Heft 225 Juni 2009
Werbung




Neues aus der Uni

Des Rätsels Lösung?

Natürlich grau


Professor Decker, Uni Mainz
Professor Dr. Heinz Decker vom Institut für Molekulare Biophysik der Uni Mainz

»Darüber wachsen mir noch graue Haare«, ein wohlbekannter Ausruf, wenn eine Situation zum Haare raufen ist. »Das ist gar nicht mal so abwegig«, lacht Universitätsprofessor Dr. Heinz Decker vom Institut für Molekulare Biophysik der Uni Mainz, denn: »Stress und Schicksalsschläge können durchaus dazu führen, dass die Haare ihre Farbe verlieren.« Wirklich sicher ist diese Vermutung allerdings noch nicht, ebenso wenig können fundierte Aussagen getroffen werden, wann genau der Prozess des Ergrauens beginnt und warum einige Menschen früher ergrauen als andere. Ein wichtiger Schritt zur Lösung des Rätsels ist aber jetzt vollzogen: Die Mainzer Forscher haben kürzlich ein Forschungsergebnis bekannt gegeben, auf das sie zusammen mit Kollegen aus dem englischen Bradford gestoßen sind. Seitdem ist die Frage geklärt, wie die menschlichen Haare ergrauen. Auf einen Satz herunter gebrochen lautet das Ergebnis: Der Körper gerät mit zunehmendem Alter außer Balance. Doch was genau kommt im Alter aus dem Gleichgewicht? Atmen wir ein, wird die Energie im Sauerstoff für den Körper nutzbar gemacht, allerdings fallen während dieses Prozesses ungewollt gefährliche Nebenprodukte an: zum Beispiel das Wasserstoffperoxid. Dieser Stoff ist ein sogenanntes Sauerstoffradikal und wie die meisten Radikalen recht angriffslustig. Seine Opfer sind vornehmlich Proteine, wie etwa das Protein Tyrosinase. Dieses Enzym ist wiederum maßgeblich für die Farbpigmententstehung zuständig: In Verbindung mit Sauerstoff bewirkt die Tyrosinase näm­lich eine Umwandlung der Aminosäure Tyrosin in Chinone. Verbinden sich nun viele dieser reaktiven Chinone, entsteht ein Netz: das Farbpigment Melanin, das in den Haaren eingelagert wird. Doch ohne Tyrosinase kein Melanin und ohne Melanin keine Färbung der Haare. Jetzt ist es aber so, dass das angriffslustige Wasserstoffperoxid nicht völlig freie Bahn hat. Direkt in den Zellen sitzt einer seiner Gegenspieler, das Enzym die Katalase. Sie neutralisiert das Wasserstoffperoxid, indem sie es einfach in seine zwei Bestandteile Wasser und Sauerstoff aufspaltet. So kann ein möglicher Schaden an den Proteinen verhindert werden. Doch selbst wenn dieser Schaden schon entstanden ist, hält der Körper eine Lösung parat, denn jetzt heißt es, reparieren so gut es geht. Die Götter in Weiß sind in dem Fall sogenannte regenerierende Enzyme, die dafür sorgen, dass die geschädigten Proteine wieder hergestellt werden. Sie aktivieren also ein gehemmtes Enzym, wie die Tyrosinase, Chinonen können wieder gebildet werden, Melanin entsteht und die grauen Haare werden noch einmal abgewendet. Nicht so mit zunehmendem Alter, denn dann heißt der Cocktail im Körper: Weniger Katalase und regenerierende Enzyme, mehr Wasserstoffperoxid: Die Bildung von Melanin wird gehemmt und die Haare dadurch grau.


Katrin Henrich