus dem Jahr 1767 wieder an dem Corpus des Domsgickels befestigt. Im Jahr 1956 kletterte eben jener Konrad höchstpersönlich auf den Westturm und brachte den Wetterhahn in 80 Meter Höhe wieder an. Seitdem dreht sich der Domsgickel wieder im Wind. Kommt der von Westen, streckt der Gickel seinen Schwanz in Richtung Rhein aus. Die Mainzer wissen dann, dass sie einen Schirm mitnehmen müssen.


Corinna Lutz