Heft 225 Juni 2009
Werbung




Titelstory

Sportbad mit Mangelerscheinungen

Hauptsache »Sozialverträglich«?


Walburga Knestel: 
Wir können eine Veröffentlichung 
Ihrer Fotos nicht zustimmen.«
Walburga Knestel: Wir können eine Veröffentlichung Ihrer Fotos nicht zustimmen.«

»Da geh ich nicht mehr hin, das wirkt immer verwahrloster.« Eine harte Aussage. Die, teils noch drastischer formuliert, immer wieder zu hören ist. Gemeint ist das Sportbad im Taubertsbergbad, das erst vor fünf Jahren eröffnet wur­de. Was ist dran an solchen Urteilen? DER MAINZER hörte sich um und ging – erst einmal baden.

Dienstag, gegen 12 Uhr. Draußen schüttet es aus Kübeln, drinnen an der Kasse ist es angenehm leer. Ein Blick aufs Schwimmerbecken zeigt: da ist reichlich Platz. Schöne Aussichten für eine »Kachelzählerin«. »90 Minuten Sportbad macht 3,70 Euro bitte.« »Wie bitte? Schon wieder erhöht?« Schulterzucken die Antwort. »Und wo sind die Wertfachspinde?« »Gibt es im Sportbad keine.« »Was passiert, wenn mein Spind aufgebrochen wird?« »Dafür übernehmen wir keine Haftung.« Die Aussichten trüben sich, – doch die leeren Bahnen locken, also: Sicherheitsbedenken über Bord werfen. Vor den Umkleidekabinen: Rätselraten. Kein Schild an den ersten drei Türen. Vorsichtiges Öffnen gibt den Blick frei auf – einen nackten Mann. Hier bin ich falsch. Die letzten drei Umkleideräume tragen ein Piktogramm, das sehr weiblich ausschaut. Das nackte Wesen drinnen auch. Hemmungen sind hier fehl am Platz, in drei Umkleideräumen der Damen gibt es zwei abschließbare Kabinen. Ansonsten bleibt der Platz vor dem Spind. Zum Glück ist nichts los, sonst könnte das verdammt eng werden. Ein Blick über den Fußboden besagt: Badelatschen, unbedingt! Sonst wird’s haarig unter den Fußsohlen. Als alles im Spind verstaut ist und der Schlüssel mit dem Coin gedreht wird, versagt der Schließmechanismus. Coin raus in den nächsten Spind rein – der geht auch nicht. Nummer drei funktioniert. Na also. Doch dann: Schock! Die Schiebetür Richtung Duschen »schwankt« beim Zurückschieben – sie ist unten aus der Führung gerutscht. Hoffentlich hält die obere Führung das aus, bis ich zurückkomme. Die Duschen sind eindeutig beschildert: Geht doch!. Platsch – die Füße landen in einem mittleren See, direkt hinter der Eingangstür zu den Damenduschen. Wieso sammelt sich hier Wasser? Außerdem ist es dunkel – doch beim zweiten Platsch wird’s hell. Lichtschranken! Stromsparen! Gute Idee! Sechs Duschen, eine davon funktioniert nicht, macht fünf. Auf dem Boden liegt ne leere Shampooflasche, ein Taschentuch und noch was nicht Identifizierbares. Auch hier gibt es Gäste, die ihren Dreck nicht wegräumen. 20 Minuten später liegt immer noch alles rum– die Putzfrau war zwischenzeitlich nicht da. Aus den beiden Toiletten riecht es unangenehm: Tür zu, Geruch weg. Ich muss zum Glück nicht.

Preis-Leistung? Mangelhaft!


Walburga Knestel: 
Wir können eine Veröffentlichung 
Ihrer Fotos nicht zustimmen.«

Die Duschtemperatur lässt sich einstellen, wechselt allerdings von selbst ständig. Komisch. Der Weg zum Becken ist irgendwie rutschig. Könnte am Profil meiner Badelatschen liegen. Beim Hineingleiten ins Wasser reagiert der Körper heftig: Gänsehaut. Von Oben bis Unten. 26, 7 Grad hat das Wasser, sagt der Bademeister. Die Temperatur passt nicht zu meinem Bodymaßindex. Mein Problem? Irgendwie schmeckt das Wasser komisch. Nein ich trinke es nicht! Aber wer krault, ohne einen Tropfen Wasser zu schlucken, vergisst dabei zu Atmen. Irgendwie metallisch – dafür riecht es nicht nach Chlor. Wüsste gerne, was in dem Wasser drin ist. Kachelzählen hat (neben vielen Vorteilen!) einen großen Nachteil: der Beckenboden ist ständig im Blick. Und alles was da rumschwebt. Die Anzahl der »Wollknäuel« ist hier allerdings sehr überschaubar. Manche Kacheln am Beckenrand sehen erbärmlich aus - so alt ist das Bad doch noch gar nicht? 50 Bahnen macht 1000 Meter in 20 Minuten – Rückweg antreten. Sieben Frauen unter fünf Duschen? Warten! Im Hinterkopf tickt die Uhr, ich mag nicht nachzahlen, wenn die 90 Minuten überschritten sind. Im Unkleideraum stellt sich jetzt ein praktisches Problem: Wohin mit dem tropfenden Badeanzug? Kein Haken, nix. Ne Plastiktüte wäre jetzt gut! Nächstes Mal mitnehmen. Wobei: das wird dauern. So toll ist das hier nicht. Für den Preis. Und angesichts der »Unannehmlichkeiten«. Na ja, es ist ja ein Privatbad, funktioniert ohne öffentliche Gelder – oder? Die Nachfrage im Finanzdezernat ergibt: »Die Taubertsbergbad Mainz Betriebsgesellschaft. mbH & Co. KG erhält von der Stadt Mainz einen jährlichen Zuschuss i.H.v. 1 Mio. Euro. Aufgrund dieser Förderung kann die Stadt bei der Preisgestaltung ein Wort mitreden und darauf Einfluss nehmen, dass die Preisgestaltung für das Freibad und das Sportbad sozialverträglich bleibt. Für das Areal des Taubertsbergbads zahlt die Gesellschaft der Stadt Mainz jährlich eine Pacht von rd. 1 Mio. Euro (zzgl. Umsatzsteuer). Die Parallele in der Höhe der Beträge des Zuschusses und der Miete ist zufällig.« Also stecken doch noch Steuergelder drin. Komisch!

Sozialverträglich? Ungenügend!


Walburga Knestel: 
Wir können eine Veröffentlichung 
Ihrer Fotos nicht zustimmen.«

Beim Richtfest im Dezember 2004 wurde die Finanzierung des Bades wie folgt dargestellt: Von den netto 19 Millionen Euro Gesamtkosten trägt das Land Rheinland-Pfalz vier Millionen Euro, die Stadt Mainz übernimmt einen Kredit von 11,7 Millionen Euro, dessen Schuldendienst von 870 000 Euro unter dem eine Million Euro teuren Betriebskostenzuschuss für das alte Bad liegt. 3,3 Millionen Euro steuert die stadtnahe MAG durch den Ankauf des ehemaligen Schwimmbad-Parkplatzes bei. Den Schuldendienst von 870.000 Euro pro Jahr zahlt die Stadt immer noch, der Betriebskostenzuschuss wird mit den »Freistunden« für Schulklassen und Schwimmvereine begründet. Torsten Traxel, Vorstand im Mainzer Schwimmverein 01 beziffert die Anzahl der Bahnstunden (eine Bahn für eine Stunde) auf zwölf, maximal 14 pro Woche: »Wenn wir dieses Kontingent überschreiten, müssen wir pro Bahnstunde 35 Euro zahlen – das kann sich der Verein nicht leisten. Zum Glück zahlen wir im Mombacher Bad, das wir ja selbst betreiben, pro Bahnstunde nur 5 Euro.« Günter Pfeifer, Leiter des Sportamts beziffert das Kontingent für die Vereinsschwimmer auf 10.000 Besucher pro Jahr, umgerechnet pro Woche etwa 24 Bahnstunden. Dazu kommen noch 15.000 Schulwimmstunden – beides ist vertraglich zwischen Stadt und Betreibergesellschaft geregelt. Ob beide Kontingente wirklich ausgenutzt werden, ist unklar. Die »sozialverträgliche Preisgestaltung« sieht so aus: Zwei Erwachsene und zwei Kinder zahlen für 90 Minuten Sportbad 12,80 Euro und für drei Stunden Sportbad 16,80 Euro. Im Freibad ist es günstiger, dort zahlen Erwachsene 3 Euro und Kinder 2 Euro – für den ganzen Tag also zehn Euro. Da es im Freibad keine Mehrfachkarten gibt, geht das in einem schönen Sommer auch ordentlich ins Geld.

Mängelliste


Was die nicht zu übersehenen und laut Vielschwimmern teils schon lange bestehenden Mängel betrifft, wollten wir von Walburga Knestel, Betriebsleiterin der Betreibergesellschaft wissen:

  • Seit wann kostet der Einzeleintritt Sportbad statt 3,50 Euro 3,70 Euro? Die Tarifanpassung sei am 15. März gewesen; Grund: Kostenexplosion bei der Fernwärme ab dem 1.Januar, die Mehrkosten wurden an die Gäste weitergeben; die Preiserhöhung sei mit der Stadt abgesprochen.
  • Wie häufig wird in den Umkleidekabinen und Duschen im Sportbad geputzt? Geputzt werde alle 40 Minuten 20-Minuten lang, so dass pro Stunde einmal Sportbad, einmal Therme, einmal Sauna dran sind; wenn Schulklassen im Sportbad waren, werde versucht, direkt im Anschluss sauber zu machen.
  • Warum sind so viele Spinde schon so lange nicht zu gebrauchen (fehlender oder nicht funktionierender Schließmechanismus)? Spindschlüssel würden alle 14 Tage bestellt, brauchten allerdings sechs Wochen bis sie geliefert werden – der Zeitraum sei eindeutig zu lang, weshalb zurzeit überlegt werde, ein neues System einzuführen.
  • Warum und seit wann funktionieren nicht alle Duschen? Seit Mittwoch (13.5.09) würden alle Duschen wieder funktionieren. Es handele sich um ein Problem mit den Magnetventilen – ein Gewährleistungsmangel seit Eröffnung des Bades, obwohl von einem der namhaftesten Hersteller bezogen; schon zwei Mal seien die Magnetventile komplett ausgetauscht worden.
  • Wie viel wird in welchem Zeitraum in die Instandhaltung investiert? In die Instandhaltung werde »sehr, sehr viel« investiert – so wie es anfällt, werde es in Angriff genommen; von Mo-Fr gebe es täglich eine Begehung mit dem Haustechniker, der in einem Protokoll festhält, was nicht funktioniert und Reparatur-Aufträge erteile.
  • Das Wasser im Schwimmerbecken schmeckt eigenartig – irgendwie nach Metall – was ist da drin? Die Wasserwerte seien 1A: »Ich kann nicht nachvollziehen, was Sie mit ‚eigenartigem Geschmack’ meinen, erst heute (15.5.) befragte Badegäste verstehen diese Frage nicht!« Es sei ganz normales Trinkwasser, das ganz normal gechlort werde.
  • Warum ist die Wassertemperatur so niedrig? Das seien die von Sportschwimmern gewünschten Wettkampftemperaturen. Und die Schulkinder, frieren die im Schwimmunterricht nicht? Beim Schulschwimmen könnten die Kinder auch das Nichtschwimmerbecken nutzen, das sei wärmer.

Dass Preiserhöhungen mit der Stadt abgesprochen sind, bestätigt Sportamtsleiter Günter Pfeifer. Vertraglich sei vereinbart, dass sich die Preise am allgemeinen Lebenshaltungsindex orientieren, steigen die Betriebs- bspw. die Energiekosten, könne die Verwaltung eine Preiserhöhung nicht ablehnen. »Unserer Erfahrung nach wird das Taubertsberbad sehr gut geführt und etwaige Mängel werden schnellstmöglich beseitigt.« Allerdings gebe es von Anfang an Streitigkeiten zwischen dem Generalunternehmer und dem Bauherr Gebäudewirtschaft Mainz über Gewährleistungsmängel, die eine Beseitigung der Mängel nicht erleichtern.


SoS