Heft 224 Mai 2009
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Stille Örtchen

Öffentliche Toiletten in Mainz:

Nicht nur Ansichtssache


Toilette
Werden sie regelmäßig und ordentlich geputzt, »duften« sie unauffälliger und sind auch ohne Nasenklammer benutzbar.

Ob beim Einkaufsbummel in der Stadt, bei einem Spaziergang durch den Volkspark oder auf der Radtour entlang des Rheins: Es ist gut zu wissen, wo sie sich befinden, wenn es mal »dringend« ist - die öffentlichen Toiletten in Mainz. Laut Webseite des Wirtschaftsbetriebes gibt es 23 der kostenfreien »stillen Örtchen« im Zentrum und in einigen Stadtteilen. Nicht viele angesichts der Tatsache, dass die Landeshauptstadt insbesondere im Sommer begehrtes Ausflugsziel zahlreicher Schiffs- und Busfahrten und damit tausender Touristen aus dem In- und Ausland ist. Da sich die meisten Besucherströme auf den Innenstadtbereich konzentrieren erstaunt es, dass in unmittelbarer Nähe zum berühmten Mainzer Wahrzeichen, dem Dom, lediglich eine Toilettenmöglichkeit vorhanden ist.



Toilette
Die Kosten zur Errichtung einer Toilettenanlage (hier am Feldbergplatz / Kaiserstraße) belaufen sich im Durchschnitt auf 100.000 Euro, die Unterhaltung kostet etwa 16.500 Euro im Jahr.

Gehbehinderte müssen oben bleiben


Nur über Treppen zugänglich befinden sich im Untergeschoss des Schuhhauses Butler fünf Damen- und zwei Herren-WC. Eine Behinderten-Toilette ist hier nicht eingerichtet und es drängt sich die Frage auf, wie Menschen mit Gehbehinderung die Stufen ohne Schwierigkeiten hinab- und hinaufsteigen. Abgesehen vom Geruch, »der fast unerträglich ist«, wie eine Besucherin aus Koblenz bemerkt, ist dieser kaum von außen erkennbare Toilettenbereich ohne Nachfrage nicht zu finden, denn auf Beschilderung wurde rund um und auf dem Dom-Platz gänzlich verzichtet. Behinderte müssen im Altstadt- und Innenstadtbereich die Toiletten in der Heugasse und Badergasse aufsuchen, deren Standorte jedoch auch nicht angezeigt werden.

Ganz anderes stellt sich die Toilettensituation im Stadt- und Volkspark dar. Wegweiser zeigen hier nicht nur die Spazierrouten, sondern auch das nächste der insgesamt drei Toilettenhäuschen an, die alle ein Behinderten-WC bereitstellen und zudem sehr sauber sind. An der Rheinufer-Promenade fehlen ebenfalls die Beschilderungen zu den Toiletten, dafür sind die drei WC-Häuser am Hotel Hilton, Kaisertor und auf dem Feldbergplatz behindertengerecht, wenn auch nicht unbedingt sauber. Viele der öffentlichen, separaten Behindertentoiletten sind abgeschlossen, da sie nach Aussage des »Commit Club« nur von Behinderten genutzt werden sollen. Dieser Verein bietet für diese Toiletten einen Schlüssel an, der übrigens europaweit verwendet werden kann, und bei 100-prozentiger Schwerbehinderung und gegen Vorlage des Ausweises für 18 Euro erhältlich ist oder auf Anfrage zugeschickt wird.



Toilette
Zentral gelegen aber ohne Hinweisschilder schwer zu finden: die Damentoilette »Höfchen im Schuhhaus Butler«.

Die »Nette Toilette«


Alle Beobachtungen zusammengefasst, mangelt es im Innenstadtbereich nicht nur an Toilettenhäusern, deren Sauberkeit je nach Standort erheblich variiert, sondern es fehlen auch die entsprechenden Hinweisschilder. Dass sich außer dem MAINZER noch andere Mainzer Gedanken über die öffentlichen Bedürfnisanstalten machen, zeigte die Anfrage der FDP-Stadtratsfraktion in der Stadtratsitzung Mitte März. Städte wie Konstanz und Bensheim, so die Liberalen, unterstützten die Idee, dass Gastronomen ihre Toiletten kostenfrei zur Verfügung stellen und dafür mit einem städtischen Zuschuss bedacht werden. »Nette Toilette« oder auch »Freundliche Toilette« lautet das Konzept.

In seiner schriftlichen Antwort führt Wolfgang Reichel, Verwaltungsratsvorsitzender des Wirtschaftsbetriebs, aus, die Anzahl der Toilettenanlagen in Mainz sei, nach Meinung des Wirtschaftsbetriebs, ausreichend. Die Verwaltung sehe wenige Möglichkeiten, die Idee umzusetzen, insbesondere der Bereich »Behindertengerechte Toilettenanlagen« könne so nicht abgedeckt werden, Toiletten in Gaststätten könnten von behinderten Menschen häufig nicht oder schwer benutzt werden, deshalb sei auch kein Einsparpotenzial erkennbar. Erfahrungen mit der »Netten Toilette« haben auch die Wiesbadener schon gemacht. Zeitungsberichten zufolge hatte Stadtplanungsdezernent Joachim Pös (FDP) bereits vor vier Jahren versucht, Gastronomen für diese Idee zu begeistern. Von den ursprünglich immerhin drei Gastronomen sei einzig ein Kioskbetreiber im Nerotal übrig geblieben. Pös kündigte an, einen neuen Anlauf unternehmen zu wollen.

Übersicht der öffentlichen Toiletten Mainz: www.wirtschaftsbetrieb.mainz.de/entwaesserung


NM