Heft 225 Juni 2009
Werbung




Wirtschaftsleben

Aufräumen in der Oberstadt

Von der Müllhalde zur Automeile


Automeile
Totale vom Deponiehügel auf die Großbaustelle mit Blick auf das IBMVerwaltungsgebäude. Hier entstehen hintereinander die Gebäude für Toyota, Porsche, Audi und VW (stadtauswärts).

Wenn zum Jahreswechsel die ersten Luxuswagen der Edelmarken Porsche, Audi oder Lexus auf der Automeile an der Hechtsheimer Straße in den Verkaufsräumen stehen werden, wissen selbst viele Alteingesessene nicht mehr, dass dort nicht immer alles so akkurat und glänzend war. Im Zeitraum von etwa 1920 bis 1970 wurde dort der Hausmüll der Stadt Mainz deponiert. Davon ist heute kaum noch etwas zu sehen. An der Baustelle wer­den in rasantem Tempo die Wände für die von der Koblenzer Löhr-Gruppe geplanten vier Autohäuser aus dem Boden gestampft. Nur wer von der Hechtsheimer Straße aus über die Baustelle hinausblickt, kann noch Reste der Deponie erahnen. Die langgezogene, grün bewachsene Böschung führt auf einen Hügel, der sich in westlicher Richtung bis an die Kleingartenanlage »Am alten Mainzer Weg« erstreckt. Auf dem Plateau befindet sich ein derzeit noch ungenutzter Parkplatz mit 1200 Stellplätzen, darunter lagert – der Müll. Der Wirtschaftsdezernent der Stadt Mainz, Franz Ringhoffer (FDP), beschreibt die Szenerie mit einem passenden Bild: »Der Müll hat einen Sarkophag bekommen«. Einst war der Unrat über das gesamte Gelände – also auch dort, wo jetzt die Baustelle ist – verteilt. Doch nachdem die stadteigene Grundstücksverwaltungsgesellschaft GVG, deren Geschäftsführer Ringhoffer auch ist, das gesamte Areal bis zur Emy-Roeder-Straße (früher Henkackerweg) im Jahr 2002 von der Stadt erworben hat, begannen bald darauf die Aufräumarbeiten. Entlang der Fläche an der Hechtsheimer Straße wurde der Müll entnommen, auf der »Mittelfläche« aufgebracht, zusammengepresst und abgedichtet, wie Ringhoffer berichtet. Dazwischen lag das Gelände rund drei Jahrzehnte brach. Als Vorratsfläche für IBM war das Gebiet gedacht, sofern der 1967 nach Mainz gekommene Büromaschinenhersteller weiter wachsen sollte. Doch daraus wurde nichts. Der Wettbewerb bei den Computerchips, die der US-Konzern neben weiteren Produktionsstandorten auch in Mainz herstellte, wur­de immer größer und internationaler. Als IBM diese Geschäftssparte schließlich an einen Konkurrenten verkaufte, ließ der billiger in asiatischen Werken produzieren, und IBM blieb auf seiner Seite der Hechtsheimer Straße. Anfang des neuen Jahrtausends machte dann die Idee eines »Mediaparks« die Runde. Ein Zusammenschluss von knapp 20 Unternehmen der Branche habe sich dort auf einer Fläche von 30.000 Quadratmetern ansiedeln wollen, erinnert sich Dezernent Ringhoffer. Doch die Initiatoren hätten die Finanzierung nicht gestemmt bekommen. Einen kleinen Teil des Geländes nutzte IBM dann doch noch: von 2000 bis 2003 hatte das Unternehmen gegenüber von seinem Bürogebäude von der GVG rund 80 Stellplätze für Mitarbeiter-Autos angemietet.

Zugkräftige Argumente für die Ansiedlung


Autos werden fortan die Szenerie komplett beherrschen. Vier Hallen für insgesamt sechs Marken lässt die Löhr-Gruppe derzeit errichten. Um die Jahreswende sollen die Gebäude etappenweise fertiggestellt werden und dann Wagen der Marken Toyota und dessen Nobelableger Lexus, Porsche, Audi sowie VW Pkw und VW Nutzfahrzeuge beherbergen. Ein zugkräftiges Argument für die Ansiedlung an dieser Stelle war nicht zuletzt der geplante Umzug der Kfz-Zulassungsstelle von Gonsenheim auf das Areal. Fest steht im Übrigen bereits die Ansiedlung des türkischen Konsulats direkt an der Ecke Hechtsheimer/Emy-Roeder-Straße. Die Löhr-Gruppe mit Sitz in Koblenz hat das Gelände im Jahr 2008 von der GVG erworben und investiert nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag in ihre Mainzer Meile. Die Gruppe umfasst einen Verbund von 27 Autohäusern in Rheinland-Pfalz und Wiesbaden. Nach Mainz kam Löhr im Jahr 2004 durch die Übernahme von Auto-Kraft. Deren 140 Mitarbeiter sowie 60 neue sollen an die Hechtsheimer Straße umziehen und jährlich rund 5000 Neu- und Gebrauchtwagen vermarkten. Wirtschaftskrise, Abwrackprämie – Stichworte, die beim Thema Auto sofort durch den Kopf schießen. »Ja, die Krise spüren wir«, räumt Löhr-Vorstandsmitglied Dr. Jörg von Steinaecker ein. Allerdings habe man mit den Klein­wagen der Marken VW und Toyota aktuelle Nutznießer der Um­weltprämie im Portfolio, sodass dies durchaus als klare Chance gesehen werde. Bei der Finanzierung des Projekts habe die Krise sicher auch eine Rolle gespielt, so von Steinaecker, sie sei durch die Hereinnahme eines Leasing-Partners und durch die gute Zusam­men­arbeit mit den Hausbanken aber letztlich kein Problem gewesen. Auch der Zeitplan der Eröffnung der Häuser soll sich laut von Steinaecker nur um wenige Monate verschieben. War die Eröffnung des letzten Hauses – VW - ursprünglich Anfang 2010 geplant, so könnte dies nun erst im Mai/ Juni 2010 geschehen. Fest im Plan ist hingegen die Fertigstellung des Porsche-Hauses Mitte September dieses Jahres, zeitgleich mit der Einführung des neuen Modells Panamera. Anfang Dezember soll dann die Toyota-Halle folgen, im Januar das neue Audi-Heim.


Christoph Barkewitz