Heft 225 Juni 2009
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Domgeschichte

Zufluchtsstätte im 2. Weltkrieg:

(Über-)leben im Dom


Lulu Schwamb

Mainz, 1944, Lulu Schwamb, 14 Jahre, soll beim Bäcker Brot kaufen. Sie betritt die Bäckerei, doch kurz bevor sie bezahlen will, hört man die Sirenen. Laute Intervalle. Das bedeutet Hauptangriff. Hastig klemmt Lulu sich das Brot unter den Arm und rennt so schnell sie kann aus der Bäckerei hinaus in Richtung des sichersten Verstecks der ganzen Stadt: der Willigis-Dom. Dort angekommen hält Lulu Ausschau nach ihrer Mutter, und zum Glück hat auch sie es rechtzeitig in den Dom geschafft. Die nächsten fünf Stunden verbringt Lulu damit, den Flugzeugen draußen zuzuhören und mit ihren Freunden, die ebenfalls in den Dom geflüchtet sind, zu spielen. Dann wird es allmählich still am Himmel. Lulu und ihre Freundin spähen aus der Kirchentür und tatsächlich – die Flieger sind weg. Lulus Mutter nimmt sie und ihre Geschwister an der Hand und zusammen gehen sie durch den kühlen Abend wieder nach Hause. Mainz, 2009, Lulu Schwamb, 78 Jahre, und ich sitzen uns im Domcafé gegenüber. Sie erzählt mir von ihrer Jugend, die so ganz anders war als meine heute. Eine Jugend, die wegen der zahlreichen Luftangriffe auf Mainz oft aus Flucht und Verstecken bestand. Dabei hatten Lulu und ihre Familie noch ziemliches Glück, dass ihnen der wahrscheinlich sicherste und geeignet­ste Zufluchtsort in ganz Mainz zur Verfügung stand: der unerschütterliche Mainzer Dom. Die Briten und Amerikaner, die von 1942 bis 1945 aus der Luft Bomben auf Mainz abwarfen, hätten einen echten Volltreffer erzielen müssen, um ihn zu zerstören. Zwar hatte man aus Angst vor den Erschütterungen durch die Bomben alle Figuren und Seitengänge zugemauert. Trotzdem bot der Mainzer Dom noch genügend Platz für größere Menschenmengen. Also ein ziemlich idealer Schutzbunker. Der damalige Dompfarrer wohnte direkt im Domgässchen. Bei lang andauernden An­grif­fen, wo sich Dutzende Leute manchmal ganze Tage oder Nächte lang im Dom aufhielten, brachte er von zuhause große Töpfe Suppe mit, damit alle etwas zu essen hatten. Jedes Mal waren viele Kinder da, erzählt Lulu Schwamb, die sich die Zeit mit Schularbeiten, Lesen und Spielen vertrieben. Manchmal hörten sie auch dem Pfarrer bei seinen gelegentlichen Predigten zu. Betreten wird Lulus Gesichtsausdruck, als sie von der großen Frauenüberzahl zu dieser Zeit erzählt. Bereits Jungs im Alter von 13 Jahren wurden an die Front geschickt. Auch Lulus späterer Ehemann und dessen Bruder mussten mit 14 Jahren im Krieg kämpfen.

Lilly Hartmann
Lilly Hartmann

Er kehrte glücklicherweise zurück, und Lulu heiratete mit 18 Jahren – natürlich im Mainzer Dom. Das einzig Gute an diesen Kriegszeiten war laut Lulu, dass die Frauen dadurch selbständig geworden sind. Wären sie damals nicht so völlig auf sich allein gestellt gewesen, wären sie heute nicht so unabhängig. Ob der Krieg für sie sehr beängstigend war? Ja, meint Lulu, doch als Kind gewöhnte man sich irgendwie daran. Und außerdem habe sie während dieser Zeit auch Einiges gelernt, z.B. dass Zusammenarbeit im Extremfall sehr wichtig sein kann. Lulu Schwamb erinnert sich noch genau an den Tag, als es im Domgarten brannte. Sie mussten eine lange Kette bilden, und es wurden Wassereimer weitergereicht. Tatsächlich ist kein allzu großer Schaden im Garten entstanden. Doch das restliche Mainz blieb nicht so verschont: am Ende des Krieges waren 80 Prozent der Stadt komplett zerstört. Lulu Schwamb hat noch deutlich das Bild ihrer Mutter im Kopf, wie sie mithalf, eines der im Krieg zersplitterten Glasfenster im Dom zu reparieren. Und sie erinnert sich genau an den 27. Februar 1945, an dem der schlimmste Bombenangriff auf Mainz stattfand. Durch die gute Akustik innerhalb des Doms bekam Lulu die 435 Flieger und 1500 Tonnen Bomben ziemlich gut mit. Insgesamt starben allein an diesem Tag 1209 Menschen. Lulu Schwamb und ihr Mann besuchen den Dom heute noch oft. Meistens sitzen sie dann einfach auf den Bänken und denken über damals nach und was der Dom für sie bedeutet. Für Lulu ist der Dom das Wichtigste und Schöns­te an Mainz und sie vermisst ihn schnell, wenn sie mal weg fährt. Egal ob katholisch oder evangelisch, ob jung oder alt - der Dom ist für jeden Menschen faszinierend. Aber wahrscheinlich verbinden wenige Menschen so viele Erlebnisse mit ihm, wie die nun 78 jährige Lulu Schwamb.


Lilly Hartmann, 12 Jahre