Heft 225 Juni 2009
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Mainzer Köpfe

Ringer, Lehrer und Trainer Baris Baglan:

Teamplayer aus Überzeugung


Baglan und Bast

Mit ihm kam der Erfolg zurück: Seitdem Baris Baglan das Traineramt beim ASV Mainz 88 innehat, gelang dem Traditionsverein innerhalb von nur zwei Jahren die Rückkehr in die erste Ringer-Bundesliga und zuletzt sogar der Sprung in die Play-offs. Ein Sportlermärchen, geschrieben hauptsächlich von dem 35-jährigen Sportwissenschaftler selbst, aber nicht nur … »Da gehört eine ganze Reihe von Menschen dazu«, gibt sich der Erfolgscoach bescheiden und zählt auf: Seine Mannschaft, die Fans, den Vorstand, die Betreuer – und Emil Müller. Der zweite Vorsitzende ist ein echtes 88er-Urgestein, war Aktiver, Trainer, Betreu­er und hatte dabei auch den jungen Baris unter seinen Fittichen. Müller war es auch, der Baglan 2004 das Traineramt anbot. Das prägt: »Emil Müller ist ein lebendes Vereins-Denkmal. Ein echter Ringer und ein echter Mainzer«, schwärmt Baglan von seinem doppelten Mentor. Worte, die auch auf ihn selbst zutreffen könnten.

Vom Meenzer Bub zum Spitzenathleten


Im zarten Alter von drei Jahren zog es den »Meenzer Bub mit türkischen Wurzeln« (Baglan über Baglan) und seine Familie in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt. Kurz darauf wurde der Dreikäsehoch mit dem 88er-Virus infiziert. »Mein Vater hatte mich zu einem Schnuppertraining in die Sporthalle der Neutorschule mitgenommen. Schließlich ist Ringen in der Türkei ein Nationalsport«, erinnert sich Baglan an seine Anfänge, bei deren Erzählung er »immer noch eine Gänsehaut bekommt.« Der junge Baris blieb auf der Matte, auch weil sich rasch die ersten Erfolge einstellten. Zuerst bei den Jugendlichen, später dann bei den Aktiven. Mit dem KSV Aalen wurde er deutscher Mannschaftsmeister, holte mehrere Medaillen im Einzel und wurde Mitglied der deutschen Nationalmannschaft. Vor fünf Jahren zog er einen Schlussstrich unter seine aktive Karriere und wechselte auf die Trainerbank. Der Rest ist Sportgeschichte

Grenzgänger zwischen Kulturen und Berufen


Allerdings eine, die beinahe völlig anders geschrieben worden wäre. Kurz vor dem Abitur kam das Angebot, in den Kader der türkischen Nationalmannschaft aufgenommen zu werden. Ein große Ehre, aber auch eine gewaltige Umstellung, denn dafür hätte Baglan nach Istanbul umziehen müssen. Er selbst wäre bereit gewesen, »mein Vater aber sagte, ‚Nein‘. Mein Abitur sei wichtiger«. Der Sohn gehorchte, blieb in Mainz, baute sein Abi und setzte ein Sportstudium oben drauf. Es folgten die ersten beruflichen Gehversuche und dann der Vorschlag eines Laufbahnberaters, es doch einmal als Lehrer zu versuchen. In Helmut Wagner, dem Direktor der Grund- und Hauptschule »Am Lemmchen« in Mombach fand Baglan seinen zweiten Emil Müller: »Er gab mir eine Chance, förderte und forderte mich«, beschreibt er das Verhältnis zu seinem Chef.

Vom Trainer zum Lehrer und zurück


Wagner war es auch, der Baglan riet, sich zu einem »echten« Lehrer weiterzubilden. Eine harte Zeit, mit Aufbaustudium, Referendariat, seinem Sport und der eigenen Familie. Mittlerweile nämlich gab es eine Frau an seiner Seite und zwei kleine Mädels, die natürlich auch etwas von ihrem Papa haben wollten. Dass er auch diesen Kampf für sich entscheiden konnte, hatte zwei entscheidende Gründe: Seine Frau (»Sie hat mir immer den Rücken frei gehalten«) und der sportliche Sieg gegen seinen eigenen Dämon: »Das war ein Kampf gegen einen mehrfachen Weltmeister aus Russland«, erzählt Baglan. Gegen den gleichen Gegner hatte sich der Mainzer einmal schwer an der Schulter verletzt. Doch während die körperlichen Blessuren längst verheilt waren, hatte die Seele noch Narben, die es nun zu lindern galt. »Gegen diesen Mann wieder auf die Matte zu gehen, mich ihm zu stellen, war eine Herausforderung, die mir heute noch hilft, in jeder Lebenslage«, beschreibt Baglan den vielleicht größten Sieg seiner Karriere. Wie überhaupt der lehrende Trainer von seiner Doppeltätigkeit zu profitieren weiß. So arbeitet er zurzeit an einem Schulprojekt zum Aggressionsabbau unter dem Motto »Raufen nach Regeln« und versucht das Ringen in den Sportunterricht an seiner eigenen Lehranstalt mit einzubauen. Dabei hält er gleichzeitig Ausschau nach Talenten, die er dann – das Interesse der Kids vorausgesetzt – einlädt bei den 88ern den Sprung vom Hobby zum Leistungssport zu machen (wenn nötig, inklusive persönlichem Chauffeursdienst). Ein ständiges Geben und Nehmen also, das sich nach Baglans Willen in einem Punkt kanalisieren soll: Dem Respekt vor dem Anderen, das Wissen, dass der Mensch an erster Stelle steht. Ein schwerer und wohl nie endender Kampf und die vielleicht größte Herausforderung des ringenden Pädagogen.


Mario Bast

Infos: Die nächste Bundesligasaison beginnt für den ASV Mainz 88 am letzten Augustwochenende. Am Samstag, den 29.08. um 19:30 Uhr startet das Team von Baris Baglan mit einem Auswärtskampf beim KSV Seeheim. Eine Woche später, am Samstag, den 5. September, ebenfalls um 19:30 Uhr steht dann der erste Heimkampf an. Gegner ist das Team der RG Hausen-Zell. Weitere Infos gibt es unter www.asvmainz88.de.